Am vergangenen Wochenende fand in Hamburg-Wilhelmsburg das Technofestival Habitat mit einem 32-stündigen Nonstop-Rave statt. Wegen des geplanten Auftritts der DJ Sama’ Abdulhadi, die mehrfach mit israelfeindlichen Äußerungen hervorgetreten war, hatte es bereits im Vorfeld vehemente Proteste gegeben. Das Habitat-Festival hielt dennoch an seinem Programm fest, wie die »Hamburger Morgenpost« nun berichtete.
Nach Angaben der Zeitung protestierten namentlich nicht genannte Aktivisten im Umfeld des Festivals mit Flugblättern und Graffiti. Demnach wurden entlang der Anreisewege sowie an Bahnhöfen und Bushaltestellen mehr als 180 Informationstexte angebracht. Die Proteste richteten sich gegen die Einladung Abdulhadis und erinnerten zugleich an den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, darunter das Massaker auf dem Nova-Musikfestival.
Abdulhadi hatte unter anderem das Massaker verteidigt: »Vor genau einem Jahr führte der palästinensische Widerstand als Reaktion auf mehr als sieben Jahrzehnte brutaler militärischer Besatzung die Schlacht von Toufan al-Aqsa durch und lenkte damit die Aufmerksamkeit der Welt auf die Notlage der Palästinenser«, postete Abdulhadi am 7. Oktober 2024 auf ihrem Instagram-Account.
»Zionismus wird auf der Tanzfläche nicht toleriert« Sama’ Abdulhadi, palästinensisch-jordanische Techno-DJ
»Toufan al-Aqsa« – die »al-Aqsa-Flut«, so nannte die Hamas selbst ihren Angriff, dem neben vielen israelischen Zivilisten in Kibbuzim, Dörfern und Städten auch zahlreiche internationale Besucher des Nova-Festivals, einem Open-Air-Techno-Event in der Nähe des Gaza-Streifens, zum Opfer fielen. Terroristen von Hamas, Islamischem Dschihad und weiteren Organisationen ermordeten an diesem Tag etwa 1200 Menschen, darunter 411 Gäste des Techno-Festivals in Israel, 44 Nova-Besucher verschleppte die Hamas als Geiseln in den Gazastreifen.
Wie »Die Zeit« berichtete, hat Abdulhadi das Massaker auf dem Nova-Festival nicht ausdrücklich kommentiert. Doch »Zionisten« hätten grundsätzlich in der Clubszene nichts zu suchen, findet die DJ. In einem Instagram-Post schrieb sie: »Zionismus wird auf der Tanzfläche nicht toleriert«.
Habitat-Festival sah keinen Grund für Ausladung
Das Habitat-Festival sah darin keinen Grund zur Ausladung von Sama’ Abdulhadi. »Antisemitismus, Rassismus, Menschenfeindlichkeit und die Verherrlichung von Gewalt« hätten bei dem Event keinen Platz, erklärte die Organisatoren in einem Statement, aus dem die »Zeit« zitiert. Weiter heißt es dort: »Aus unserer Sicht muss es innerhalb der Kultur- und Musikbranche grundsätzlich Raum für unterschiedliche Perspektiven geben – selbstverständlich innerhalb der Grenzen, die durch geltendes Recht, die Sicherheit unserer Gäste und unsere klaren Werte gesetzt werden.«
Bei dem Auftritt von Sama’ Abdulhadi handele es sich um ein DJ-Set, schrieb das Habitat-Festival in seiner Stellungnahme und ergänzt: »Politische Statements sind nicht Teil dieses Formats und auch nicht geplant. Unser Festival ist kein politisches Podium, sondern ein Musikfestival.«
»Die Zeit« berichtete über Sama’ Abdulhadi, diese spiele harten Techno und lege international in den renommiertesten Clubs und bei den größten Festivals auf. Geboren sei sie in Jordanien, aufgewachsen in Ramallah in der Westbank und seit 2017 vor allem in Paris ansässig. Das »DJ Mag« nannte sie die »Queen der palästinensischen Techno-Szene«.
Antisemitismusbeauftragte Klein und von Villiez schlagen Alarm
Bereits vor Monaten hatte sich der nun scheidende Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein, mit der Bitte um eine kritische Prüfung des Auftritts unmittelbar an den Veranstalter gewandt. Kurz vor dem Festival meldete sich auch die neue Hamburger Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez zu Wort. Sie forderte, den geplanten Auftritt der DJ Sama‘ Abdulhadi abzusagen.
»Hochproblematisch wird es dort, wo das Massaker vom 7. Oktober 2023 als Befreiungskampf verklärt wird.« Anna von Villiez, Hamburger Antisemitismusbeauftragte
In einer Pressemitteilung, die der Jüdischen Allgemeinen vorliegt, äußerte von Villiez ihr Unverständnis darüber, dass die Veranstalter trotz der wiederholten und von unterschiedlichster Seite geäußerten Bedenken an dem Auftritt festhielten. »Dass Festivals wie das Habitat starken weiblichen Stimmen aus der Region eine Bühne geben möchten, ist als solches nicht zu beanstanden. Hochproblematisch wird es dort, wo das Massaker vom 7. Oktober 2023 als Befreiungskampf verklärt wird.« Abdulhadi sei durch antisemitische Positionen in den sozialen Medien aufgefallen, so von Villiez, ihre »Verharmlosung des Massakers« vom 7. Oktober lasse auf eine »Übernahme islamistischer Deutungsmuster« schließen.
»Der systematische Einsatz schwerer sexualisierter Gewalt und der Mord an hunderten Menschen sind keine Form des Widerstands, sondern ein Verbrechen – diese Umdeutung verhöhnt die Opfer und ihre Angehörigen. Hier wäre von der Festivalleitung zu erwarten gewesen, dass die Konsequenzen aus den politischen Äußerungen von Sama‘ Abdoulhadi gezogen hätten.« Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Festivaltermins appellierte die Antisemitismusbeauftragte erneut eindringlich an die Veranstalter, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. Eine Ausladung sei auch zu diesem späten Zeitpunkt noch möglich und würde ein starkes und wichtiges Zeichen gegen jede Form von Antisemitismus setzen, so von Villiez.
Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft hatte gefordert, Abdoulhadi auszuladen. Doch die Organisatoren hielten an dem Auftritt fest. Bei der »Zeit« vermutete man handfeste ökonomische Motive für die laxe Haltung der Organisatoren. Wo immer Clubs und Festivals Musiker ausladen, deren »Palästinasolidarität in Vernichtungsfantasien über Israel oder Antisemitismus kippt«, würden sie mit Boykotten und Angriffen bestraft.
Als Beispiel werden unter anderem der Hamburger Club Hafenklang aufgezählt, der 2024 auf der Boykottliste »Index Palestine« auftauchte und sich mit Dutzenden von Konzertabsagen konfrontiert sah, und der Berliner Club »about blank«, der sich neben Boykottaufrufen, Absagen und Demonstrationen auch mit Drohungen in Form aufgesprühter roter Dreiecke konfrontiert sah, einem Zeichen, mit dem die Hamas ihre Feinde markiert. alo