USA

Die innere Sicherheit

Tiefrot sind sie und weich, ledrig-warm tragen die gepolsterten Stühle Besucher, Betende, eröffnen ihnen einen Blick in den Raum: hin zu den cremefarbenen Wänden, den apfelgrünen, braunen, blau gestrichenen Fenstern, hoch zur Bima mit ihrem dunklen Holz – über dem Toraschrank wachen zwei goldene Löwen. Fast 100 Jahre ist die Synagoge der Ke­sher Israel Congregation alt, erbaut 1931 von dem Frankfurter Architekten Julius Wenig. Damals sollte sie der wachsenden Gemeinde von größtenteils osteuropäischen jüdischen Migranten ein neues religiöses und gesellschaftliches Zuhause sein.

Heute droht die Wärme und Geborgenheit, die der Betraum ausstrahlt und auf die die 300 Mitglieder große Gemeinde auch mit zurückhaltendem Stolz blickt, allerdings ins Wanken zu geraten. Ausgerechnet im beschaulichen Georgetown, einem Stadtviertel im Nordwesten von Washington, D.C., das mit seinen zweistöckigen viktorianisch-verspielten Backstein-Häusern, mit baumgesäumten Straßen und blumengeschmückten Fenstern den Inbegriff von Gemütlichkeit und Ordnung sein kann.

Ausgerechnet hier wird die Ruhe, die Rabbiner Hyim Shafner am Morgen spürt, wenn er zum Gottesdienst in seine Synagoge geht, die wenigen Stufen zur Tür hinaufsteigt, die Flügeltür öffnet und eine halbe Treppe hoch in jenen Gebetsraum geht, in dem die beiden Löwen über die zwei Platten wachen, gestört.

Besonders schlimm war es direkt nach dem 7. Oktober, als es vor der Synagoge Proteste gab.

Es sind Vorfälle wie der vor knapp vier Wochen, am 3. Oktober. Die Simchat-Tora-Gottesdienste waren gerade zu Ende gegangen, der Schabbat klang aus, als ungefähr zwei Straßenzüge von der Synagoge entfernt aus einem fahrenden Auto heraus »Jew, Jew, Jew, Jew« in Richtung einer Gruppe festlich gekleideter Gemeindemitglieder geschrien wurde. Oder wie ein Vorfall Ende Juli, als ein Gemeindemitglied auf dem Weg zum Schabbatgottesdienst von einem Mann aus einem Auto mit den Worten: »Ey, du Nazi, geh und stirb im Iran!« angebrüllt wurde. Oder wie am 17. Dezember 2023, als ein 35-jähriger Mann mit seinem weißen Kastenwagen die Sicherheitspoller vor der Synagoge ignorierte, seinen Kleintransporter auf dem Gehweg abstellte, eine Flüssigkeit versprühte und »Vergast die Juden!« rief.

Dass man Polizeikräfte braucht, um einen Gottesdienst zu besuchen, widerspricht dem, was es bedeutet, Amerikaner zu sein

Das alles geschah, während Rabbi Shafner in der Synagoge gerade unterrichtete. Damals sagte er in Interviews: »Wenn Sie mir vor 20 Jahren gesagt hätten, dass man in 20 Jahren keine Synagoge mehr betreten kann, ohne dass die Polizei anwesend ist, hätte ich Ihnen das nicht geglaubt.« Dass man Polizeikräfte benötige, um einen Gottesdienst besuchen zu können, widerspreche zutiefst dem, was es bedeutet, Amerikaner zu sein, nämlich seine Religion offen zu zeigen und zu leben.

Wenn er heute an diese Zeit zurückdenkt, dann blickt er umso dankbarer auch auf Eli Russ, den Sicherheitschef der Georgetown Syna­gogue, wie die Kesher Israel Congregation genannt wird. Russ ist ein junger schlanker Mann im navy-blauen Polohemd und mit beiger Chino, der den Umgang mit außergewöhnlichen Situationen – seien es Naturkatastrophen, seien es Notfälle bei Großereignissen – von der Pike auf gelernt hat. Sein Weg führte den Experten für Notfall- und Krisenmanagement unter anderem zum American Red Cross und zum Metropolitan Washington Council of Governments.

Er steht kerzengerade vor dem Geländer der Bima und sagt den Satz, den alle ahnen, aber niemand hören möchte: »Juden müssen sich jeden Tag entscheiden, ob sie eine Kippa oder lieber ein Basecap aufsetzten.« Antisemitismus sei nun einmal kein abstraktes Problem, keine Überschrift in einer Zeitung, »er ist real und hat Auswirkungen auf den Alltag unserer Gemeindemitglieder – und zwar wöchentlich«.

Die Menschen haben keine Angst mehr, für judenfeindliche Attacken bestraft zu werden

Besonders schlimm war es direkt nach dem 7. Oktober 2023, als es im beschaulichen Georgetown Proteste vor der Synagoge gab, beschreibt Russ. »Wir waren die erste Synagoge in den Vereinigten Staaten, die damit konfrontiert wurde – mit Rufen und Palästina-Flaggen.« Wenn jemand seine Meinung sagen wolle, sei es schön und gut, sagt Russ, aber man müsse sich überlegen, ob eine Synagoge dafür der richtige Ort sei. Menschen hätten einfach keine Angst mehr, für judenfeindliche Attacken bestraft zu werden. Alles sei viel öffentlicher, viel sagbarer geworden.

