Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy hat der westlichen Staatengemeinschaft in scharfen Worten vorgeworfen, Israel nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 diplomatisch im Stich gelassen zu haben. Das Ausbleiben westlicher Solidarität werde in die Geschichte eingehen als moralisches Versagen und als Niederlage der Menschlichkeit, sagte Lévy am Donnerstag.
In einem Interview mit dem Jewish News Syndicate (JNS) in Tel Aviv erklärte der 77-jährige Intellektuelle, der auch unter dem Kürzel BHL bekannt ist: »Die fehlende Unterstützung für Israel wird von künftigen Historikern als ein Moment großer Schande für den Westen betrachtet werden. Es ist eine Niederlage der Menschlichkeit und eine moralische Niederlage. Es ist der Verlust jedes moralischen Kompasses.«
Lévy, der in Paris lebt, war bereits einen Tag nach dem Massaker nach Israel gereist. Im Jahr darauf verarbeitete er das Ausbleiben diplomatischer Rückendeckung für den jüdischen Staat in seinem Buch »Israel Alone«. Rückblickend beschreibt er seine damalige Reaktion knapp: »Ich war mehr als schockiert.«
Unter Polizeischutz
Anlass für seinen erneuten Besuch war diesmal die Hauptrede bei der jährlichen Konferenz zu zeitgenössischem Antisemitismus, ausgerichtet vom Comper Center for the Study of Antisemitism and Racism an der Universität Haifa. Die Veranstaltung gilt als die größte akademische Jahreskonferenz zum modernen Antisemitismus weltweit und zog nach Angaben der Organisatoren rund 550 Teilnehmer an, darunter 250 Vortragende vor Ort sowie weitere Gäste, die sich digital aus dem Ausland zuschalteten.
Lévy beklagte einen Anstieg des Antisemitismus, der »beispiellos in meinem Leben« ausfalle. Aus Sicherheitsgründen trete er inzwischen nur noch selten in Frankreich auf. In Großbritannien wiederum gebe es für ihn nur einen Ort, an dem er sich sicher fühle: »Selbst wenn ich komme, um über Philosophie oder nicht-jüdische Themen zu sprechen, ist der einzige sichere Ort für mich im Vereinigten Königreich eine Synagoge.«
Seit der Veröffentlichung seines Buches über die Ermordung des »Wall Street Journal«-Journalisten Daniel Pearl 2002 in Pakistan vor mehr als zwanzig Jahren steht der Philosoph in Paris unter Polizeischutz.
»Toxische Mischung«
Angesichts der zunehmenden Abwanderung von Jüdinnen und Juden aus westeuropäischen Großstädten zeigte sich Lévy entschlossen, dieser Entwicklung entgegenzutreten. »Europa hätte keine Zukunft, wenn sich die Juden zurückzögen«, sagte er. Verantwortlich für die Lage macht er eine toxische Mischung aus, wie er es nennt, »dummen, ungebildeten und barbarischen Antisemiten« sowie einer französischen politischen Führung, deren Israel-Haltung die Situation nach seiner Einschätzung häufig noch verschärfe.
Dennoch bleibe er kämpferisch: »Die Situation gibt mir den Willen, Widerstand zu leisten, zu kämpfen und zu gewinnen«.
Als überzeugter Vertreter der klassischen politischen Mitte grenzt sich Lévy sowohl vom offen antisemitischen linken Rand Frankreichs als auch von der proisraelischen extremen Rechten ab, die ihm gleichermaßen Sorge bereite. Im vergangenen Jahr boykottierte er aus diesem Grund eine Konferenz zu Antisemitismus in Jerusalem, weil dort auch ein führender Vertreter einer rechtsextremen Partei auftrat.
Zum Abschluss des JNS-Gesprächs beschrieb Lévy die gegenwärtige Lage jüdischer Gemeinschaften weltweit als bedrückend: »Es ist ein dunkler Moment für Juden auf der ganzen Welt. Wir müssen stolz, stark und weise sein.«