Den Holocaust leugnen oder verharmlosen: Dieses Phänomen nehme auch unter Jugendlichen »sehr zu«, sagte Veronika Nahm, Leiterin des Berliner Anne Frank Zentrums, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vor dem 9. November. An diesem Tag fanden 1938 die Novemberpogrome statt: vom nationalsozialistischen Regime organisierte schwere Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen im gesamten Deutschen Reich.
Dies werde vor allem in den Sozialen Netzwerken deutlich, in denen das Zentrum präsent sei. In den Kommentaren fänden sich Aussagen wie: »Warum erinnert ihr an Anne Frank, warum nicht an ein Kind in Gaza?« In Wanderausstellungen, die jährlich an rund 20 Orten in Deutschland stattfänden, mache sich dies ebenfalls bemerkbar. »Da wird ungläubig gefragt: ›Stimmt das überhaupt?‹«, so Nahm.
NS-Zeit in der Schule weniger zentral
Dabei handele es sich oft nicht um böse Absicht, sondern schlicht um Unwissen der Jugendlichen, sagte die Bildungsexpertin. Sie würden in der Schule nicht mehr so ausführlich über das Thema informiert wie noch vor 15 Jahren. »Da hat ein Generationenwechsel der Lehrkräfte stattgefunden. Vielen älteren Lehrerinnen und Lehrern war das ein Herzensanliegen, und es kam an vielen Stellen und Fächern im Unterricht vor. Das ist heute anders.«
Hinzu komme, dass viele auch vom Elternhaus nicht mehr viel zu dem Thema mitbekämen. »Die Jugendlichen beziehen dann ihre Informationen, die aber falsch sind, aus Social Media oder auch über Computerspiele.«
Verpflichtende Gedenkstättenbesuche, wie es sie etwa in Bayern gibt, sieht Nahm mit gemischten Gefühlen. »Da es oft nur Akademiker-Eltern sind, die mit ihren Kindern ins Museum, Theater und eben auch in die Gedenkstätte gehen, weil die anderen keine Zeit und keine Ressourcen haben, wäre ein verpflichtender Schulbesuch die Gelegenheit, die Chancengleichheit herzustellen.« Allerdings gehöre dazu auch eine entsprechende Vor- und Nachbereitung: »Erst in die KZ-Gedenkstätte Dachau und danach zu McDonald’s und Kegeln geht eben auch nicht.«
Empathie stärken
Wichtig sei bei solchen Besuchen vor allem die Stärkung von Empathie, sagte Nahm. Dies gelinge bei der Geschichte von Anne Frank besonders gut. Jugendlichen etwa mit arabischen oder türkischen Wurzeln, deren Familien nicht Teil der deutschen Geschichte und auch nicht der NS-Zeit seien, sei dies gut zu vermitteln. »Zweisprachigkeit und Leben im Krieg sind Themen, um mit Menschen mit Fluchterfahrung ins Gespräch zu kommen – beides musste auch Anne Frank erleiden.«
Das Anne Frank Zentrum Berlin ist die Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Das jüdische Mädchen versteckte sich dort während des Zweiten Weltkriegs, wurde aber von den Nazis entdeckt und deportiert. Anne Frank starb im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. KNA