Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) hat in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 insgesamt 76 Versammlungen im öffentlichen Raum beobachtet, überwiegend in Berlin. Bei 54 dieser Veranstaltungen wurde mindestens jeweils ein einschlägiger Vorfall dokumentiert. In Summe zählte die Organisation 329 antisemitische sowie 101 weitere demokratiefeindliche Vorkommnisse. Beide Kategorien werden bewusst getrennt geführt und addieren sich laut JFDA nicht zu einer Gesamtzahl.
Die Beobachtungen konzentrierten sich klar auf Berlin-Mitte mit 39 registrierten Versammlungen, gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (20) und Neukölln (12). Vereinzelt fanden Beobachtungen auch in München, Nürnberg, Leipzig und Hamburg statt. Thematisch dominierte über das gesamte Halbjahr das israelfeindliche Palästina-Spektrum, während ein großer Cluster von Versammlungen der iranischen Opposition nach JFDA-Angaben überwiegend ohne antisemitische Vorfälle blieb.
Das Forum stuft die Gefährdungslage als »hoch« ein. Ausschlaggebend seien die wiederkehrende Verherrlichung von Terror und Gewalt, eine auf Auslöschung zielende Sprache, die Dämonisierung Israels sowie wiederholte Bezüge zu verbotenen Organisationen. Auch Anfeindungen gegenüber Medien- und Beobachtungsteams flossen in die Bewertung ein.
Dämonisierung und Delegitimierung
Nach der inhaltlichen Auswertung entfielen die meisten Vorfälle auf die Dämonisierung und Delegitimierung Israels (140 Fälle), gefolgt von einer Verbindung aus Entmenschlichung und Gewaltverherrlichung (127). Vergleiche mit dem Nationalsozialismus oder Umkehrungen der Holocaust-Erinnerung wurden 30-mal erfasst, verschwörungsideologische Erzählungen 20-mal.
Als durchgängiges Motiv nennt der Bericht den Ruf nach einer »Globalisierung der Intifada«, der allein im ersten Quartal 21-mal registriert wurde. Auch die Parole »from the river to the sea« sowie Varianten der territorialen Infragestellung Israels traten wiederholt auf. Rufe wie »Kindermörder Israel« ordnet das JFDA als entmenschlichende Zuschreibung ein. Im zweiten Quartal fiel zudem eine Zunahme schuldumkehrender Aussagen mit Deutschlandbezug auf, etwa in Formulierungen wie »Israel bombardiert, Deutschland finanziert«.
Unter den einzelnen Versammlungen hebt der Bericht jene vom 16. Mai in Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln hervor, bei der unter dem Motto »Schluss mit der Besatzung Palästinas – 78 Jahre Al Nakba« rund 2000 Menschen teilnahmen. Dort seien mit 25 antisemitischen und drei weiteren demokratiefeindlichen Vorfällen die meisten Befunde einer einzelnen Veranstaltung im gesamten Halbjahr registriert worden.
Islamistische Bezüge
Als weitere demokratiefeindliche Phänomene führt das JFDA islamistische Bezüge (29 Fälle) sowie Symbolik verbotener Organisationen (20) an, gefolgt von linksextremen Inhalten (13) und Pressefeindlichkeit (12). Nach der Eskalation des Kriegsgeschehens zwischen Israel und dem Iran im Juni registrierte die Organisation zudem eine zunehmende autoritäre Solidarität mit dem iranischen Regime, sichtbar unter anderem an Porträts des Revolutionsführers Chamenei.
Der Bericht betont, dass die Abwesenheit von Straftaten nicht mit der Abwesenheit antisemitischer Inhalte gleichzusetzen sei. Die strafrechtliche Bewertung einzelner Vorfälle bleibe den zuständigen Behörden vorbehalten. Das JFDA will sein Beobachtungssystem in den kommenden Quartalen fortführen, um Entwicklungen über einen längeren Zeitraum vergleichbar zu machen. im
Der vollständige JFDA-Bericht ist hier einsehbar.