Kommentar

Tote Juden stören nicht

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Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026 10:11 Uhr

Es gibt ein Wort für den dysfunktionalen Umgang mit Juden: Nekrosemitismus. Den Begriff prägten erstmals Wissenschaftler des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender in ihrem Essay »Nie wieder wehrlos« im April 2026.

Gemeint ist etwas sehr Einfaches und sehr Hässliches und es erklärt präzise, was heute schiefläuft. Nekrosemitismus bedeutet: Man liebt Juden, solange sie tot sind. Solange jüdische Schicksale und Symbole im Museum liegen und auf Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen sind. Solange Juden Tagebücher hinterlassen, die man zur Absolution umdeuten kann. Solange Juden nicht widersprechen, nichts fordern, keine Fragen stellen und niemanden verklagen.

Tote Juden kann man würdevoll betrauern, Kerzen anzünden, Kränze niederlegen, »nie wieder« sagen und sich für einen anständigen Menschen halten. Sobald Juden leben, sprechen, sich organisieren und verteidigen, einen Staat und eine Armee haben, Grenzen schützen, Terroristen bekämpfen und sagen: »Wir lassen uns nicht mehr abschlachten«, ist es vorbei mit der Sentimentalität. Dann wird die Realität verbogen, weil wehrhafte Juden nicht hineinpassen: Juden werden zu Tätern umgedeutet, Schutz wird Aggression, Selbstverteidigung wird Unterdrückung. Jüdische Souveränität wird zum Problem.

»Kampf gegen Antisemitismus« bleibt Anachronismus

Unsere Erinnerungskultur ist deshalb so bequem. Sie liebt Anne Frank, aber weiß kaum etwas über jüdische Gegenwart. Sie liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Judenhass vor der eigenen Haustür. Sie liebt Gedenkreden, aber hört nicht zu, wenn Juden sagen: »Wir wissen nicht, wie lange wir hier noch bleiben können«.

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Sie liebt Auschwitz, aber sie will nicht verstehen, was »Nie wieder« tatsächlich bedeutet: Nie wieder wehrlos. Nie wieder abhängig vom guten Willen anderer. Nie wieder warten, ob die Mehrheitsgesellschaft vielleicht irgendwann doch reagiert und Juden als Teil ihrer selbst begreift und verteidigt.

Nekrosemitismus erklärt, warum der chronisch ausgerufene »Kampf gegen Antisemitismus« so oft ein Anachronismus bleibt. Man bekämpft Judenhass, so wie er in der Vergangenheit war. Nicht wie er in der Gegenwart ist. Unsere Gesellschaft hat aus der Vergangenheit gelernt, aber nicht alle richtigen Schlüsse gezogen. Sie hat nicht gelernt, dass Judenhass ein mutierender Virus ist, der sich stets dem Zeitgeist anpasst und heute als Antizionismus grassiert.

Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Antijudaismus. Und auch nicht mehr im Zeitalter des Antisemitismus. Wir leben im Zeitalter des Antizionismus, in dem alles Unheil dieser Welt auf Israel, den kollektiven Juden, projiziert und der Einzeljude zur Zielscheibe wird. Denn der kollektive Jude steht einmal mehr zwischen der von Krieg und Katastrophen gebeutelten Gegenwart und einem befreiten Utopia.

Stachel in der Komfortzone

Lebende Juden sind der störende Stachel in der Komfortzone der nekrosemitischen Gesellschaft. Sie halten ihr einen Spiegel vor, vor dem sich der Nekrosemit in die schaurig-behagliche und (vergangene) Vergangenheit flüchtet und sich weigert, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen. Nekrosemitismus ist Ausdruck eines gigantischen Versagens.

Der heutige Kampf gegen Judenhass scheitert daran, dass zu viele erst dann solidarisch mit Juden sind, wenn diese tot sind. Da Pessimismus jedoch ein Luxus ist, den ein Jude sich nicht erlauben kann (Golda Meir), sei der Schlusssatz ein optimistischer: Zum Glück gibt es heute Israel.

Die Autorin ist Sprecherin der WerteInitiative und lebt in Berlin.



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