Vor einigen Wochen, erzählt Hanna Klein (Name von der Redaktion geändert), habe sich ihr Wohnzimmer in ein Recherchezentrum verwandelt. Sie saß mit ihrem Mann auf dem Sofa, beide hatten einen Laptop auf dem Schoß. Kleins Mutter gab die Daten am Telefon durch. Sie nannte die Orte, in denen ihre Vorfahren gelebt hatten, Geburtstage, an die sie sich noch erinnerte, und die Namen von Großeltern, Tanten und Onkeln, deren Biografien Klein nur anekdotisch kannte. Von einem, der in Russland verschollen war, einem anderen, der immer schrie, wenn man ihn auf die Zeit der Kriegsgefangenschaft ansprach, und jenem, bei dem man nach seinem Tod noch eine Waffe fand.
Klein wusste von den Männern, die schwiegen, und von der Großmutter, die nicht aufhören konnte zu erzählen: von Bombenangriffen, vom Hunger und von den Soldaten ohne Beine. »Aber was genau meine Verwandten in der Nazizeit getan hatten, das wusste ich nicht«, sagt Hanna Klein. »Ich hatte nur so eine Ahnung, dass da was sein könnte.«
Irgendwann stößt sie auf eine Karteikarte mit dem Namen des kleinen Ortes bei München, aus dem ihre Familie stammt. Sie liest die Daten laut vor: Name, Beruf, Parteieintritt 1939. »Ja, das ist mein Opa«, sagt ihre Mutter am Telefon. »Dein Urgroßvater.«
Ein Treffer in der Kartei hinterfragt über Generationen erhaltene Familienmythen.
Sie habe in diesem Moment eine Erleichterung gespürt, sagt Klein. »Jetzt habe ich es schwarz auf weiß, und ich bin darauf vorbereitet, wenn mein Kind mich eines Tages danach fragt.« Noch muss ihre Tochter gewickelt werden. Aber irgendwann möchte sie ihr sagen: »Du hast auf der einen Seite Urgroßeltern, die aus Odessa kommen und eine lange jüdische Tradition pflegen. Und auf der anderen Seite – ja, da gibt es mindestens einen Nazi.«
Familiennamen in Suchmasken eingetippt
So wie Hanna Klein haben in den vergangenen Monaten sehr viele Deutsche ihre Familiennamen in Suchmasken eingetippt, um herauszufinden, ob die Vorfahren in der Hitler-Partei organisiert waren. Im März stellte das amerikanische Nationalarchiv die NSDAP-Kartei erstmals online. Damit wurden die von den Nazis akribisch geführten Millionen Mitgliederkarten plötzlich frei zugänglich. Das interessierte so viele, dass der Server unter den hohen Aufrufzahlen zeitweise zusammenbrach. Und selbst wenn man die Seite dann doch aufrufen konnte, war die Suche in den PDF-Dateien unübersichtlich und zeitaufwendig.
Deutsche Medien erkannten schnell das riesige Interesse an der Nazi-Datei. Von einem »Datenschatz« ist die Rede. Bei der »Zeit« und beim »Spiegel« machen sich kurz nach Veröffentlichung durch die Amerikaner Teams von IT-Experten und Redakteuren ans Werk. Ihr Auftrag: möglichst schnell die oft handgeschriebenen Karteikarten auszulesen und eine eigene, nutzerfreundliche Datenbank zu bauen. Allein beim »Spiegel« wurden mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter dafür abgestellt. Die »Zeit« geht Anfang April als Erstes an den Start, vier Wochen später veröffentlicht auch der »Spiegel« sein Such-Tool. Beide befinden sich hinter einer Bezahlschranke.
Immer noch buhlen die beiden Medienhäuser eifrig um Neugierige. Fast täglich veröffentlichen sie Begleitartikel, in denen unter anderem Prominente erklären, welche Vorfahren sie in der Kartei entdeckt haben. Vergangene Woche vermeldet der »Spiegel«, man habe 864.000 weitere Karteikarten eingestellt. Bei der »Zeit« heißt es, ihr Tool sei bereits millionenfach aufgerufen worden. Wie viele Leser sie auf diese Weise hinzugewonnen haben, wollen die Medienhäuser nicht verraten. Im Hintergrund ist von mehreren Zehntausend Online-Abos die Rede. Und davon, dass die NSDAP-Kartei der bislang erfolgreichste Weg war, um im Netz neue User zu gewinnen. Aber kann der »digitale Megatrend« wirklich bei der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte helfen?
