Imanuels Interpreten (6)

Der dritte Barry

Barry Manilow im Jahr 1994 in Deutschland Foto: picture alliance/United Archives

Imanuels Interpreten (6)

Der dritte Barry

In den 70er Jahren gab es drei Superstars, die Barry hießen: Barry White, Barry Gibb und Barry Manilow. Auf letzterem jüdischen Genie hackten Kritiker stets herum. Seine Millionen Fans ignorierten die Schelte

von Imanuel Marcus  06.03.2025 13:04 Uhr

In den 70er Jahren schrieben drei Sänger mit dem Vornamen Barry große Erfolge. Der 2003 verstorbene Amerikaner Barry White war die Personifizierung des Soul – mit einem Bass, der hervorstach. Barry Gibb aus Großbritannien, der mit seinen inzwischen verstorbenen Brüdern Maurice und Robin die Bee Gees – eine der erfolgreichsten Formationen in der Geschichte der Pop-Musik – gründete und mit vielen Falsett-Einlagen betrieb, ist heute 78 Jahre alt.

Wer fehlt noch? Richtig: das Unikum Barry Manilow. Der Grammy-Gewinner wurde von Kritikern als Kitschbarde abgetan. Zwar hatten sie recht, ignorierten mit dieser Bewertung jedoch wichtige Aspekte. Erstens: Kitsch variiert auch bezüglich seiner Qualität. Zweitens: Bei den Fans in aller Welt, die im Laufe der Jahrzehnte 85 Millionen Manilow-Alben erstanden, kam die vernichtende Kritik der Besserwisser entweder nicht an oder sie wurde ignoriert.

Frank Sinatra sah in Barry Manilow seinen Nachfolger. »Ich glaube, er ist der Nächste«, prophezeite »The Voice« vor einem halben Jahrhundert. Er lag damit nur bedingt richtig. Der Jude Barry Manilow hat natürlich einerseits eine Stimme, die sich hervorragend für seine Liebeslieder eignet und auch in Songs anderer Art überzeugt.

Verstärkte Wirkung

Anders als Frank Sinatra verdankt Manilow seinen Erfolg aber auch der Tatsache, dass er ein schlicht genialer Song-Komponist ist. Seine Lieder schneidet er auf die eigene Stimme zu und verstärkt damit ihre Wirkung. Gekoppelt mit seinen Fähigkeiten als Arrangeur sorgt Barry Manilow seit Jahrzehnten für ein Gesamtpaket, das sich bis Mitte der 70er Jahre bis hin zur Perfektion entwickelte.

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Wir können Barry Manilows Musik hassen, wir können ihr gleichgültig gegenüberstehen oder wir können sie lieben. Aber, was wir auch von seinen Schnulzen halten: Wir können nicht bestreiten, dass wir es hier mit einem Meister zu tun haben, dessen Werk seinesgleichen sucht.

Vor einem halben Jahrhundert, im Jahr 1975, präsentierte niemand geringerer als Barry Manilow einen Song mit dem Titel I Write the Songs, der mit voller Wucht einschlug und bis an die Spitze der Billboard Hot 100 kletterte. Dieses Lied passte in jeder Hinsicht. Es machte Barry Manilow zum King of Songs.

Haushoch übertroffen

Dass er diesen Song gar nicht selbst komponiert hatte, war nebensächlich. Denn ab dem Moment, in dem er mit seinen Arrangements und seinen Gesangsaufnahmen fertig war, hatte er die zuerst aufgenommene I Write the Songs -Version von Teenie-Idol David Cassidy - und vermutlich alle Kitsch-Pop Songs, die jemals veröffentlicht wurden - haushoch übertroffen.

I Write the Songs passte so gut zu Barry Manilow, dass vermutlich Millionen Fans annahmen, es sei sein eigenes Meisterwerk. Dabei wurde es von Bruce Johnston geschrieben, einem Mitglied der Beach Boys.

I write the songs that make the whole world sing
I write the songs of love and special things
I write the songs that make the young girls cry
I write the songs, I write the songs

Manilow wollte I Write the Songs zuerst gar nicht anrühren: »Das Problem mit dem Lied war, dass man, wenn man nicht genau auf den Text hörte, denken konnte, dass der Sänger über sich selbst singt«, sagte er einst. »Es könnte als monumentaler Egotrip missverstanden werden.« Er hatte recht. Glücklicherweise überredete ihn Produzent Clive Davis dazu, das Lied dennoch aufzunehmen.

