Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Lebt seit seiner Ausbürgerung 1976 wieder in seiner Geburtsstadt Hamburg: Wolf Biermann in seinem Haus in Altona Foto: Michael Kohls

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026 10:56 Uhr

Herr Biermann, Sie haben sich Ihr Leben lang in die politischen Auseinandersetzungen Ihrer Zeit eingemischt. Wenn Sie noch einmal jung wären, wofür würden Sie sich heute starkmachen?
Der Streit der Welt ist in jeder Generation anders. Aber es ist und bleibt der immer gleiche Freiheitskrieg, der tobt, seit es die Menschheit gibt. In den würde ich mich, wie ich nun einmal gemacht bin von meinen Eltern, einmischen, so gut ich kann. Das Wort »Freiheitskrieg« habe ich von Heinrich Heine übernommen. Er erfand diesen Begriff, in dem er – in einer Zeit, in der man das Wort von den »Freiheitskriegen« gegen Napoleon nur im Plural kannte – dieses Wort in den Singular setzte. Und »der Freiheitskrieg« im Singular bedeutet etwas ganz anderes. Es ist der Kampf gegen die Unterdrückung und Ungerechtigkeit, und der tobt seit Beginn der Menschheit, er muss immer wieder gewonnen werden und wird immer wieder verloren.

Und Ihr eigener, Ihr persönlicher Freiheitskrieg – wie ist es um den bestellt?
In den wurde ich durch Zufall reingeboren. Kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Ich bin in der Nazi­zeit geboren, in der Blütezeit von Adolf Hitler, 1936, als Kommunisten- und Judenkind. Dadurch geriet ich automatisch in den Freiheitskrieg der Menschheit, in einer Zeit, in der es sehr ungesund war, Kommunisten- und Judenkind zu sein. Das hat mein Leben geprägt.

Sie sind in Hamburg aufgewachsen, doch als Sie 16 Jahre alt waren, 1953, schickte Ihre Mutter Sie in die DDR.
Nein, ich bin freiwillig gegangen! Meiner Mutter sollte ich nur einen kleinen Gefallen tun. Ich sollte die Menschheit retten und das Paradies auf Erden errichten, das kommunistische Paradies, versteht sich. Deshalb ging ich in den Osten. Allerdings wunderte ich mich, dass mir so viele Leute entgegenkamen ...

Ihre Mutter, Emma Biermann, hat Sie stark geprägt – Ihr Vater, Dagobert Biermann, obwohl Sie ihn kaum kannten, offenbar auch.
Das ist falsch! Er hat mich nicht »auch stark geprägt«, sondern er hat mich am meisten geprägt – er, den ich nie gesehen habe, außer ein einziges Mal, als Vierjähriger. Da gelang es meiner Mutter, mich mit ins Zuchthaus Bremen-Oslebshausen zu nehmen, wo wir ihm eine halbe Stunde gegenübersaßen.

Und dieser eine Besuch hat so viel bewirkt?
Nicht nur der Besuch. Meine Mutter hat mir jeden Morgen von meinem Vater erzählt. Jeden Morgen, wenn ich aufstand, ging ich zur Wohnungstür, öffnete sie, und da stand im Treppenhaus mein Leiterwägelchen mit einem Keks oder einer Murmel – irgendetwas Schönem für mich. Meine Mutter erzählte mir dann beim Frühstück, wie dieser Keks es auf abenteuerliche Weise geschafft hatte, von Bremen-Oslebshausen zu mir zu kommen. Auf diese Weise bin ich intensiver mit meinem Vater aufgewachsen als wahrscheinlich die meisten Kinder. Meine Mutter hat mir aber auch von klein an vom Kampf meines Vaters gegen die Nazis erzählt. Wir warteten ja viele Jahre, die er im Gefängnis saß, auf ihn.

Heute sind Sie viel älter, als Ihr Vater je geworden ist. Was bedeutet Ihnen Ihr Vater heute?
Mein Vater ist immer 38 Jahre alt geblieben, ich rede manchmal mit diesem jungen Mann. Er wurde, und das ist mein makabres Glück, von seinen Todfeinden in Auschwitz ermordet und nicht von seinen Genossen in Workuta im Gulag.

