Kein Witz: Man kann sich neuerdings mit einer Kartei unterhalten - dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« sei Dank. Und es ist nicht irgendeine Kartei, sondern die Nazi-Kartei.
Schon seit einem halben Jahr haben auf der »Spiegel«-Webseite zahlende Leser des Magazins die Möglichkeit, die Millionen Karteikärtchen umfassende Mitgliederkartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) zu durchforsten. Auch die Konkurrenz von »Zeit«, »Süddeutscher Zeitung« und »Bild« hat sich um die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der deutschen Parteiengeschichte große Verdienste erworben.
Am Mittwoch konnte man auf der Seite des »Spiegel« erfahren, dass die »Nazi-Kartei« für den Grimme-Publikumspreis nominiert ist. Damit der Leser das Ganze nicht nur als Hinweis in eigener Sache, sondern als Aufforderung zum Handeln ansieht, folgt ein Satz und ein Link: »Das Angebot mit den meisten Stimmen erhält den Publikumspreis, der unabhängig von der Entscheidung der Jury vergeben wird – hier können Sie abstimmen.«
Nun ist der Grimme-Preis nicht irgendeine Auszeichnung. Dass er bis 2010 »Adolf-Grimme-Preis« hieß, ist hingegen reiner Zufall. Der Namensgeber war nicht NSDAP-Mitglied wie sein ebenfalls 1889 geborener Vornamensvetter, sondern ein aufrechter Sozialdemokrat. Folglich wurde Grimme in der NS-Zeit verfolgt - vermutlich auch von einigen jener Personen, die in der NSDAP-Kartei verzeichnet sind.
Doch schweifen wir nicht ab. All das ist nebensächliches Geplänkel. Zurück zum Grimme-Preis. Um die Chancen zu erhöhen, hat man sich beim »Spiegel« etwas einfallen lassen. Ab sofort kann man die Nazi-Kartei nicht nur durchsuchen, sondern auch mit ihr chatten. »Probieren Sie es hier aus«, ruft der »Spiegel« seinen Lesern per Überschrift zu.
Ja, richtig gelesen: Man soll mit den acht Millionen NSDAP-Mitgliedern, die allesamt das Zeitliche gesegnet haben dürften und nur noch als Karteikärtchen ihr Dasein fristen, in Kontakt treten. Indirekt zumindest. »Statt sich durch Suchmasken und Datenbankeinträge zu klicken, kann man sich also einfach mit seinem Chatbot über die historischen Dokumente unterhalten«, verspricht der »Spiegel«.
Die wissbegierige Leserschaft wird es freuen. Vorbei sind lästige Texteingaben. Nun wird kritisch nachgehakt, wie man das von einem renommierten journalistischen Flaggschiff erwarten würde. Getreu dem alten Augstein-Motto heißt es nun beim »Spiegel« nicht mehr nur »Sagen, was ist«, sondern (auch) »Fragen, was war«.
Verbesserungsvorschläge sind willkommen
Unfehlbar wie der Papst in Rom ist der neue Chatbot natürlich nicht. Das hat die »Spiegel«-Redaktion vorsorglich klargestellt. Auch hartgesottene Neonazis werden noch nicht auf ihre Kosten kommen, denn die Antworten des Nazikarteichatbots können wohl noch nicht in der Stimme Adolf Hitlers ausgegeben werden. Für einen bestimmten Personenkreis ist das Tool also nicht von Interesse. Doch immerhin: Für Verbesserungsvorschläge hat die Redaktion eine eigene E-Mail-Adresse eingerichtet: Sie lautet nazikartei@spiegel.de.
Doch zurück zum Grimme-Preis: Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die NSDAP-Mitgliederkartei einmal für den wichtigsten deutschen Medienpreis nominiert werden würde? Dass sich fast 100 Jahre nach der Machtergreifung der Hitler-Partei dereinst wieder ein Millionenpublikum für sie interessieren würde?
Deutschlands führendem Nachrichtenmagazin gebührt Lob, Grimme-Preis und Dank für die Hingabe und die Aufmerksamkeit, die es diesem Datens(ch)atz zukommen lässt. Angesichts eines derartigen Engagements und des Fortschritts der Technik ist es wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis man die Karteileichen zum Leben erwecken und sich als »Spiegel«-Leser mit ehemaligen NSDAP-Größen austauschen kann.
Bald schon heißt es dann: »Was Sie schon immer mal über Joseph Goebbels wissen wollten und sich nie zu fragen getraut haben.«
