Ungarn

Ein Löffel Paprika, eine Prise Identität

Die Rezepte kennt sie auswendig: Für Lili Lantos (37) ist Kochen Familiensache.

Ungarn

Ein Löffel Paprika, eine Prise Identität

Lili Lantos präsentiert auf Instagram ihr digitales Kochbuch mit jüdischen Familienrezepten. Dabei schafft sie Nähe, ohne viele Worte zu verlieren

von Nicole Dreyfus  05.07.2026 10:18 Uhr

Für Lili Lantos gibt es einen Duft, der sie schlagartig zurück in ihre Kindheit katapultiert: »Es ist der typische schwere, fettige Geruch von Gänsefett. Ich erinnere mich daran, dass wir als Kinder freitags nach Hause kamen und es bei meiner Großmutter immer nach Gans roch.« Die Gans ist für die Ungarin, die ihre Rezepte auf Instagram präsentiert, ein wichtiger Bestandteil der ungarisch-jüdischen Küche. Das ist auch historisch bedingt: Juden handelten früher häufig mit Gänsen. Die Tiere waren erschwinglich, leicht mitzunehmen, und man konnte jeden Teil des Tieres verwenden – von den Federn bis zu den Innereien.

Lantos hat es vor allem die Gänseleber angetan. Aber müsste sie sich für ein Lieblingsgericht entscheiden, hätte sie Mühe, sich auf eines zu beschränken, zumal es, wie sie sagt, die typisch ungarisch-jüdische Küche als solches gar nicht gebe. »Vieles von dieser kulinarischen Tradition ging nach dem Holocaust verloren, weil kaum jemand zurückkehrte. Trotzdem blieb die Mischung aus ungarischer Küche und jüdischen Traditionen erhalten.«

Sommerlich-erfrischende Kirschensuppe oder klassische ungarische Spargelsuppe

Dies alles versucht die 37-Jährige, deren Familie aus der Gegend um Tokaj im Nordosten des Landes stammt, in ihren Kochvideos zu vereinen. Mal gibt es sommerlich-erfrischende Kirschensuppe oder eine klassische ungarische Spargelsuppe, mal ein traditionelles Paprika-Hähnchen (»Paprikás Csirke«). Israelisch-orientalische Einflüsse (»Sabich« oder »Schak­schuka«) gehören ebenso dazu wie selbst gemachte Spätzle an Pilzsauce oder der »Mohn-Traum«. Beim Stichwort Mohn ist für die Koch-Influencerin jedoch klar: »Der geschichtete Mohnkuchen ist vermutlich das einzige Gebäck, das wirklich ausschließlich ungarisch-jüdisch ist. Meine Ururgroßmutter war dafür berühmt und gewann damit jedes Jahr rund um Purim einen Wettbewerb im Dorf.«

Heute ist es »Lililoveskosher«, so heißt ihr Instagram-Kanal, der fast täglich neue Fans gewinnt. »Die Rezepte meiner Familie kenne ich auswendig. Ich erinnere mich förmlich an die Bewegungen und Handgriffe meiner Großmutter.« Seit sie die Videos poste, lege sie jedoch großen Wert darauf, alles exakt abzuwiegen und aufzuschreiben. »Das tue ich nicht nur für meine Follower. Für mich ist der Kanal eine Art digitales Kochbuch.«

»Der Mohnkuchen meiner Ururgroßmutter gewann jedes Jahr einen Wettbewerb im Dorf.«

Online wird geschnitten, gerührt, gebraten und gekocht – natürlich immer mit einer Prise Leichtigkeit. Wer an den Beiträgen hängen bleibt, möchte am liebsten mitessen. Lantos steht in ihrer Küche in Wien, wo sie seit einigen Jahren lebt, und überträgt nicht nur den Duft von angebratenen Zwiebeln, die sie alsbald mit einem großen Löffel Paprikapulver aromatisiert, via Bildschirm. Auch das Hacken mit dem scharfen Messer auf dem Holzbrett wird zum sinnlichen Erlebnis. Die Geräusch­kulisse erzeugt Nähe und verleiht den Videos eine fast intime Atmosphäre. Vielleicht weckt sie auch Erinnerungen an die eigene Familienküche.

