Meinung

Alice Weidel und die AfD-Leaks

Michaela Dudley

Wer einst den Aufstieg von Alice Weidel beobachtete, erlebte eine erstaunlich bunte Inszenierung. Eine promovierte Ökonomin, lesbisch, international – gebürtig aus Gütersloh, wohnhaft in der Schweiz. Die Co-Vorsitzende der AfD verkörperte das Versprechen, sie sei zwar rechtskonservativ, aber weltoffen und im bürgerlichen Spektrum verankert.

Doch die jüngst geleakten Hunderttausenden E-Mails reißen diese Fassade ein. Schon die Enthüllungen in Endlosschleife über Spendenaffären lassen gravierende Lücken in Weidels Führungsintegrität erkennen. Nicht minder besorgniserregend sind aber die Daten, die wie auf einem Röntgenbild das ideologische Innenleben der Partei sichtbar machen: Mails dokumentieren SA-Parolen, SS-Devotionalien und akribisch geführte Feindeslisten.

Für die jüdische Gemeinschaft ist diese Entlarvung brisant. Besonders seit dem 7. Oktober 2023 erleben sich Juden als Freiwild für eine israelfeindliche Linke, während sie von Bürgerlichen als die »guten Ausländer« gezeichnet werden. Wenn die AfD verspricht, gegen »migrantische Gewalt« hart durchzugreifen, stößt das bei einigen Betroffenen des Judenhasses auf offene Ohren.

Höcke und sein völkisch-nationalistischer Flügel haben den Machtkampf schon vor langer Zeit gewonnen.

Überdies sei es Weidel gelungen, Höcke von der Macht fernzuhalten. So zumindest das Narrativ, mit dem die AfD hoffte, die Mitte zu beschwichtigen und sogar den Zweckoptimismus mancher Juden zu wecken. Doch Höcke und sein völkisch-nationalistischer Flügel haben den Machtkampf schon vor langer Zeit gewonnen. Sie sind nicht ein Gesicht der AfD, sie sind das Gesicht.

Weidel absolvierte ganz ohne Fangnetz einen Drahtseilakt – stolze fünf Zentimeter über dem Boden. Und bei Ausrutschern landete sie immer wieder unverletzt in den Talkshows. Denn sie sorgte für Einschaltquoten. Doch nun sinken ihre Beliebtheitswerte drastisch: Durch die geleakten E-Mails ist sie im aktuellen INSA-Politiker-Ranking erstmals aus den Top Ten gepurzelt. Ob die Medien der 47-Jährigen auch diesmal wieder auf die Füße helfen, bleibt offen.

Fakt ist: Einer Partei, in deren Reihen NS-Verbrechen relativiert werden, dürfen der Schutz jüdischen Lebens und die Pflege der Erinnerungskultur niemals anvertraut werden.

Die Verfasserin ist Buchautorin, Kabarettistin, Keynoterin, Juristin, Berlinerin und Queerfeministin mit afroamerikanischen Wurzeln.

Meinung

Wieder ein »kleiner Geländegewinn«

Die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde hat es erneut geschafft, die Regierungsunfähigkeit ihrer Partei zu demonstrieren

von André Anchuelo  28.10.2026

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt heute über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  27.10.2026 Aktualisiert

Essay

Der Druck der Straße: Kann Frankreich seine Juden noch schützen?

Eine Republik, die ihre Rathäuser nicht schützen kann, wird auch ihre Juden nicht mehr lange beschützen können, meint unser Gastautor

von Rabbiner Pinchas Goldschmidt  23.10.2026

Glosse

Beim »Spiegel« kann man jetzt mit der Nazi-Kartei chatten

Das Hamburger Nachrichtenmagazin hat nachgelegt: Nun gibt es einen Chatbot, mit dessen Hilfe der Leser mit der NSDAP-Mitgliederkartei interagieren kann. Dafür verdient der »Spiegel« Lob, Grimme-Preis und Dank, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Elif Eralp

Meinung

Sprengsatz im Berliner Kessel

Was brodelt in der Berliner Linken – und warum wollen SPD und Grüne mit ihr regieren?

von Peter Hesse  19.10.2026

Kommentar

Demokratie braucht Pressefreiheit

Israelische Behörden gehen immer rigoroser gegen Medienschaffende vor, die Kritik an der Regierung äußern. Diese Verbote schwächen am Ende die Demokratie und damit den jüdischen Staat als Ganzes

von Susanne Stephan  19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026