Ein neu veröffentlichtes Dokument soll zeigen, dass der damalige Hamas-Anführer Yahya Sinwar bereits mehr als ein Jahr vor dem Terrorüberfall vom 7. Oktober 2023 mit einer extremen militärischen Reaktion Israels rechnete. Nach dem handschriftlich verfassten Papier ging Sinwar sogar davon aus, Israel könne im äußersten Fall eine Atombombe gegen den Gazastreifen einsetzen – hielt jedoch dennoch an den Angriffsplänen fest.
Das Memorandum stammt nach Angaben des Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center aus dem August 2022. Auszüge daraus wurden nun vom israelischen Fernsehsender Channel 12 veröffentlicht. Bereits im vergangenen Jahr waren Teile eines ähnlichen Dokuments bekannt geworden, die jetzt veröffentlichten Passagen enthalten jedoch weitere Details.
Dem Bericht zufolge entwarf Sinwar einen detaillierten Operationsplan für einen großangelegten Angriff auf Israel. Vorgesehen gewesen seien 25 gleichzeitige Durchbrüche durch den Grenzzaun zwischen Gaza und Israel. Jede der Angriffseinheiten sollte aus rund 100 speziell ausgebildeten Terroristen bestehen und einen eigenen Grenzabschnitt übernehmen.
Begrenzter Einblick
Darüber hinaus plante Sinwar offenbar den Einsatz weiterer Kämpfer gegen Ortschaften, Städte und Militärstützpunkte im Süden Israels. Insgesamt sah das Konzept demnach rund 10.000 Terroristen vor. Gleichzeitig sollte jeder Beteiligte nur einen begrenzten Einblick in die Gesamtplanung erhalten.
Als Ziel formulierte Sinwar laut dem Dokument die Vertreibung der Bewohner israelischer Grenzorte. »Das Ziel ist es, die Siedler mit ihren Fahrzeugen zu vertreiben«, schrieb er. Zudem ordnete er an: »Vorrang« hätten Frauen und Kinder, während »Männer im Alter von 17 bis 50 Jahren als Geiseln genommen werden sollen«. Weiter heißt es: »Alle Telefone müssen beschlagnahmt werden, ebenso alle weiteren Dokumente, die sie bei sich tragen.«
Nach Darstellung von Channel 12 war sich Sinwar der möglichen Folgen eines solchen Angriffs bewusst. Er ging demnach nicht selbstverständlich davon aus, dass der Iran oder andere mit Teheran verbündete Terrororganisationen wie die Hisbollah unmittelbar in den Krieg eintreten würden. Zugleich erwartete er eine massive israelische Gegenoffensive.
»Schockierende Bilder«
Israel werde »nicht zögern, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Waffen einzusetzen«, schrieb Sinwar. »Sie könnten sogar eine Atombombe einsetzen, nicht weniger.« Dennoch glaubte er, Israel werde zunächst vom Angriff überrascht werden und in Chaos geraten. Den geplanten Überfall bezeichnete er als »Kampagne auf Leben und Tod«.
Israel äußert sich grundsätzlich nicht zu seinem mutmaßlichen Atomwaffenarsenal und verfolgt seit Jahrzehnten eine Politik der strategischen Mehrdeutigkeit. Der Staat hat den Besitz von Kernwaffen weder bestätigt noch dementiert.
Bereits im Oktober 2025 hatte das Meir-Amit-Zentrum ein weiteres von Sinwar verfasstes Dokument veröffentlicht. Darin beschrieb der Hamas-Chef nach Angaben der Forscher die Absicht, während des Massakers vom 7. Oktober gezielt »schockierende Bilder« zu erzeugen und die Gräueltaten live zu verbreiten.
Ermordet und verschleppt
Beim Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 ermordeten Terroristen im Süden Israels rund 1200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln in den Gazastreifen. Hinzu kamen Vergewaltigungen und Raketenangriffe. Einen Tag später eröffnete auch die libanesische Terrororganisation Hisbollah Angriffe auf Israel. Es folgten Attacken weiterer vom Iran unterstützter Gruppen sowie mehrere direkte militärische Konfrontationen zwischen Israel und der Islamischen Republik.
Sinwar führte die Hamas im Gazastreifen seit 2017. Im Oktober 2024 wurde er bei einem Einsatz der israelischen Armee in Rafah im Süden des Gazastreifens getötet. im