»Essen hat eine unglaubliche Kraft. Es verbindet Menschen und bewahrt Erinnerungen«

»Viele schreiben mir danach sehr persönliche Geschichten. Sie erzählen von ihren Großmüttern oder von verlorenen Familienmitgliedern.« Dessen ist sich Lantos auch bewusst: »Essen hat eine unglaubliche Kraft. Es verbindet Menschen und bewahrt Erinnerungen. Meine Mutter sagt oft: Niemand setzt sich an den Tisch und sagt, lasst uns heute über euren Großvater sprechen. Aber wenn man das Lieblings­gericht des Großvaters auf den Tisch bringt, beginnt die Familie ganz von selbst, über ihn zu reden.«

Auch Lantos erinnert sich. Sie erzählt davon, dass sie den Kindergarten überhaupt nicht mochte. Ihre Eltern brachten sie deshalb oft zu ihrer Großmutter. »Ich kam morgens gegen halb acht bei ihr an, und sie war bereits in der Küche beschäftigt. Sie gab mir kleine Aufgaben oder ein paar Zutaten, mit denen ich arbeiten durfte. Heute weiß ich natürlich, dass sie mich damit beschäftigen wollte, während sie das Mittagessen vorbereitete. Aber damals fühlte ich mich wichtig. Ich liebte es, in ihrer Küche zu sein. Ich hatte dort meine kleine Ecke und konnte mit ihr zusammen kochen. Das ging jahrelang so. Erst viel später übernahm meine Mutter das Kochen für die ganze Familie.«

Heute hat ihre Mutter, mit der Lantos zusammen Koch-Events unter dem Namen »Schabbos Mama« organisiert, hin und wieder auch einen Gastauftritt in den Videos ihrer Tochter. Dann wird auch Ungarisch gesprochen.

Ansonsten setzt Lantos nicht viel Sprache ein. »Was soll ich denn erklären? Man nehme drei Löffel Zucker und einen Becher Mehl? Das ist unnötig.« So wirken die Beiträge mit ungarischem Schlager oder alten Chansons frisch und dynamisch. Und natürlich professionell. Doch hier verneint die Insta-Köchin: »Wenn ich ein Video drehe, dann meistens nebenbei.« Während das Essen vor sich hin koche, schneide sie bereits die Aufnahmen zusammen. Gefilmt werde nur mit dem Handy.

Heute zählt »Lililoveskosher« rund 65.600 Follower

Entstanden sei diese Karriere ziemlich zufällig vor rund anderthalb Jahren: »Wir waren im Urlaub, kamen kurz nach Hause und mussten am nächsten Tag weiterreisen. Ich kochte ein einfaches ungarisches Kartoffel-Nudel-Gericht und filmte nebenbei. Am nächsten Morgen stellte ich am Flughafen das Video online. Als wir nach 90 Minuten Flug landeten, hatte ich plötzlich rund 2000 neue Follower. Das war völlig surreal.« Seitdem wächst die Community ständig weiter. Heute zählt »Lililoveskosher« rund 65.600 Follower.

»Essen verbindet Menschen und bewahrt Erinnerungen.«

Aber Lantos weiß auch: »Instagram kann morgen verschwinden. Auch dann würde ich noch kochen und meine Familie ernähren«, sagt die Mutter von zwei Kindern, die immer neue Ideen für alte Rezepte hat. Die würden auch davon abhängen, welche Zutaten sie bekomme. In Wien sei es oft schwierig, koschere Gans oder Ente zu finden. Ihre Familie lebe nicht strikt koscher, »aber wir kaufen nur koscheres Fleisch. Milchiges und Fleischiges mischen wir normalerweise nicht. Man könnte sagen, wir leben ›kosher style‹«.

Doch für Lantos ist jüdische Esskultur weit mehr als religiöse Speisegesetze. Sie beobachtet derzeit eine Renaissance der jüdischen Küche – in Ungarn, Wien und darüber hinaus. »Die Menschen sind müde von Essen ohne Geschichte«, sagt sie. Perfekt angerichtete Teller seien austauschbar, traditionelle Gerichte hingegen trügen Erinnerungen und Emotionen in sich. Über die jüdische Küche wüssten viele dennoch erstaunlich wenig. Matzenknödelsuppe oder Tscholent seien nur ein kleiner Ausschnitt eines reichen kulinarischen Erbes.

Gemeinsam mit ihrer Mutter arbeitet Lantos deshalb an einem Kochbuch. Es soll nicht nur die Familienrezepte für kommende Generationen bewahren, sondern die Vielfalt der jüdischen Küche zeigen. Aber vielleicht liegt dem Buch noch etwas anderes zugrunde: »Wir sind jüdisch, aber möchten einfach zeigen, dass wir Menschen sind wie alle anderen – mit dem einzigen Unterschied, dass statt Schweinefleisch Huhn im Eintopf landet.«

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