Die Welt kannte ihn als knorrigen Poeten - der die ewige Ballonmütze des Zeitungsjungen und den Borsalino des dunklen Dandys zu seinen Markenzeichen machte. Die Lieder von Leonard Cohen waren stets religiös gefärbt. Sein letztes Album »You Want It Darker« vom Oktober 2016 drang gar in endzeitliche Gefilde vor. Vom »schwärzesten Album der Popgeschichte« schrieb damals die »Süddeutsche Zeitung«.
So erschreckt zeigte sich die Fan-Gemeinde, dass sich Cohen sogar zum öffentlichen Zurückrudern genötigt sah. In einem Interview sagte er eilig, er neige doch zu Übertreibung und Drama. Aber er werde weitermachen - und wolle 120 Jahre alt werden. Fassade. Wenige Wochen später starb Leonard Cohen, am 7. November 2016, mit 82 Jahren.
In Montreal kam Cohen zur Welt, im Vorort Westmount, einem Viertel der Wohlhabenden, vor allem protestantische und jüdische Einwanderer der dritten Generation. Leonards Vater Nathan besaß dort ein renommiertes Textilkaufhaus. Das Haus der Familie stand in der Belmont Avenue 599. Der eher stille Knabe erbte von seinem Vater Zurückhaltung und Korrektheit. Seine musische Gabe und den Hang zur Melancholie soll er von der Mutter Masha mitbekommen haben, der Tochter eines aus Russland ausgewanderten Talmud-Gelehrten.
Das Judentum in Kanada mit aufgebaut
Im Kaufmannshaus von Nathan Cohen wurde nicht über Religion gesprochen; sie wurde praktiziert. Leonards Vorfahren hatten das Judentum in Kanada mit aufgebaut. Urgroßvater Lazarus wanderte in den 1860ern aus Litauen ein. Der angesehene Kaufmann wurde Vorsteher einer Synagogengemeinde, sein jüngerer Bruder Tzvi Hirsch Cohen Oberrabbiner von Montreal. Leonards Großvater Lyon setzte die Tradition fort, bekleidete internationale zionistische Ämter.
Zeit seines Lebens beachtete Leonard Cohen den jüdischen Ruhetag Schabbat - aber er behielt auch immer einen Hang zum Geheimnisvollen, Pathetischen, Mystischen. So brachte er sich etwa Grundtechniken der Hypnose bei, mit einer dunklen, ruhigen, sanften Stimme, seinem Markenzeichen.
»Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude.«
Sein eigentlicher Zugang zur Kunst war immer die Poesie. »Let Us Compare Mythologies«, hieß 1956 sein erster Gedichtband. Erste Erfolge erlaubten ihm Reisen in Europa und einen mehrjährigen Aufenthalt auf der griechischen Insel Hydra. Dort schrieb er zwei Romane und den Gedichtband »Blumen für Hitler«. Und lernte die Liebe seines Lebens kennen. Als er Hydra 1967 verließ, schrieb er ihr den Song »So long, Marianne«.
Singer-Songwriter im »Summer of Love«
Im bewegten »Summer of Love« startete Cohen eine zweite Karriere als Singer-Songwriter - mit der Absicht, mit dem schnellen Geld wieder Muße zum Gedichteschreiben zu haben. Doch die Musik blieb, auch über seine düsterste depressive Phase Anfang der 70er Jahre hinaus.
Mit der Kalifornierin Suzanne Elrod zeugte er Sohn Adam und Tochter Lorca. Und auch wenn sich Leonard 1979 von ihr trennte, sagte Suzanne später: »Ich habe mich immer verheiratet gefühlt. Leonard ist der verantwortlichste Mensch, den man sich vorstellen kann.« 1990 etwa harrte er nach einem Verkehrsunfall über Wochen an Adams Krankenbett aus.
Cohens Gedichte und Lieder sind voll von religiösen Anleihen, Zitaten, Brechungen und Variationen. Der Song »Who by Fire« etwa greift auf die Liturgie zum Jom Kippur und zum jüdischen Neujahr zurück. Das Album »Various Positions« (1984) enthält unter anderem sein rätselhaftes »Hallelujah« und auch den Song - oder ist es ein Gebet? - »If it Be Your Will«.
Im buddhistischen Kloster bei Los Angeles
Ein ausgelaugter Leonard Cohen suchte Anfang der 90er die Stille in einem buddhistischen Kloster in den Bergen nahe Los Angeles. Er übte sich in Selbstdisziplin und japanischer Zen-Meditation und wurde 1996 unter dem Namen »Jikan« (deutsch: »der Raum zwischen zwei Stillen«) zum Mönch ordiniert - der berühmteste Schüler von Zen-Meister Kyozan Joshu Sasaki (1907-2014).
Cohens jüdischem Glauben tat das keinen Abbruch, wie er erläuterte: Es gehe beim Zen nicht um Anbetung oder ein Gottesbild, sondern um Meditation. »Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude.«
Das hätte es also sein können mit dem Sänger Leonard Cohen - hätte nicht seine Managerin in den fünf Jahren, die er im Kloster verbrachte, fast sein ganzes Vermögen veruntreut. So musste es weitere Alben und Tourneen geben. Je mehr sich der Lebenskreis des leidenden Mystikers schloss, desto mehr Anspielungen auf einen baldigen Tod enthielten Cohens Texte.
Diese Tendenz verstärkte sich auf dem letzten Album »You Want It Darker«. Im Juli war die Norwegerin Marianne Ihlen gestorben, Leonards Muse und einstige Geliebte auf Hydra. In einem Brief an die Sterbende schrieb er: »Ich glaube, ich werde dir sehr bald folgen. Ich bin nah bei dir, dicht genug, dich zu berühren.« Und Jikan der Stille hielt sein Versprechen - und folgte ihr.