Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum
Veronika Nahm, Direktorin des Anne Frank Zentrums Berlin (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa

Den Holocaust leugnen oder verharmlosen: Dieses Phänomen nehme auch unter Jugendlichen »sehr zu«, sagte Veronika Nahm, Leiterin des Berliner Anne Frank Zentrums, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vor dem 9. November. An diesem Tag fanden 1938 die Novemberpogrome statt: vom nationalsozialistischen Regime organisierte schwere Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen im gesamten Deutschen Reich.

Dies werde vor allem in den Sozialen Netzwerken deutlich, in denen das Zentrum präsent sei. In den Kommentaren fänden sich Aussagen wie: »Warum erinnert ihr an Anne Frank, warum nicht an ein Kind in Gaza?« In Wanderausstellungen, die jährlich an rund 20 Orten in Deutschland stattfänden, mache sich dies ebenfalls bemerkbar. »Da wird ungläubig gefragt: ›Stimmt das überhaupt?‹«, so Nahm.

NS-Zeit in der Schule weniger zentral

Dabei handele es sich oft nicht um böse Absicht, sondern schlicht um Unwissen der Jugendlichen, sagte die Bildungsexpertin. Sie würden in der Schule nicht mehr so ausführlich über das Thema informiert wie noch vor 15 Jahren. »Da hat ein Generationenwechsel der Lehrkräfte stattgefunden. Vielen älteren Lehrerinnen und Lehrern war das ein Herzensanliegen, und es kam an vielen Stellen und Fächern im Unterricht vor. Das ist heute anders.«

Hinzu komme, dass viele auch vom Elternhaus nicht mehr viel zu dem Thema mitbekämen. »Die Jugendlichen beziehen dann ihre Informationen, die aber falsch sind, aus Social Media oder auch über Computerspiele.«

Verpflichtende Gedenkstättenbesuche, wie es sie etwa in Bayern gibt, sieht Nahm mit gemischten Gefühlen. »Da es oft nur Akademiker-Eltern sind, die mit ihren Kindern ins Museum, Theater und eben auch in die Gedenkstätte gehen, weil die anderen keine Zeit und keine Ressourcen haben, wäre ein verpflichtender Schulbesuch die Gelegenheit, die Chancengleichheit herzustellen.« Allerdings gehöre dazu auch eine entsprechende Vor- und Nachbereitung: »Erst in die KZ-Gedenkstätte Dachau und danach zu McDonald’s und Kegeln geht eben auch nicht.«

Lesen Sie auch

Empathie stärken

Wichtig sei bei solchen Besuchen vor allem die Stärkung von Empathie, sagte Nahm. Dies gelinge bei der Geschichte von Anne Frank besonders gut. Jugendlichen etwa mit arabischen oder türkischen Wurzeln, deren Familien nicht Teil der deutschen Geschichte und auch nicht der NS-Zeit seien, sei dies gut zu vermitteln. »Zweisprachigkeit und Leben im Krieg sind Themen, um mit Menschen mit Fluchterfahrung ins Gespräch zu kommen – beides musste auch Anne Frank erleiden.«

Das Anne Frank Zentrum Berlin ist die Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Das jüdische Mädchen versteckte sich dort während des Zweiten Weltkriegs, wurde aber von den Nazis entdeckt und deportiert. Anne Frank starb im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. KNA

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026