Das belegten auch die Zahlen, erläutert Rebecca Kagan Sternhell vom Secure Community Network (SCN): »2025 gab es mehr als 4400 Meldungen über verdächtige Vorfälle. Das Spektrum reicht von jemandem, der ein Hakenkreuz an ein Gebäude gemalt hat, bis hin zu jemandem, der einem Menschen mit dem Tod gedroht hat. Die ganze Bandbreite.« Es seien über 150 Morddrohungen gemeldet worden – »im Durchschnitt mehr als eine pro Tag«. Diese Zahlen, betont Kagan Sternhell, »sollten uns wirklich vor Augen führen, wie ernst das Problem ist, mit dem wir konfrontiert sind«.

765 Millionen Dollar müssten die Gemeinden für ihre Sicherheit aufbringen

Und es gibt Zahlen, die den Gemeinden zusätzlich zu schaffen machen: die Kosten für die Sicherheit. 765 Millionen Dollar müssten die Gemeinden für ihre Sicherheit aufbringen, heißt es bei der Jew­ish Federations of North America, einem Netzwerk aus wiederum 114 Gemeindeverbänden. Gelder, die eigentlich für Bildung und soziale Projekte innerhalb der Gemeinden genutzt werden könnten.

Muss eine Gemeinde in ihre Sicherheit investieren und braucht Unterstützung, stellt sie einen Antrag auf Fördermittel beim »Nonprofit Security Program« (NSPG), einem staatlichen Förderprogramm, das religiösen Einrichtungen und gemeinnützigen Organisationen helfen soll, sich vor Angriffen zu schützen. Nicht alle dieser Förderanträge werden bewilligt, es sind lediglich 20 Prozent, wie es die Jewish Federation veröffentlicht hat.

Alle Hoffnungen liegen, gerade vor den Midterms, daher auf dem »Jewish American Security Act«, der eine Milliarde Dollar an Bundesmitteln für das NSPG ermöglichen soll. Noch ist das Gesetz nicht verabschiedet.

Unterdessen gibt es Hilfe zur Selbsthilfe. So etwa durch eine Kooperation des Secure Community Network und der Partnerorganisation CSS, der Community Security Service. Das SCN wirke von oben nach unten – wohingegen die CSS von unten nach oben agiere, wie Stuart Frisch es erklärt. Der langjährige Sicherheitsexperte sagt: »Unsere konkrete Aufgabe besteht darin, ehrenamtliche Sicherheitsteams in den gesamten Vereinigten Staaten zu gewinnen, geeignete Freiwillige zu rekrutieren, sie auszubilden und die Teams dauerhaft zu betreuen und einsatzfähig zu halten.«

Geschulte Mitglieder der Gemeinde übernehmen Verantwortung für ihre Community

Die Idee dahinter sei, dass geschulte Mitglieder der Gemeinde Verantwortung für ihre eigene Community übernehmen. »Sie stehen vor unseren Synagogen und sichern unsere Gemeindeveranstaltungen – das ganze Jahr über«, sagt Frisch. »Damit schaffen sie eine zusätzliche Sicherheitsebene für die Gemeinschaft. Sie fungieren gewissermaßen als wachsame Augen und Ohren.«

Eines dieser zusätzlichen Augenpaare ist Eli Russ und sein Team. Ausgebildet wurde er von Itay Hertz, einem israelischen Experten für nahöstliche Angelegenheiten und Sicherheit. Das Team bewacht jüdische Veranstaltungen und ist trainiert in grundlegenden Sicherheitskenntnissen, Notfallverfahren und Befragungstechniken, immer mit dem Ziel, die Sicherheit ihrer Gemeinden eigenständig mitzugestalten und dabei eng mit professionellen Stellen zusammenzuarbeiten. Kommunikation ist dabei oberstes Gebot. Ohne einen direkten und engen Kontakt zu den Sicherheitsbehörden sei jede noch so gut vorbereitete und resiliente Gemeinde nicht vollständig geschützt.

Wie das praktisch aussieht, ist im Regional Threat Center in der Greater Miami Jewish Federation, einer Mitgliedsgemeinde des CSS, zu sehen. Hier laufen mithilfe von KI und menschlicher Expertise Informationen aus Miami und der größeren Umgebung zusammen, die für die Sicherheit der jüdischen Community relevant sein könnten. Selbst, wenn sie viele Tausende Kilometer weit weg sind. Ereignisse im Ausland können sich jederzeit auch an ganz anderen Orten und auf ganz andere Weise entwickeln. Deswegen setzt die Gemeinde in Miami auf Kommunikation.

Geschulte Mitglieder der Gemeinde stehen vor den Synagogen und sichern Veranstaltungen.

