Meinung

Die Juden waren’s!

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner Foto: imago images/Christian Spicker

Es gibt Politiker, die machen Fehler. Und es gibt Claudia Roth. Claudia Roth macht keine Fehler, ihr passieren Dinge. Sie steht irgendwo, meistens in der ersten Reihe, meistens mit Schal, und um sie herum geschieht Schreckliches, an dem sie keinen Anteil hat. Vierzig Jahre lang war das so. Bei Tilo Jung hat sie nun endlich verraten, wer hinter all dem steckt. Man hätte es sich denken können. Die Juden waren’s!

Fangen wir vorne an, in Kassel, documenta 2022. Mitten in der Stadt hängt ein antisemitisches Banner, zwölf Meter breit, mit Schweinsgesicht und SS-Rune. Die zuständige Kulturstaatsministerin heißt Claudia Roth. Sie hat das Bild vorher nicht gekannt. Zwölf Meter, das ist ungefähr ein Gelenkbus. Es gibt Menschen, die übersehen ein Stoppschild. Claudia Roth übersieht Gelenkbusse.

Verantwortlich für das Abhängen war sie hinterher übrigens auch nicht. Fürs Aufhängen nicht, fürs Abhängen nicht. Das Banner ist offenbar selbst nach Kassel gereist, hat sich selbst aufgehängt und sich am Ende selbst wieder eingerollt. Wer war’s? Die Juden jedenfalls nicht, die haben sich nur beschwert. Und das, so lernen wir jetzt, war schon der Anfang vom Druck.

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Weiter nach Berlin, Berlinale 2024. Auf der Bühne wird Israel Völkermord und Apartheid vorgeworfen, im Saal sitzt die Kulturstaatsministerin und klatscht. Hinterher erklärt sie, sie habe nur dem israelischen Filmemacher applaudiert, nicht dem palästinensischen. Bis dahin galt das Klatschen mit einer Hand als buddhistisches Rätsel, über das Mönche jahrhundertelang meditiert haben. Claudia Roth hat es gelöst. Es klingt wie eine Ausrede.

Eingreifen, sagt sie, hätte sie ohnehin nicht können, das wäre nämlich ein Eingriff gewesen. Ein Satz, den man sich einrahmen sollte. Der Bademeister konnte nicht retten, das wäre eine Rettung gewesen. Die Feuerwehr konnte nicht löschen, das wäre ein Löschen gewesen. Der Schiedsrichter konnte nicht pfeifen, das wäre ein Pfiff gewesen.

Dann kam die Kritik, und Claudia Roth hat sich im »Spiegel« ein bisschen von dem distanziert, was sie beklatscht hatte. Heute sagt sie: Das war der totale Fehler. Nicht das Klatschen, die Distanzierung. Und wer hat sie dazu gebracht? Der Zentralrat, mit unfassbarem Druck. Man muss das in seiner ganzen Schönheit würdigen.

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Claudia Roth hat in ihrem Leben ungefähr zweitausend Reden gehalten, in denen sie forderte, jüdische Stimmen in Deutschland ernst zu nehmen. Einmal hat sie es getan. Sie hält es bis heute für ihren größten Fehler. Wer war’s? Die Juden waren’s.

Und dann die Pfiffe. Die Jewrovision, der Gesangs- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren, bewacht von der Polizei, weil man in diesem Land inzwischen auch Kinder bewachen muss, wenn sie singen. Dort haben jüdische Jugendliche 2024 Claudia Roth ausgepfiffen. Sie zählt das zur schwersten Zeit ihres Lebens. Teenager. Mit Tamburin.

Andere Politiker werden bedroht, angegriffen, ihre Büros beschmiert. Claudia Roth wurde von einer Jugendgruppe ausgepfiffen, die zwischen zwei Tanznummern kurz Zeit hatte. Es war das Jahr, in dem jüdische Eltern überlegten, ob ihr Kind den Davidstern noch sichtbar tragen kann. Aber die schwerste Zeit hatte Claudia Roth. Wer war’s? In diesem Fall stimmt es sogar. Es waren tatsächlich Juden. Sie waren vierzehn.

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Am Ende des Gesprächs kommt die Erlösung. Ausländische Freunde, erzählt sie, hätten sie gefragt, wann sie sich endlich von dieser Schuld der Geschichte befreie. Damals konnte sie es noch nicht. Heute kann sie es. Andere Menschen machen mit Anfang siebzig eine Kreuzfahrt. Claudia Roth macht eine Entschuldung.

Ich stelle mir diese Freunde vor. Toskana, Abendlicht, ein Glas Rotwein, und jemand sagt zur Hüterin der deutschen Erinnerungskultur: Claudia, Liebes, jetzt lass doch mal den Holocaust. Und Claudia lässt. Nicht sofort, das muss man ihr zugutehalten. Erst nach dem Ende der Amtszeit. Sie wartet, bis es nichts mehr kostet. Und wer hat sie so lange daran gehindert, frei zu sein? Sie ahnen es.

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Das alles ist die Vollendung dessen, was man die Claudia-Rothisierung der Politik nennen kann. Das Prinzip ist einfach: Man ersetzt das Argument durch das Gefühl, und das Gefühl ist immer das eigene. Vierzig Jahre lang stand Claudia Roth an jedem Mahnmal dieser Republik, die Stimme kurz vor dem Bruch, die Augen kurz vor dem Überlaufen, die Unterlippe in ständiger Bereitschaft.

Wir haben das für Anteilnahme gehalten. Jetzt wissen wir, es waren Überstunden. Die Schuld der Geschichte war für sie kein Auftrag, sondern Gepäck, und die Juden haben darauf bestanden, dass sie es trägt. Das ist der Druck, von dem sie spricht: Juden, die erwartet haben, dass eine deutsche Kulturstaatsministerin meint, was sie bei Gedenkfeiern sagt. Eine Zumutung.

Das Perfide daran ist nicht, dass Claudia Roth Fehler gemacht hat. Das Perfide ist, wohin sie mit dem Finger zeigt. Es ist die älteste Ausrede, die dieses Land kennt. Früher stand sie auf Flugblättern und wurde in Hinterzimmern geraunt. Heute sagt man sie in einem Podcast, mit Tränen in der Stimme, und nennt es Selbstkritik. Der Satz ist derselbe geblieben. Nur die Leute, die ihn sagen, tragen jetzt Regenbogenfarben.

Einmal allerdings, ganz am Ende, versagte das System. Tilo Jung, der Gespräche führt wie ein Physiotherapeut, sanft, kreisend, ohne jeden Druck, fragte nach Rammstein. Nach der eigenen Regierung. Nach der Verantwortung der Ampel, der Claudia Roth angehört hatte. Und plötzlich war die Rührung weg, die Stimme fest, und Claudia Roth wollte wissen, wann das Gespräch denn jetzt eigentlich anfange. Man versteht ihre Verlegenheit. Bei Rammstein war kein Jude in der Nähe. Da hätte sie es selbst gewesen sein müssen.

Der Autor ist Antisemitismusbeauftragter der Brandenburger Landesregierung.

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