Das hört sich ein wenig zynisch an. Wie meinen Sie das?
Das ist kein zynischer Witz, sondern sarkastische Traurigkeit. Dass er von seinen richtigen Feinden und nicht von seinen falschen Genossen ermordet wurde, hat für mein Leben eine große Rolle gespielt. Ich hätte sonst vielleicht nicht den Mut gehabt, mich mit den Leuten der Parteidiktatur in der DDR in einen so tiefen Streit einzulassen. Aber so konnte ich mit der ganzen Unbescheidenheit des rechtmäßigen Erben eines Arbeiters, Kommunisten und Juden im Streit mit den Bonzen der Partei meine Gedichte und Lieder schreiben.

Woran glauben Sie heute, Herr Biermann? Manche Menschen werden im Alter religiös.
Mein Glaube ist noch absurder als der Glaube an Gott, denn ich glaube an den Menschen. Diesen Glauben kann man aber nur erwerben oder behalten, wenn man das Glück hat, mit den richtigen Menschen zu leben. Insofern ist es im tragischen Sinne ungerecht, dass manche Menschen in eine schwierige Situation hineingeboren werden. Wenn mein Vater nicht der Hamburger Schlosser Dagobert Biermann gewesen wäre, sondern Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, dann wäre das nicht meine Schuld. Es hätte aber Folgen.

Ein philosophisches Problem, so alt wie die Menschheit.
Ich habe dazu einen interessanten Satz gelernt von Jean-Paul Sartre. Den besuchte ich in Paris. Er wollte, dass ich ihm ein paar Lieder vorsinge. Das war kurz nach meiner Ausbürgerung 1976. Wir saßen in seiner Wohnung und tranken Tee – den uns eine Zugehfrau servierte. Ich merkte und erkannte nicht, dass es Simone de Beauvoir war, seine Frau, die berühmte Schriftstellerin. Wir saßen also dort, und nachdem wir alle Probleme der Menschheit gelöst hatten, sagte er: »Wir beurteilen die Menschen nicht nach dem, was aus ihnen gemacht wurde, sondern danach, was sie aus dem gemacht haben, was aus ihnen gemacht wurde.«

Ein weiser Satz. Wie ist es bei Ihnen, Herr Biermann, was haben Sie aus dem gemacht, was aus Ihnen gemacht wurde?
Gleich. Ich will Ihnen noch erzählen, was ich Sartre erwiderte: »Monsieur, diesen Satz kenne ich. Den habe ich schon bei Ihnen gelesen.« Da ärgerte er sich und blaffte mich an: »Sie singen ja auch immer dieselben Lieder!« Und jetzt Ihre nächste Frage, bitte!

Was haben Sie aus dem gemacht, was aus Ihnen gemacht wurde?
Ich habe, als ich 46 Jahre alt war, es endlich geschafft, mit dem Kinderglauben zu brechen, mit dem ich aufgezogen wurde – dem Kinderglauben an das kommunistische Paradies. Das fiel mir viel schwerer als anderen Menschen. Denn ich hatte Angst, meinen ermordeten Vater, den Kommunisten, noch einmal totzuschlagen.

Sie haben viel über Ihren Vater als Kommunisten und Widerstandskämpfer gesprochen. Welche Rolle spielte es für Sie, dass er Jude war?
Viel und gar nichts. Mein Vater wollte, mehr noch als Jude, einfach Mensch sein. Kommunist eben. Dass er auch Jude war, daran erinnerte ihn Adolf Hitler. Seine Eltern, seine Geschwister, meine Cousins und Cousinen, die ganze jüdische Familie wurde 1941 mit dem Zug nach Minsk gebracht, und dort wurden alle in einer Grube erschossen. Ich bin der Einzige der Familie, der den Holocaust überlebt hat.

