Eines der faszinierendsten Rezepte sei die »Palästina-Suppe« mit Kalbfleisch, Hühnchen und Topinambur, findet der Kurator der Haim-und-Hanna-Salomon-Judaica-Sammlung der Nationalbibliothek Israels (NLI), Chaim Neria. Das Rezept stammt aus einem Werk, das die Bibliothek vor Kurzem erworben hat: ein seltenes Originalexemplar des allerersten koscheren Kochbuchs, das in England veröffentlicht wurde.
Das Gericht spiegelt die Faszination für das Heilige Land unter den viktorianischen Juden wider und ist einer der Hinweise, die das anonyme Kochbuch mit Lady Judith Montefiore in Verbindung bringen, einer britischen Linguistin und Philanthropin sowie Ehefrau des bekannten Finanziers und jüdischen Wohltäters Sir Moses Montefiore. Und sie war eine der wenigen jüdischen Frauen im viktorianischen England, die den Titel »Lady« trugen.
Auf mehreren Reisen nach Israel und in andere Teile des Nahen Ostens
»Aber auch wegen der nahöstlichen Rezepte vermuten Wissenschaftler eine Verbindung zu ihr«, erklärt Neria im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Denn Lady Judith habe ihren Gatten auf mehreren Reisen nach Israel und in andere Teile des Nahen Ostens begleitet. Man weiß, dass sie während dieser Besuche ihre Eindrücke von den dortigen jüdischen Gemeinden und deren Küche festhielt. »Und außerdem haben die Rezepte Ähnlichkeit mit Gerichten, die im Hause Montefiore serviert wurden.«
Sie war eine der wenigen jüdischen Frauen im viktorianischen England, die den Titel »Lady« trugen.
Das Buch mit dem Originaltitel The Jewish Manual of Modern Cookery, With a Collection of Valuable Recipes & Hints Relating to the Toilette erschien 1846 ursprünglich unter dem Pseudonym »A Lady«.
Laut dem Kurator würden viele Menschen jüdisches Essen oft mit osteuropäischen Gerichten verbinden. »Aber dieses Buch stammt aus einer früheren Zeit, also vor der großen Migration aus Osteuropa, daher sind die Rezepte ganz anders. Statt Gefilte Fisch oder deftigen Eintopf erwartet die Leser koschere Küche der englischen Art.«
Unter den Rezepten befinden sich auch einige der ältesten bekannten jüdischen Käsekuchenrezepte. Die, so Neria, würden sich jedoch deutlich von modernen Versionen unterscheiden. »Statt Frischkäse verwendeten die viktorianischen Köchinnen und Köche frischen Quark, Butter, Sahne und Eier. Und besonders wertvoll ist, dass wir durch die Rezepte die Entwicklung der jüdischen Festtagsküche über fast zwei Jahrhunderte nachvollziehen können.«
Weniger ein Kochbuch, sondern vielmehr Ratgeber für eine junge jüdische Frau
Das englischsprachige Werk enthält neben Rezepten auch Haushaltstipps und mehrere Anleitungen zur »Schönheitspflege«, darunter Milchbäder und Hautpflegeprodukte, die in der viktorianischen Ära in den europäischen Oberschichten beliebt waren. »Ich denke, wir sollten es wohl weniger als Kochbuch, sondern vielmehr als Ratgeber für eine junge jüdische Frau betrachten«, meint Neria. »Es vereint Kochen, praktische Ratschläge und Schönheitstipps – ein Werk, das man wahrscheinlich einer jungen Braut geschenkt hätte.«
Die Verbindung zu den Montefiores macht den Erwerb für die Nationalbibliothek besonders bedeutsam. Denn die israelische Institution bewahrt bereits Teile ihres Archivs auf, darunter ein kleines Paar Tefillin, das Sir Moses Montefiore auf seinen Reisen bei sich trug. Zudem spielte die Familie eine wichtige Rolle in der Geschichte der Nationalbibliothek selbst: Eine im 19. Jahrhundert mit ihrer Unterstützung in Jerusalem gegründete Bibliothek wurde später Teil der heutigen Sammlungen.
Laut Neria ist die Suche nach Werken wie dem koscheren Kochbuch ein wichtiger Teil der Mission der NLI. »Wir haben das Buch auf einer Auktion seltener Bücher gefunden und es im Rahmen unserer Bemühungen erworben, die Judaica-Sammlung zu vervollständigen. Die Nationalbibliothek versucht im Grunde, alles zu sammeln, was weltweit über das Judentum veröffentlicht wurde. Wir sind stets bestrebt, Lücken aus der Vergangenheit zu schließen. Zwar ist die Bibliothek für ihre unvergleichliche Sammlung jüdischer Manuskripte, religiöser Texte und Archive bekannt, doch laut Neria bedeute die Bewahrung jüdischer Kultur auch die Dokumentation des Alltagslebens. «Manche denken, Judentum bestehe nur aus Religion oder heiligen Schriften», sagt er. «Aber natürlich ist es auch Kultur. Und ein wesentlicher Teil dieser Kultur findet in der Küche statt.»
Das Werk enthält auch Haushaltstipps und Anleitungen zur «Schönheitspflege».
Diese Philosophie prägt auch die Sammelstrategie der Bibliothek. «Wenn wir über unsere Judaica-Sammlung sprechen, meinen wir nicht nur heilige Bücher», betont Neria noch einmal. «Wir versuchen, alles zu sammeln, was die jüdische Kultur widerspiegelt – Poesie, Kunst und eben auch Kochbücher.» Für ihn schließt der neu erworbene Band eine wichtige Lücke in der Sammlung.
Denn Kochbücher, so glaubt er, offenbaren Aspekte der jüdischen Geschichte, die in Gebetbüchern und offiziellen Dokumenten oft fehlen. «Sie bewahren Familientraditionen, Festtagsgerichte, lokale Zutaten und die Art und Weise, wie sich jüdische Gemeinden an die Länder anpassten, in denen sie lebten. Und wie sie dabei die Kaschrut-Gesetze einhielten.»
«Das Judentum findet nicht nur in der Synagoge statt», fasst Neria zusammen. «Es ist natürlich auch in der Küche und im Zuhause allgegenwärtig. Es lebt in Aromen, Geschmäckern, Rezepten und Bräuchen.»