An Wolf Biermann scheiden sich schon immer die Geister. Für die einen ist er der respektlose Rebell und schonungslose Kritiker seiner Wahlheimat DDR, in die er 1953 aus freien Stücken übergesiedelt war. Andere sehen in dem Poeten und Liedermacher den ewigen Dissidenten, der seine Stimme bis heute ebenso laut wie drastisch gegen Unrecht und Ausgrenzung erhebt.
»Wenn mich irgendetwas quält in der Seele, dann wehre ich mich mit allen Mitteln dagegen«, sagte er jüngst dem evangelischen Magazin »chrismon«: »Das ist für mich wie Luftholen, das ist meine politische DNA.« In der DDR machte Biermann, geboren am 15. November 1936 in Hamburg, das schon kurz nach der Übersiedlung im Alter von 16 Jahren klar: In aller Öffentlichkeit kritisierte er an seiner Schule in Gadebusch bei Schwerin das Tribunal gegen die damals heftig attackierte evangelische »Junge Gemeinde«.
»Mein gebenedeiter Märtyrer«
Aber trotz dieser ersten und aller späteren Negativ-Erfahrungen in der DDR bewahrte sich Biermann die Illusion, dass es ein gerechtes Gemeinwesen unter kommunistischen Vorzeichen geben könne. Denn sein Ortswechsel von West nach Ost hatte nicht zuletzt einen familiären Hintergrund. Seine Eltern waren Kommunisten, der jüdische Vater wurde in Auschwitz ermordet.
»Der ungebrochene Widerstandskämpfer Dagobert Biermann blieb mein gebenedeiter Märtyrer«, den er »nicht verraten« wollte, sagt er einmal über seinen Vater. Umso unerbittlicher wurde seine lautstarke Kritik. Schikanen des Staates ließen denn auch nicht lange auf sich warten. Sie begannen in Ost-Berlin schon bald nach ersten öffentlichen Auftritten mit frechen Liedern und der Theaterarbeit im Prenzlauer Berg.
Leise Töne, derbe Sprache
Sein Stück »Berliner Brautgang« für das 1961 gegründete »Berliner Arbeiter- und Studententheater«(b.a.t.) wurde verboten. Das Schicksal einer Liebe nach dem Mauerbau passte der DDR-Führung nicht in ihr Weltbild, das b.a.t. wurde bald wieder geschlossen. 1965 erschien dann im Westteil der Stadt mit der»Drahtharfe«seine legendäre erste Gedichtsammlung mit Texten aus fünf Jahren.
Deren Nebeneinander von leisen Tönen und derber Sprache blieb fortan Biermanns Markenzeichen. In seiner »Antrittsrede des Sängers« etwa geißelte er den »Angstschweiß« der »Büroelephanten«, wenn er »den Rachen öffne« und »mit Liedern den Saal heimsuche«. An anderer Stelle reklamierte ein dreifaches »Ich« nachdrücklich die Individualität des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv.
Doch was dem Dichter weithin Aufmerksamkeit brachte, ging den Ost-Berliner Behörden eindeutig zu weit. Sie verhängten ein striktes Berufsverbot. Gleichwohl erscheinen die Jahre unter Dauerüberwachung durch die Staatssicherheit im Rückblick als eine für Biermann durchaus schöpferische Zeit.
Verbotenes Material aus der Chausseestraße 131
Zuverlässige Freunde brachten das »verbotene« Material aus der Berliner Chausseestraße 131 regelmäßig an die Öffentlichkeit. Von den westlichen Veröffentlichungen kursierten in der DDR Kopien in vertraulichen Kreisen von Künstlern und Studenten wie auch in der kirchlichen Jugendarbeit. Ein Massenphänomen waren Biermann-Texte in der DDR nicht, gleichwohl sind die Abschriften auf dünnem Durchschlagpapier wie auch die schlechten Tonbandkopien heute kostbare Zeitdokumente.
Pläne zu einem Rausschmiss Biermanns hatten die DDR-Oberen immer wieder diskutiert und verworfen. Schließlich exekutierten sie den beispiellosen Akt am 16. November 1976, unmittelbar nach Biermanns 40. Geburtstag. Er war auf Konzertreise in Westdeutschland, hatte drei Tage zuvor einen heute legendären Auftritt in Köln. Seither sind beide Tage geradezu schicksalhaft verbunden. »Sie wollten billig davonkommen, aber sie haben teuer bezahlt«, erinnerte Biermann kürzlich in einer TV-Talkshow an die damaligen massiven Proteste nicht nur von Künstlerkollegen.
Seinen »eingeborenen Kinderglauben« an den Kommunismus indes behielt Biermann trotz der Ausbürgerung noch lange. Erst »ziemlich spät« habe er begriffen, »dass jeder Versuch, das Himmelreich auf die Erde zu zwingen, die Menschen unentrinnbar in immer tiefere Höllen zwingt«. Umso hellhöriger ist Biermann, der mit seiner Frau Pamela in Hamburg lebt, gegenüber Gefährdungen der Demokratie.
Gegen Antisemitismus und jeglichen Rassismus
Antisemitismus könne »niemals ein Menschenrecht« sein, und »jeglicher Rassismus« sei »keine Meinung« schrieb er 2021 in seinem Buch »Mensch Gott!«. Darin warnte er vor »zynischen Putinverstehern und chronischen Judenfressern und panischen Islam-Feinden«. Und er gab zu bedenken: Für jede Demokratie sei »nicht etwa das Denken, sondern die Gedankenlosigkeit die allergrößte Gefahr«.
Rund um seinen 90. Geburtstag am 15. November steht Biermann im Scheinwerferlicht. Unter dem Titel »Ihr löscht das Feuer mit Benzin« sind seine Tagebücher erschienen, am 29. Oktober kam der Dokumentarfilm »Biermann« in die Kinos, das neue Album »Unterm Haar nur Himmel« ist für Mitte November angekündigt. Und am 16. November steht er auf der Bühne des Berliner Ensembles. Titel des ausverkauften Geburtstagskonzerts: »Pardon, ich lebe noch.«