Jerusalem

Knesset-Ausschuss billigt Gesetz zur Aussetzung von Einberufung für Haredim

Abgeordnete der Opposition protestieren am Sonntag Außen- und Verteidigungsausschuss der Knesset gegen die Pläne der Regierung. Foto: copyright (c) Flash90 2026

Der Außen- und Verteidigungsausschuss der Knesset hat den Weg für ein umstrittenes Gesetz freigemacht, das die Einberufung ultraorthodoxer Männer zum Militärdienst faktisch für mehrere Monate aussetzen würde. Die Vorlage soll nun noch in dieser Woche in zweiter und dritter Lesung verabschiedet werden, bevor sich das Parlament auflöst und Israel in den Wahlkampf geht. Die »Times of Israel« und andere israelische Medien berichteten.

Nach dem Gesetzentwurf würden Zehntausende Haredim, die bereits als Wehrdienstverweigerer gelten, bis mindestens Ende November vor einer Festnahme geschützt. Da das Gesetz jedoch kurz vor der Auflösung der Knesset verabschiedet werden soll, könnte die Regelung aufgrund verfassungsrechtlicher Bestimmungen noch mehrere Monate länger gelten. Damit würde die Aussetzung der Durchsetzung der Wehrpflicht voraussichtlich mindestens sieben Monate andauern.

Die Neuregelung geht deutlich weiter als frühere Entwürfe. Sie soll nicht nur bereits registrierte Wehrdienstverweigerer vor strafrechtlichen Konsequenzen bewahren, sondern auch für junge ultraorthodoxe Männer gelten, die ihren Einberufungsbescheid erst nach Inkrafttreten des Gesetzes erhalten. Gleichzeitig würden laufende Strafverfahren eingefroren.

Verletzter Gleichheitsgrundsatz

Scharfe Kritik kommt von den juristischen Beratern der Knesset. In ihrer Stellungnahme warnen sie, das Gesetz verletze den Gleichheitsgrundsatz und diskriminiere andere Bevölkerungsgruppen. Wörtlich heißt es: »Eine Gesetzgebung, die eine bestimmte Bevölkerungsgruppe faktisch von ihren gesetzlichen Pflichten befreit, hält einer verfassungsrechtlichen Prüfung nicht stand, ist mit dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz unvereinbar und stellt eine rechtswidrige Diskriminierung dar.«

Lesen Sie auch

Auch Knesset-Rechtsberaterin Sagit Afik äußerte erhebliche Bedenken gegen das parlamentarische Verfahren. Die Vorlage sei gegenüber der ursprünglich in erster Lesung verabschiedeten Version so grundlegend verändert worden, dass das Vorgehen »nicht legitim« sei. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass das Oberste Gericht das Gesetz im Falle einer Verabschiedung wieder aufheben könnte.

Die Regierungskoalition verteidigt den Vorstoß dagegen als notwendige Übergangslösung. Nach ihrer Darstellung hätten die Festnahmen einzelner ultraorthodoxer Wehrdienstverweigerer die Bereitschaft anderer Haredim zum Militärdienst weiter sinken lassen. Vertreter der Schas-Partei betonen zudem, dass Haredim, die keiner Jeschiwa angehören, weiterhin festgenommen werden könnten und bestimmte Sozialleistungen für Wehrdienstverweigerer weiterhin eingeschränkt blieben.

Benachteiligung von Reservisten

Die Opposition reagierte empört. Abgeordnete warfen der Regierung vor, Soldaten und Reservisten zu benachteiligen, die seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und den folgenden Kriegen auf mehreren Fronten immer wieder zum Dienst eingezogen werden. Ein Oppositionspolitiker sprach davon, das Gesetz »spucke den Soldaten ins Gesicht«, ein weiterer bezeichnete es als »Entweihung des Gottesnamens«.

Der Gesetzentwurf ist Teil einer politischen Vereinbarung zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und den ultraorthodoxen Koalitionsparteien. Diese hatten nach einem Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 2024, das die bisherigen umfassenden Wehrdienstbefreiungen für verfassungswidrig erklärte, auf neuen gesetzlichen Schutz gedrängt. Nach Schätzungen gelten derzeit rund 80.000 ultraorthodoxe Männer im wehrpflichtigen Alter als grundsätzlich dienstpflichtig, haben ihren Militärdienst jedoch bislang nicht angetreten.

Parallel plant die Koalition, noch vor der Parlamentsauflösung ein weiteres Grundgesetz zu verabschieden, das das Torastudium als grundlegenden Wert des jüdischen Volkes und des Staates Israel festschreiben soll. Auch dieses Vorhaben stößt bei der Opposition auf heftigen Widerstand. im

Luftfahrt

Wie sicher sind Israel-Flüge?

Nach dem vereitelten Anschlag an Bord einer flydubai-Maschine werden immer mehr gravierende Sicherheitslücken bekannt

von Sabine Brandes  14.10.2026

Meldungen

Studium, Korruption, Aquädukt

Kurznachrichten aus Israel

von Sabine Brandes  14.10.2026

Reaktionen

EU kritisiert Wahlaufschub in den Palästinensergebieten

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas vertagt die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen bis in den Herbst 2027

 14.10.2026

Jahrestag der Geiselrückkehr

Schön, dass du wieder da bist!

Als ich Alon Ohel auf einer Straße in Tel Aviv sah, wollte ich ihn ansprechen – und ließ ihn weitergehen. Über Solidarität und die Kraft einer Gesellschaft

von Sabine Brandes  14.10.2026

Hamas-Terror

Ein Jahr Freiheit – doch die Narben bleiben

Vor einem Jahr war die Freude unbändig, als die letzten 20 lebenden Geiseln nach 738 Tagen in den Tunneln unter dem Gazastreifen nach Israel zurückkehrten

von Sabine Brandes  14.10.2026

Flughafen Ben Gurion

Unerlaubter Pilot an Bord: Maschine muss wieder umdrehen

Weil ein indonesischer Kapitän an Bord war, wurde einem Frachtflug von Ethiopian Airlines die Landung in Israel verweigert

von Sabine Brandes  13.10.2026

Krieg

Netanjahu fordert Ermittlungen gegen Soldaten im Film »NAZA«

Der Premier wirft den anonymen Beteiligten mögliche Straftaten im Zusammenhang mit der Weitergabe geheimer Informationen vor

von Sabine Brandes  13.10.2026

Interview

»Wenn wir weder denken noch irgendetwas tun müssen – was machen wir dann?«

Der israelische Mathematiker Assaf Hasson warnt vor oberflächlichen Antworten, undurchsichtigen Beweisen und einer Generation, die sich zu sehr auf Künstliche Intelligenz verlässt

von Sabine Brandes  13.10.2026

Oktoberfest

Wiesn am Mittelmeer

Die bayerische Festtradition wird in Israel neu interpretiert

von Sabine Brandes  13.10.2026