Einen aufgeschlossenen Partner hat sie im Miami Beach Police Department gefunden. Die Polizistinnen und Polizisten, sagt der Pressesprecher Christopher Bess, zögen nicht umsonst jeden Morgen ihre Uniform an, um ihre jüdische Community vor Ort zu beschützen. Dabei nutzen sie moderne Hilfsmittel wie Smart Homes, Drohnen, aber auch die guten alten Hinweise aus der Nachbarschaft. Seine Botschaft ist: Wir wollen keine Verhältnisse wie in New York. Was das bedeutet, erklärt ein Gemeindemitglied am Abend des 7. Oktober.

Polizeiautos kündigen schon von Weitem einen Ort an, der geschützt werden muss

Es ist der dritte Jahrestag des Hamas-Massakers, und die blinkenden Polizeiautos kündigen schon von Weitem einen Ort an, der geschützt werden muss. Es ist das Miami Beach Holocaust Memorial, gelegen zwischen dem Convention Center, dem Pride Park und einem Golfplatz. Aus einem Teich ragt »The Sculpture of Love and Anguish« des Architekten und Designers Kenneth Treister in die Höhe – eine gigantische Plastik zur Mahnung an die Schoa.

Sherry schaut auf die Körper, die in der riesigen Hand abgebildet sind. Es ist ein schwerer Blick und ein tiefes Durchatmen, bevor sie sagt: »Meine Tochter ist in New York, ich wollte sie besuchen und habe meine Davidstern-Kette abgelegt.« Sie fasst sich suchend an den Hals, heute hat sie sie um. Genau das, das Verstecken der Symbole, die Familiengeschichte und Identität in sich vereinen, das wolle man in Miami Beach nicht zulassen.

Auf wen sich die Gemeinde verlassen kann, zeigt die lange Schlange von Besuchern des Gedenkens. Sicherheitsbeamte kontrollieren streng – und das dauert. Einfach so hineingehen? Das gibt es auch in Miami schon lange nicht mehr. Hier ist die Sicherheit ähnlich hoch wie in Europa, wie in Südamerika, wie fast überall auf der Welt.

Auch in Georgetown. Denn wenn man dort zum Gottesdienst möchte, wenn man auf den bequemen Stühlen Platz nehmen will, hoch zu den beiden Löwen schauen möchte oder sich einfach nur in den grünen Fenstern verlieren will, dann sollte man wenigstens eine E-Mail schreiben. »Nur, dass wir es wissen«, sagt Rabbi Shafner.

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Polizisten und Demonstranten vor der US-Botschaft in London

Proteste

Erneut Hunderte Festnahmen bei Gaza-Demo in London

Seit dem Verbot von Palestine Action sind in Großbritannien Tausende Menschen festgenommen worden. Auch bei einer Kundgebung in London griff die Polizei ein

 01.11.2026

Italien

Mann in Mailand wegen Anschlagsplänen auf Synagoge festgenommen

Im Großraum Mailand stellt die Polizei einen 22 Jahre alten Mann, der Anschläge auf eine Synagoge und eine islamische Einrichtung geplant haben soll. Die Hintergründe sind noch unklar

 29.10.2026

»A young woman in a dress and a man in a plaid shirt sit at a small outdoor restaurant table at night, smiling and talking, with food and drinks on the table and city lights in the background.«

Hollywood

Nach dem Happy End ist davor

In der dritten Staffel der Erfolgsserie »Nobody Wants This« machen Joanne und ihr »Hot Rabbi« den Neben-Romanzen Platz. Und dann wird auch noch konvertiert. Spoiler Alert

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Frankreich

»Freiheit ist leicht zu verteidigen«

Der Philosoph und Fernsehmoderator Raphaël Enthoven über Verantwortung, Spinozas Erbe und das Einzige, was uns wahrhaft zu erfüllen vermag

von Ute Cohen  28.10.2026

USA

Mike Tyson will seine Flagge zurück

Der Ex-Boxweltmeister legt sich mit einer Streetwear-Marke an, die ein altes Design in seinem Namen politisiert hat. Dabei geht es auch um Israel

von Hanna Persson  28.10.2026

Showbiz

Noah Wyle ist der »Sexiest Man Alive«, meint das »People«-Magazin

Der »The Pitt«-Star darf sich über den Titel freuen, der einst auch Harrison Ford schmückte. Seine Kinder sticheln schon, sagt Wyle

 28.10.2026

Medien

BBC zahlt 480.000 Euro Entschädigung nach Antisemitismus-Vorwurf

Die entlassene Produzentin Lucie Kon erhält fast 500.000 Euro von der BBC nach Antisemitismus-Vorwürfen. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde ihre Arbeit beim öffentlich-rechtlichen Sender unerträglich

von Jamie Shapiro  27.10.2026

San Francisco/New York

KI mit Elvis-Songs gefüttert: Millionenklage gegen Anthropic

»Return To Sender« und diverse weitere Lieder des King of Rock’n’ Roll sollen ohne Zustimmung ins KI-Training geflossen sein

 27.10.2026