Auch Noemi Levi (Name von der Redaktion geändert) hat über das Such-Tool der Zeit ihren Urgroßvater als NSDAP-Mitglied ausgemacht. Überrascht hat sie das nicht. Die Filmemacherin aus Berlin beschäftigt sich schon länger mit der eigenen Familiengeschichte. »Die Karte zu sehen, hat mir aber geholfen, das bestehende Narrativ endgültig zu hinterfragen«, sagt sie. Schon seit Längerem ärgere sie sich darüber, wie verharmlosend im nichtjüdischen Teil ihrer Familie über den Urgroßvater gesprochen werde. Erst ein paar Wochen vor dem Treffer in der Mitgliederkartei fand sie in Archiven heraus, dass auf der jüdischen Seite der Familie ein Onkel auf einem Todesmarsch erschossen wurde. Inzwischen hat Levi beim Bundesarchiv einen weitergehenden Suchantrag gestellt. »Ich habe das Gefühl, dass da noch etwas ist. Ich möchte jetzt alles wissen.«
Gegen einige Dutzend hochbetagte mutmaßliche Gehilfen und Kriegsverbrecher laufen Überprüfungen
Natürlich haben nicht nur die Amerikaner Akten, die bei der Frage nach der möglichen Mittäterschaft von Vorfahren weiterhelfen können. Die Zentrale Stelle der deutschen Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg beherbergt eines der wichtigsten Archive dazu. Oberstaatsanwalt Thomas Will leitet seit einigen Jahren die Behörde. Er ist so etwas wie der oberste deutsche »Nazi-Jäger«. Noch immer fahndet man in Ludwigsburg nach NS-Straftätern, gegen einige Dutzend hochbetagte mutmaßliche Gehilfen und Kriegsverbrecher laufen Überprüfungen.
Nur wenige Meter von Wills Büro entfernt befinden sich Metallschränke mit 1,8 Millionen Karteikärtchen. Fortlaufend wird das Archiv erweitert, stetig kommen neue Erkenntnisse hinzu. Wäre das Ludwigsburger Archiv online durchsuchbar, lieferte es vermutlich deutlich mehr Hinweise auf eine Verstrickung in NS-Verbrechen als die NSDAP-Mitgliederkartei.
Andere Archive bieten weitaus mehr Hinweise auf eine Verstrickung in die NS-Verbrechen.
Will wundert sich über den Hype um die neue Suchfunktion. »Das sind alles Dinge, die man schon seit Langem beim Bundesarchiv in Erfahrung bringen kann.« Doch die digitale Nutzung scheine wesentlich reizvoller zu sein als das Schreiben von Briefen, in denen man begründen muss, warum man bestimmte Informationen haben möchte. Will empfiehlt, den klassischen Weg über das Bundesarchiv nicht zu vernachlässigen, auch wenn der umständlicher sei. »Wer wirklich mehr über strafrechtliche Verstrickungen wissen möchte, muss auch noch andere Quellen nutzen.«
Der Historiker Stephan Lehnstaedt, der seit mehr als 20 Jahren zum Thema Nationalsozialismus forscht und die NSDAP-Mitgliederkartei auf Mikrofilmen kennengelernt hat, unterstreicht die Notwendigkeit der historischen Einordnung der Suchergebnisse. Den Claim des »Spiegel« – »Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat« – hält er für Unsinn. »Man muss diese Akten verstehen und kontextualisieren.« Wichtig sei beispielsweise, wann jemand der NSDAP beigetreten sei.
Hoher Gruppen- und Anpassungsdruck
»Wenn ich feststelle, dass der Opa schon 1925 und nicht erst 1939 dabei war, hat das eine gewisse Aussagekraft.« In den späten 30er-Jahren habe es einen hohen Gruppen- und Anpassungsdruck gegeben, wenngleich zu keinem Zeitpunkt jemand gezwungen gewesen sei, Parteimitglied zu werden, sagt Lehnstaedt. Zum Kriegsende waren 8,5 bis neun Millionen Deutsche in der Partei. Das waren mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung – aber eben bei Weitem nicht alle.
