Wer einst den Aufstieg von Alice Weidel beobachtete, erlebte eine erstaunlich bunte Inszenierung. Eine promovierte Ökonomin, lesbisch, international – gebürtig aus Gütersloh, wohnhaft in der Schweiz. Die Co-Vorsitzende der AfD verkörperte das Versprechen, sie sei zwar rechtskonservativ, aber weltoffen und im bürgerlichen Spektrum verankert.
Doch die jüngst geleakten Hunderttausenden E-Mails reißen diese Fassade ein. Schon die Enthüllungen in Endlosschleife über Spendenaffären lassen gravierende Lücken in Weidels Führungsintegrität erkennen. Nicht minder besorgniserregend sind aber die Daten, die wie auf einem Röntgenbild das ideologische Innenleben der Partei sichtbar machen: Mails dokumentieren SA-Parolen, SS-Devotionalien und akribisch geführte Feindeslisten.
Für die jüdische Gemeinschaft ist diese Entlarvung brisant. Besonders seit dem 7. Oktober 2023 erleben sich Juden als Freiwild für eine israelfeindliche Linke, während sie von Bürgerlichen als die »guten Ausländer« gezeichnet werden. Wenn die AfD verspricht, gegen »migrantische Gewalt« hart durchzugreifen, stößt das bei einigen Betroffenen des Judenhasses auf offene Ohren.
Höcke und sein völkisch-nationalistischer Flügel haben den Machtkampf schon vor langer Zeit gewonnen.
Überdies sei es Weidel gelungen, Höcke von der Macht fernzuhalten. So zumindest das Narrativ, mit dem die AfD hoffte, die Mitte zu beschwichtigen und sogar den Zweckoptimismus mancher Juden zu wecken. Doch Höcke und sein völkisch-nationalistischer Flügel haben den Machtkampf schon vor langer Zeit gewonnen. Sie sind nicht ein Gesicht der AfD, sie sind das Gesicht.
Weidel absolvierte ganz ohne Fangnetz einen Drahtseilakt – stolze fünf Zentimeter über dem Boden. Und bei Ausrutschern landete sie immer wieder unverletzt in den Talkshows. Denn sie sorgte für Einschaltquoten. Doch nun sinken ihre Beliebtheitswerte drastisch: Durch die geleakten E-Mails ist sie im aktuellen INSA-Politiker-Ranking erstmals aus den Top Ten gepurzelt. Ob die Medien der 47-Jährigen auch diesmal wieder auf die Füße helfen, bleibt offen.
Fakt ist: Einer Partei, in deren Reihen NS-Verbrechen relativiert werden, dürfen der Schutz jüdischen Lebens und die Pflege der Erinnerungskultur niemals anvertraut werden.
Die Verfasserin ist Buchautorin, Kabarettistin, Keynoterin, Juristin, Berlinerin und Queerfeministin mit afroamerikanischen Wurzeln.