Das Beste, was Elif Eralp jetzt passieren kann, ist eine große Diskussion. So, wie sie in den sozialen Medien längst begonnen hat. Über den »Spiegel«, natürlich! Durfte der Spiegel das? Ist das nicht eine Unverschämheit, was die Redaktion da gemacht hat? Kommentare von Elif Eralp veröffentlicht, die gar nicht für das Magazin bestimmt waren, sondern nur für deren eigene Leute.
Der Spiegel hatte ein Interview mit Eralp geführt, die für die Linke in Berlin Bürgermeisterin werden will, die Redakteure haben es ihr danach zum Gegenlesen zugesendet, das ist in den meisten deutschen Medien üblich. Eralps Leute vergaßen dummerweise, Kommentare ihrer Chefin wieder aus dem Word-Dokument zu löschen, bevor sie es an den Spiegel zurückmailten. Man könnte jetzt auch darüber diskutieren, wie merkwürdig es ist, dass Interviews auf diese Weise bearbeitet werden.
Hauptsache, man diskutiert nicht über das, was in den Kommentaren stand. Über die Angst von Elif Eralp vor »Leuten mit Kontakten zur Hamas«. Die Angst ihres Mannes »vor diesen Leuten«. Die Angst der Spitzenfrau der Linken in Berlin um ihre Familie, sobald, wie in dem Interview, der Name eines Mannes fällt, der auf der Wahlparty ihrer eigenen Partei in Neukölln mitgefeiert hat.
Es waren kleine Momente der Wahrheit. Elif Eralp hat an einem Computer gesessen und in das Dokument getippt, was sie denkt. Sie hat nicht an ihrem öffentlichen Bild gearbeitet, sie hat ihren Mitarbeitern geschrieben, wovor sie Angst hat. Wer sind »diese Leute«, von denen sie da geschrieben hat? Menschen aus dem Umfeld der eigenen Partei, so klingt es zumindest.
Das ist erschütternd. Nicht, weil man nicht längst ahnte, dass es dort gefährliche Leute gibt. Sondern weil die Linke genau das wochenlang abgestritten, Fragen danach und Berichte darüber als rechte bis rechtsextreme Kampagne, als mediale Hetze, als Verleumdung attackiert hat. Vor der Wahl in Berlin, nach der Wahl in Berlin, als die Fotos von der Wahlparty in Neukölln herauskamen.
Den Namen des Mannes, der da mitfeierte und den Elif Eralp aus Angst um ihre Familie nicht nennen will, kennt seit dieser Party die halbe Stadt. Er heißt Ibrahim Ibrahim, sieht aus wie ein freundlicher älterer Herr und wird von den Behörden der Terrororganisation PFLP zugeordnet.
Man kenne ihn kaum, man habe ihn nicht erkannt, man wisse gar nicht so genau, wer er sei, so klangen die Reaktionen der Linken. Kein Grund zur Sorge. Davon abgesehen, sei diese ganze Kampagne doch darauf ausgerichtet, die Vergesellschaftung von Wohnungen in Berlin zu stoppen. Es gab kein Problem in der Partei. Oder nur ein ganz kleines.
Deshalb hatte man mit den Grünen und der SPD, mit denen man in Berlin regieren will, eine Erklärung erarbeitet. Zum Antisemitismus, den es eigentlich nicht gibt in der Linken. Und dann die Mitglieder der Fraktion eine andere Erklärung zum Antisemitismus unterschreiben lassen. Ach was, eine Erklärung, die, wie die Parteichefin Ines Schwerdtner im Fernsehen erklärte, eigentlich haargenau dieselbe Erklärung war. Wer genau nachlas, fand schon ein paar andere Haare.
Eine Abgeordnete, Vanessa Emde, erklärte in den sozialen Medien, dass sie die Erklärung in der Fraktion zwar unterschrieben, aber irgendwie nicht so gemeint habe, ein kleiner Schreck. Aber dann lud die Fraktion Emde zu einem klärenden Gespräch ein, das offenbar immer noch andauert und zeigt, wie sehr man die Sache im Griff hat. Vanessa Emde hatte auf der Party am Wahlabend übrigens eines der Fotos mit Ibrahim Ibrahim aufgenommen.
Es war alles so ermüdend, dass die Linke fast damit durchgekommen wäre. Mit dem Wegreden und Aussitzen. Dann kam heraus, dass Elif Eralp sich selbst fürchtet. Vor »diesen Leuten« aus dem Umfeld der Partei, vor Männern wie Ibrahim.
Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Das musste zurechtgerückt werden. Einige Stunden, nachdem der Spiegel die Kommentare von Elif Eralp öffentlich gemacht hatte, nahm sie selbst ein Video für die sozialen Medien auf. Und erklärte darin, es sei doch »selbstverständlich«, dass sie sich als »Frau und Mutter« um ihre Familie sorge. Sie bekäme viele Nachrichten »voller Beleidigungen und Bedrohungen«, nach der Wahl sei es schlimmer geworden.
Das ist ein echtes Problem, das viele, vielleicht alle Politikerinnen und Politiker betrifft. Es hat nur wenig mit den Kommentaren zu tun, die Elif Eralp geschrieben hat, als sie das Interview mit dem Spiegel gegenlas. Wer sind »diese Leute« mit Hamas-Kontakten, die ihr Mann und sie fürchten, wie nahe stehen sie der Partei? Gibt es doch ein echtes Problem in der Linken? Sollte man nicht anfangen, offen darüber zu reden, es anzugehen?
Dann müsste man eingestehen, dass man in den vergangenen Wochen etwas verschwiegen und anderen eine Kampagne vorgeworfen hat.
Von Vanessa Emde erschien am selben Abend auch ein neuer Beitrag in den sozialen Medien. »Staaträson: Nein danke. Ich mach das nicht mit«, erklärte sie. Sie sei seit diesem Tag offiziell Abgeordnete in Berlin und stehe erst am Anfang ihres Widerstands.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.