Das Studierendenparlament der Humboldt-Universität zu Berlin hat einen Antrag verabschiedet, der – dem Programm der antisemitischen BDS-Bewegung folgend – »die sofortige Aussetzung von bzw. den Rückzug aus Veranstaltungen, Aktivitäten, Vereinbarungen oder Projekten« fordert, »an denen israelische akademische oder andere staatliche Einrichtungen beteiligt sind«.
Gemeint sind damit nicht einzelne Wissenschaftler, nicht einzelne Studenten, nicht konkrete Forschungsprojekte oder gar nachweisbare Rechtsverstöße. Verurteilt werden israelische Hochschulen und deren Angehörige im Allgemeinen und kollektiv.
Zur Begründung behaupten die Antragsteller, »dass sich alle israelischen Universitäten, mit denen die HU kooperiert, vielfach direkt oder indirekt am Genozid, Besatzung, Apartheid und/oder weiteren Menschenrechtsverletzungen gegen das palästinensische Volk beteiligt haben und beteiligen, etwa durch Rüstungsforschung oder die Ausbildung von IDF-Soldat*innen«. Die dazu herangezogenen Quellen sind fadenscheinig. Eine Differenzierung findet nicht statt. Wer den gesamten Text des ideologisch verbrämten Pamphlets liest, steckt rasch mitten in einer Suada aus einseitiger, verblendeter anti-israelischer Hasspropaganda. So werden alle, die an einer israelischen Universität forschen oder lehren, künftig zum unerwünschten Kooperationspartner – allein aufgrund ihrer institutionellen Zugehörigkeit.
»Genozid« und »Apartheid«
Weiter heißt es im Antrag: »Das Studierendenparlament der HU fordert die HU, insbesondere die Universitätsleitung auf, die Mitschuld israelischer Universitäten an Genozid, Apartheid und Menschenrechtsverletzungen (durch ideologische und materielle Unterstützung) und die eigene Mitverantwortung durch Schweigen, Repression, Normalisierung und Kooperationen mit den Mittätern anzuerkennen«.
Man muss sich klarmachen, was hier gefordert wird: Es handelt sich um eine generelle Verurteilung sämtlicher israelischer Universitäten und deren Mitarbeiter. Hunderttausende Studierende, Professoren und Forscher, die in zahlreichen Disziplinen zu den renommiertesten der Welt zählen, werden kollektiv für die Politik ihrer Regierung verantwortlich gemacht, völlig unabhängig von ihren Forschungsschwerpunkten oder politischen Überzeugungen.
Die Universitätsleitung der HU lehnt derartige Forderungen sowie ein Kooperationsverbot nach wie vor ab.
Antisemitische Kampagnen
Mit der mehrheitlichen Annahme des Antrags hat das Studierendenparlament allerdings bereits eine BDS- und PACBI-konforme studentische Selbstverwaltung beschlossen. BDS steht für Boykott, Deinvestment und Sanktionierung der israelischen Wirtschaft. PACBI ist Teil dieser Bewegung, die explizit zum akademischen, kulturellen und wirtschaftlichen Boykott Israels aufruft.
Beide Kampagnen gelten als antisemitisch. So sollen laut Antrag »keine Ressourcen der studentischen Selbstverwaltung für Zwecke aufgewendet werden, die den PACBI-Richtlinien entgegenstehen (beispielsweise für Veranstaltungen mit israelischen staatlichen Institutionen oder Hochschulen)«. Stattdessen fordert das Studierendenparlament »die Aufnahme und den Ausbau von Kooperationen und Partnerschaften mit palästinensischen und libanesischen Universitäten«.
Was hier in einem Antrag von der Studentenvertretung mehrheitlich verabschiedet worden ist, entspricht dem Prinzip kollektiver Verantwortungszuschreibung. Für ein solches Denken kennt die politische Geschichte einen Begriff: Kollektivschuld. Und für die politische Forderung, mit Juden – oder heute: mit den Institutionen des jüdischen Staates – nicht mehr zusammenzuarbeiten, kennt die deutsche Geschichte ebenfalls einen erschreckend vertrauten Klang: »Kauft nicht bei Juden.«
Ausgrenzung und Lügen
Der Mechanismus der Ausgrenzung folgt demselben Muster. Nicht das individuelle Handeln entscheidet, sondern die Herkunft. Nicht der einzelne Mensch zählt, sondern die Zugehörigkeit zu einer als kollektiv schuldig erklärten Gruppe, während obendrein die erhobenen Vorwürfe nachweislich nicht stimmen.
Wer glaubt, darin keinen antisemitischen Kern erkennen zu können, verkennt das Wesen des Antisemitismus selbst. Judenhass beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt mit Ausgrenzung, mit Lügen – in dem Fall über den jüdischen Staat – und mit Boykott.
Antisemitismus beginnt fast nie mit Vernichtung. Er beginnt damit, dass Juden anders behandelt werden als alle anderen, was sich im vorliegenden Fall besonders drastisch darin zeigt, dass wissenschaftliche Kooperationen mit Ländern, deren Regierungen tatsächlich und nachweislich als Unrechtsregime gelten, vom Studierendenparlament keineswegs identisch behandelt werden.
Angeblich gebildet
Gerade Studentinnen und Studenten an Universitäten – angeblich gebildete, intelligente, lernfähige Menschen – müssten diesen Mechanismus verstehen. Denn auch der akademische Antisemitismus begann nicht erst 1933. Lange bevor Synagogen brannten, wurden jüdische Wissenschaftler ausgegrenzt, Studenten diskriminiert und Professoren aus akademischen Netzwerken verdrängt. Hochschulen waren keine Bollwerke gegen den Nationalsozialismus. Sie gehörten zu seinen frühen Wegbereitern.