Solche Einordnungen finden sich auch auf den Websites von »Spiegel« und »Zeit«. Wie viele Nutzer den Beipackzettel lesen, ist aber unklar. Wie Thomas Will befürchtet auch Lehnstaedt, dass einige auf Grundlage der Suchergebnisse den eigenen Vorfahren vorschnell Absolution erteilen. »Es könnte sein, dass man sich sagt: Ich habe das gecheckt, der Opa steht da nicht drin, damit ist die Sache für mich erledigt.« Dabei zeigten Fallstudien, wie wenig eine fehlende Parteimitgliedschaft von einer Verstrickung in den NS-Apparat freispreche: Lehnstaedt erzählt vom Polizeibataillon 101 in Lublin. »Das waren Familienväter in ihren Dreißigern, die umhergingen und Juden erschossen. Die stammten eher aus einem SPD-Wähler-Milieu und waren sicher nicht alle in der Partei.«
Auch Hanna Klein weiß, dass es noch mehr zu erforschen gebe – doch nachdem sie die Mitgliedskarte ihres Urgroßvaters in der Kartei gefunden hat, wolle sie für sich selbst einen Abschluss finden, sagt sie. Vor ein paar Jahren ist sie zum Judentum konvertiert. Seitdem kümmert sie sich viel um Projekte in der Gemeinde. »Das ist meine Art, mit der Vergangenheit umzugehen«, sagt sie. »Ich glaube, meine Mutter hat das Ganze viel mehr mitgenommen.«
»Die Nachfahren spüren unterbewusst, dass da noch Lücken sind.«
Joëlle Lewitan
»Natürlich ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte einfacher, wenn es keine betroffenen Familienmitglieder mehr gibt, die es zu konfrontieren gilt«, sagt Joëlle Lewitan. Die angehende Sozialpsychologin hat selbst Vorfahren, die die Schoa überlebt haben, und arbeitet mit Studierenden zu Fragen von Täterschaft. In ihren Seminaren falle ihr dennoch auf, wie sehr auch die vierte Generation an Familienmythen festhalte: »Ein Teilnehmer erzählte mir von einem alten, massiven Schrank, in dem seine Großeltern Juden versteckt hatten. Später stellte sich heraus: Den Schrank gab es – den Rest der Story aber hatte er sich zusammengereimt.«
»Da, wo wir nichts wissen, fantasieren wir. So funktioniert die menschliche Psyche«, erklärt Lewitan. Sie wundert nicht, dass die neuen Such-Tools so erfolgreich sind und viele gar eine Erleichterung empfinden, wenn sie einen Verwandten auftun. »In vielen Familien spüren die Nachfahren unterbewusst, dass da noch Lücken sind. Das über Generationen durchgehaltene Schweigen ist eine immense Belastung. Wenn jetzt durch einen Fund in der NSDAP-Kartei konkrete Informationen ans Licht kommen, können sich die diffusen Ängste konkretisieren und lassen sich so besser in die eigene Biografie integrieren.« Doch die Suche berge auch die Gefahr, die neu erlangten Fakten so zu interpretieren, wie sie ins eigene Narrativ passen.
»Zu einem gewissen Zeitpunkt mussten alle irgendwie mitmachen, wenn sie überleben wollten«
Das hat auch Hanna Klein so erlebt. »Meine Mutter hat gesagt, zu einem gewissen Zeitpunkt mussten alle irgendwie mitmachen, wenn sie überleben wollten. Das war wohl die Erklärung, mit der sie gut leben konnte.« Ähnlich reagierte auch Noemi Levis Mutter auf den Karteifund: »Sie möchte immer noch nicht wahrhaben, dass der Opa nicht gezwungen war, in die Partei einzutreten.«
Die Erfahrungen von Klein und Levi zeigen: Wenn Historiker die Biografien ihnen unbekannter NS-Täter erforschen, ist das etwas anderes, als den eigenen Großvater auf einer Nazi-Karteikarte zu entdecken. Sie zeigen aber auch, wie wenig in vielen Familien – selbst in solchen, in denen die Biografien von Tätern und Opfern zusammenkommen – über die Vorfahren bekannt ist. Die Suche hat gerade erst begonnen.