Nach alldem – wie jüdisch fühlen Sie sich selbst?
Ich bin ein sogenannter Vaterjude. Mein Sohn Felix ist zum Judentum konvertiert. Als er mir erzählte, dass er konvertieren will, habe ich gesagt: »Du bist jüdisch genug. Du musst kein Konvertit werden.« Aber er hat zum Glück nicht auf mich gehört und hat bei einem Rabbiner hier in Hamburg gelernt und ist Jude geworden.

Ihr Sohn lebt inzwischen mit seiner Familie in Israel. Was ist Israel für Sie?
Es gibt kein Land außer Deutschland, mit dem ich so eng verbunden bin wie mit Israel. Meine Frau Pamela und ich fahren jedes Jahr hin. Wir haben viele enge Freunde dort, leider sind viele schon gestorben, Amos Oz, Nathan Zach, Meir Shalev, Benny Katzenelson. Ich habe dort Konzerte gegeben – Israel ist mir näher als alle übrigen Länder der Welt.

Vor drei Jahren wurde das Land auf grausame Weise erschüttert. Was hat dieser Tag, der 7. Oktober 2023, an dem die Hamas im Süden Israels die schrecklichsten Massaker an Juden seit dem Holocaust verübte, mit Ihnen gemacht?
Das war in meinem kleinen Menschenleben eine der größten Erschütterungen. Das war mehr, als ich aushalten kann. Ich hatte oft Angst in meinem Leben, aber da hatte die Angst mich. Dem war ich nicht gewachsen.

Herr Biermann, Ihr Leben steht vor allem für die deutsch-deutsche Geschichte. In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: »Die meisten Deutschen meiner Generation schämten sich für ihre Nazifamilie, egal ob Mörder oder nur Mitläufer.« Wenn man sich die Wahlergebnisse der AfD anschaut, fragt man sich: Wo ist diese Scham geblieben?
In der DDR wurde die Lesart verbreitet, man habe an der Seite der Sowjetarmee den deutschen Faschismus besiegt. Deswegen hatten es die Ostdeutschen noch schwerer, ihre Geschichte aufzuarbeiten, als die Westdeutschen. Hinzu kam, dass die Westdeutschen die Rechnung für den Nazi-Terror nicht bezahlen mussten, sie bekamen die Wirtschaftshilfe der Amerikaner. So bezahlten die Ostdeutschen, dadurch, dass sie in der nächsten Diktatur leben mussten, die Rechnung. Insofern finde ich es gerecht, dass die Westdeutschen nach der Wiedervereinigung so viel Geld in den Osten hineingepumpt haben. Aber: Wer plötzlich dem Westen so viel verdankt, obwohl es eigentlich nur rechtens ist, empfindet das oft als demütigend. Denn wer merkt, dass er sich niemals revanchieren kann, wird leicht giftig, ja tückisch. Er redet die empfangene Hilfe klein und unterstellt ihr böse Motive.

Was könnte man aus Ihrer Sicht tun, damit nicht mehr so viele Wähler der AfD auf den Leim gehen?
Das weiß ich nicht. In der AfD sind keine Nazis, sondern Faschisten. Sie gehören zu der neu aufkeimenden, faschistischen Strömung in der westlichen Welt. Und dazu gehören auch Netanjahus Minister Smotrich und Ben-Gvir.

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt Anfang September erlangte die AfD 43,8 Prozent. Durch Ihre Großmutter, die aus Halle an der Saale stammte, haben Sie eine besondere Verbindung zu diesem Bundesland und den aktuellen Geschehnissen dort.
Wenn meine Oma Meume nicht schon im Grabe läge, würde sie sich darüber kaputt weinen. Sie sprach übrigens knüppeldickes sachsen-anhaltinisches Sächsisch. Für mich war dieses verachtete, angeblich dreckige Sächsisch die schönste Sprache der Welt.

Sie werden demnächst 90. Im Judentum wünscht man zum Geburtstag: »Masel tov, bis 120!« Da hätten Sie also noch 30 Jahre vor sich.
Oh, drohen Sie mir nicht!

Mit dem Liedermacher, Lyriker und früherem DDR-Dissidenten sprach Tobias Kühn.

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