Auch die Humboldt-Universität trägt dafür eine besondere historische Verantwortung. Nur wenige Schritte von ihrem Hauptgebäude entfernt, auf dem heutigen Bebelplatz, verbrannten am 10. Mai 1933 Studenten und Professoren der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität – der heutigen Humboldt-Universität – gemeinsam mit den Nationalsozialisten die Bücher jüdischer Autoren sowie zahlreicher politischer Gegner des Nationalsozialismus, darunter Liberale, Sozialisten und Pazifisten. Es war kein Mob von außen. Es war die akademische Elite selbst, die den geistigen Vernichtungsfeldzug eröffnete.
Bereits zuvor hatten sich nationalsozialistische Studentenorganisationen an der Universität etabliert, jüdische Kommilitonen ausgegrenzt und das akademische Klima vergiftet. Nach der Machtübernahme folgten die Entlassung jüdischer Professoren aufgrund des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«, die systematische Vertreibung bedeutender Wissenschaftler und die vollständige ideologische Gleichschaltung der Hochschule. Aus den Hörsälen der Universität wurden Nobelpreisträger, Widerstandskämpfer und weltberühmte Wissenschaftler vertrieben – nicht wegen ihrer Forschung, sondern wegen ihrer Herkunft. Auch damals begann alles mit Lügen, Hetze und der Vorstellung, bestimmte Menschen gehörten nicht mehr selbstverständlich zur akademischen Gemeinschaft.
Strukturelle Parallelen
Natürlich ist es falsch, heutige Studierende mit Nationalsozialisten gleichzusetzen. Aber ebenso falsch wäre es, die strukturellen Parallelen zu ignorieren. Die Vorstellung, Wissenschaft müsse entlang ethnischer – oder wie heute nationaler – Zugehörigkeit boykottiert werden, widerspricht allem, wofür Universitäten stehen sollten.
Der vielleicht bitterste Unterschied zu damals ist ein anderer: 1933 waren es vor allem nationalistische und rechte Studenten, die den Antisemitismus an die Hochschulen trugen. Heute kommen die lautesten Forderungen nach einem Boykott jüdischer beziehungsweise israelischer Institutionen vornehmlich aus der Linken – also aus einem politischen Spektrum, das unter dem Nationalsozialismus, wie oben erwähnt, selbst zu den Verfolgten gehörte.
Antisemitismus besitzt kein politisches Zuhause. Er kann nationalistisch auftreten, antikolonial, rechtsradikal, linksradikal oder islamistisch. Auch Christen waren über Jahrhunderte hinweg die größten Treiber des Judenhasses. Seine ideologische Sprache verändert sich. Seine Ausschlussmethode bleibt erstaunlich konstant. Der ideologische Ursprung hat sich verändert. Der antisemitische Mechanismus auch nicht. Wer Menschen aufgrund ihrer israelischen Staatsangehörigkeit oder ihrer Zugehörigkeit zu israelischen Institutionen aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausschließen will, betreibt keine Menschenrechtspolitik. Er betreibt Diskriminierung. Und damit genau das Gegenteil dessen, was eine Universität verteidigen sollte.
Linksradikale Hochschullisten
Bleibt die Frage, was dieser Beschluss tatsächlich über die Humboldt-Universität aussagt. Ist die Studentenschaft antisemitisch? Hoffen wir es nicht!
Denn das Studierendenparlament repräsentiert die Studierenden nur sehr eingeschränkt. Bei der jüngsten Wahl zum 34. StuPa beteiligten sich gerade einmal rund 3,5 Prozent der Wahlberechtigten. Anders formuliert: Über 96 Prozent der Studierenden haben das neue Parlament nicht gewählt.
Die politische Mehrheit im StuPa entsteht nicht aus einem breiten Querschnitt der Studierendenschaft, sondern aus einer kleinen, hochmobilisierten Gruppe überwiegend linksradikaler Hochschullisten, die das Parlament dominiert.
Freiheit und Aufklärung
Gerade die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung sollte jedoch eine Warnung sein. Denn Demokratie kennt ein Naturgesetz: Wenn die demokratische Mehrheit schweigt, organisieren sich die politischen Ränder. Wer sich nicht politisch engagiert und wer nicht wählen geht, überlässt die Vertretung seiner Interessen denjenigen, die am lautesten auftreten. So kommt es, dass winzige ideologische Splittergruppen hier im Namen von Zehntausenden Studierenden sprechen – und Beschlüsse verabschieden, die ausgerechnet an einer deutschen Universität wieder den Boykott jüdischer Institutionen propagieren.
Die Humboldt-Universität trägt den Namen eines Bildungsideals, das auf Freiheit, Aufklärung und dem universellen Austausch von Wissen beruht. Wer ausgerechnet dort fordert, Wissenschaftler wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Staat – dem einzigen demokratischen, freiheitlichen und westlich geprägten Staat im Nahen Osten – auszugrenzen, beschädigt nicht nur das Ansehen der Universität und der Studierenden. Er beschädigt das Ansehen des Wissenschaftsstandortes Deutschland und der Bundesrepublik.
Die Geschichte deutscher Universitäten lehrt, wohin Ausgrenzung führt. Man sollte sie kennen, gerade die Studentinnen und Studenten an der Humboldt-Universität.
Der Autor hat an der Humboldt-Universität Wirtschaftswissenschaften studiert. Er lebt heute in Berlin und München.