Janosch war ein Glücksfall für Deutschland und für Generationen von Kindern, denen er vorgelesen wurde – aber auch für die Erwachsenen, die seine Geschichten für ihre Kinder auswählten. Dem Kanon der deutschen Kinderliteratur mit seinen grausamen oder trostlosen Geschichten über Rotkäppchen, Struwwelpeter oder Heidi sowie der sozialkritischen, problemorientierten Kinder- und Jugendliteratur der 70er und 80er Jahre, mit denen ich meine Kinder nicht verängstigen wollte, setzte er eine ganz andere Vorstellungskraft entgegen. Der Kultautor erschuf eine eigene Welt, deren Figuren Liebe, Wärme, Freundschaft und Zuversicht ausstrahlten und in der ein Happy End möglich war.
Kitschig oder banal waren seine Geschichten dabei aber nie. Poetisch und hoffnungsfroh, mit einnehmenden Illustrationen, denen immer etwas wohltuend Unperfektes anhaftete, berührten sie Kinder wie Erwachsene. Fast könnte man ihn als Nationaldichter bezeichnen, so berühmt, auch international, ist er geworden: Vier von fünf Deutschen kennen die Figuren von Janosch, ist auf der Webseite der Janosch Film und Medien AG nachzulesen. Auch ins Hebräische ist er übersetzt worden!
Nun ist Janosch am 3. November im Alter von 95 Jahren in seinem Haus auf Teneriffa gestorben, wo er sich seit 1980 mit seiner Lebensgefährtin und großen Liebe Ines Striewe ein Leben fernab vom Trubel der eigenen Berühmtheit und des internationalen Ruhms erschaffen hatte. Dort in der Hängematte war sein Lieblingsplatz. Der bescheidene und genügsame Schriftsteller, der Millionen von Menschen mit seinen Geschichten verzauberte, war von einem armen Jungen, der im Oberschlesien der Vorkriegsjahre eine gewalttätige Kindheit erlebte, zu einem sehr wohlhabenden Mann geworden.
Wer nichts braucht, der hat alles
Sein Lebensmotto »Wer fast nichts braucht, der hat alles« wurde dann auch zum Titel seiner Biographie, welche die polnische Germanistin Angela Bajorek 2015 über den »introvertierten Einsiedler« veröffentlichte. Da hatte sie Janosch bereits jahrelang angeschrieben – über 1000 E-Mails sollen es gewesen sein – und sich vorsichtig an ihn herangetastet, um sein Vertrauen zu gewinnen. Dabei half sicherlich auch ihre polnische Herkunft, denn Janosch fühlte sich Zeit seines Lebens als Pole, nie als Deutscher, wie er selbst einmal sagte.
Am 11. März 1931 wurde Janosch als Horst Eckert im heutigen Zabrze, Polen, dem damaligen schlesischen Hindenburg, geboren. Der Vater hatte ihn nach Horst Wessel, dem ein Jahr zuvor getöteten SA-Sturmführer, benannt. Die Traumata seiner Kindheit, die unter dem alkoholsüchtigen, prügelnden Vater, der schlagenden Großmutter und der Drohkulisse des streng katholischen Glaubens seiner Mutter entstanden waren, versuchte er sich später von der Seele zu malen und zu schreiben, indem er mit seinen Geschichten einen Gegenentwurf schuf. Diese Traumata holten ihn aber lange immer wieder ein und bescherten ihm Phasen, in denen er, eigenen Aussagen nach in einem Spiegel-Interview, viele seiner Bücher im »Suff« schrieb, was man kaum zu glauben vermag.
»Mangelnde Begabung« im Zeichenstudium
Wie vielen anderen berühmten Künstlern und Schriftstellern wird auch Janosch schon früh seine Unbegabtheit bestätigt: Zwar wird er zunächst zum Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in München zugelassen, doch muss er diese nur zwei Semester später »mangels Begabung« wieder verlassen. Aber welch ein Glück für uns alle, dass er sich davon nicht hat unterkriegen lassen! Janosch versucht sich als freier Maler und Illustrator und entdeckt, dass er auch schreiben kann. 1960 veröffentlicht er sein erstes Kinderbuch: »Die Geschichte von Valek dem Pferd«.
1978 kommt dann sein Durchbruch mit »Oh, wie schön ist Panama«. Tiger und sein Freund, der kleine Bär, finden eine auf dem Fluss angetriebene Bananenkiste aus Panama, die himmlisch nach den Früchten riecht. Sie ziehen los, um dieses paradiesische Land zu finden, aber nicht, ohne die kleine Tigerente auf Rollen mitzunehmen, die gemeinsam mit Bär und Tiger zum Markenzeichen Janoschs geworden ist. Sie verirren sich und landen zu guter Letzt – ohne es zu merken – wieder dort, von wo aus sie losgezogen sind; in ihrem idyllischen Haus am Fluss. Janosch wurde dafür 1979 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Anarchie, Träumerei und Antiheldentum
Seine Geschichten voller Anarchie, Träumerei und Antiheldentum begeistern Kinder wie Erwachsene, und so einfach sie daherzukommen scheinen, erzählen sie doch meist hochphilosophisch und ohne moralischen Zeigefinger von den großen Themen im Leben, von dem, was wirklich wichtig ist: In »Oh, wie schön ist Panama« oder dem späteren »Komm, wir finden einen Schatz« endet die Suche nach dem fernen Sehnsuchtsort oder dem materiellen Reichtum mit der Erkenntnis, dass Zufriedenheit in dem, was man hat, gefunden werden kann und Freundschaft das größte Glück ist. Janoschs Welt ist ein Gegenentwurf zu unserer von Konsum und Leistungsdruck geprägten Gesellschaft. Toleranz und Akzeptanz werden in seinen Büchern gefeiert. Die Freundschaft von Bär und Tiger steht für Vielfalt sowie dafür, dass Unterschiede überbrückt werden können.
Bereits 1985 und 1989 wurden seine Geschichten als Janoschs Traumstunde im ARD-Fernsehen ausgestrahlt. Im Jahre 1993 wird Janosch mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet und wird schließlich durch seine wöchentliche Kolumne im ZEIT Magazin »Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben« von 2013 bis 2019 mit seinen Lebensweisheiten auch für Erwachsene der Kultautor.
Seit nunmehr 40 Jahren läuft die Unterhaltungssendung Tigerenten-Club. Eine Erfolgsgeschichte – und dies alles lange, bevor es die sozialen Medien als Klangverstärker und Werbemaschine gab. In einer Zeit, in der massenweise durch KI erstellte Kinderbücher und Illustrationen auf den Markt gespült werden, wird die Bedeutung von echter Kunst mit emotionalen Themen, die uns zutiefst berühren, immer wichtiger. Auf die Frage, was eigentlich gewesen wäre, hätten Tiger und Bär Smartphones gehabt, soll Janosch geantwortet haben: »Sie hätten Panama einfach gegoogelt und wären im Übrigen am Tisch sitzen geblieben.«
Myriam Halberstam wurde in New York geboren und lebt in Berlin. 2010 gründete sie den Ariella Verlag, den ersten jüdischen Kinder- und Jugendbuchverlag in Deutschland nach der Schoa.