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Spätes Coming out

Genau 32 Jahre bevor der Ausnahmekünstler diesen grandiosen Song einspielte, wurde er als Barry Alan Pincus in Brooklyn geboren. Sein Vater war ein irischstämmiger Lastwagenfahrer, dessen Familienhintergrund teilweise jüdisch war. Die Eltern seiner Mutter Edna Manilow, deren Nachnamen er vor seiner Barmitzwa annahm, waren Juden aus Russland.

In der früheren Eastern District High School lernte Barry Manilow sein Highschool Sweetheart Susan Deixler kennen. Sie heirateten 1964, blieben aber nur ein gutes Jahr lang zusammen. Seit 1978, dem Zeitpunkt des Höhepunktes seiner Karriere, ist Manilow mit seinem heutigen Ehemann Garry Kief liiert. Bis 2015 war auch den vielen weiblichen Fans, die ihn Jahrzehnte lang angehimmelt hatten, nicht bekannt, dass er schwul ist.

Barry Manilow studierte am New York College of Music und der Juilliard Performing Arts School. Das Beste, was seine Stadt an musikalischer Bildung zu bieten hatte, nahm er mit. Und der Aufwand lohnte sich.

Sackweise Schönheit

Es war 1964, als der damals 23-jährige Vollblutmusiker gebeten wurde, ein paar Songs für die Musical-Version des Theaterstücks The Drunkard zu arrangieren. Das junge Genie schrieb kurzerhand die gesamte Musik für die Produktion. Hier deutete sich zum ersten Mal an, dass Manilow zu vielem fähig war.

Nachdem er ganze Serien an Werbespots mit Musik versehen hatte, als musikalischer Direktor für Fernsehserien, sowie als Pianist und Produzent für seine ebenfalls jüdische Kollegin Bette Midler tätig und Teil der Formation Featherbed gewesen war, tat Barry Manilow, was er tun musste: Er wurde Solokünstler.

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Entweder muss jemand sackweise Schönheit über die Songs geschüttet haben, die er von nun an lieferte, oder es war Magie im Spiel. Could it be Magic, eines seiner ersten Solo-Lieder, kann Eisberge schmelzen lassen oder ausgewachsene Männer zum Weinen bringen. Oder beides.

Sprichwörtlich umwerfend

Frédéric Chopin war nicht ganz unschuldig an diesem sprichwörtlich umwerfenden Lied. Von seinem Präludium Opus 28 in C-Moll, das seit 1839 darauf gewartet hatte, in einen Love Song konvertiert zu werden, ließ sich Manilow inspirieren. Das komplette Intro und das Grundthema des Songs kommen von dem polnisch-französischen Komponisten.

Auch weniger romantisch anmutende, eher poppige Hits lieferte Barry Manilow, einer der erfolgreichsten jüdischen Musiker auf dem Planeten, im Akkord. It’s a Miracle hatte Energie, Mandy kurbelte den Taschentücher-Verbrauch an. Nach I Write the Songs und anderen Erfolgen hörte die Welt im Jahr 1977 den erhebenden Song Daybreak, dessen grandioses Arrangement sogar eine Art Gospel-Chor im Hintergrund enthielt.

Nun, in den späten 1970er Jahren, hatte Barry Manilow den Zenit seiner Karriere erreicht. Ähnlich wie die Carpenters galt er zwar nie als hip, riss jedoch weiter Millionen Fans mit, indem er I’m Ready to Take a Chance Again oder andere überzeugende Love Songs wie Can’t Smile Without You unbeirrt auf den Markt katapultierte.

Der Disco-Song Copacabana war die Kirsche auf der Torte. Dieser Ohrwurm trällerte aus allen Radios der westlichen Welt. Auch produzierte Manilow Songs für die Soulstimme Dionne Warwick sowie die Jazz-Ladies Nancy Wilson und Sarah Vaughan.

Jüdische Gegensätze

In den späten 80er Jahren trafen einmal zwei jüdische Gegensätze aufeinander: Sowohl der Sänger/Songwriter Bob Dylan, der eher von linken Intellektuellen gehört wurde, als auch der in anderen Kreisen populäre Barry Manilow nahmen an einem Seder im Haus der Komponistenlegende Burt Bacharach teil.

»Es war ein merkwürdiges Aufeinandertreffen«, erinnerte sich Manilow später. »Er (Dylan) kam zu mir herüber und meinte: Mach immer weiter das, was Du machst, Mann. Du bist eine Inspiration für uns alle. Ist das nicht nett?« Über alle Gegensätze hinweg war dies offenbar ein Kompliment, das von ganzem Herzen kam.

Barry Manilow ist inzwischen 81 Jahre alt. Anstatt sich mit seinem Mann, seiner Stieftochter und seiner adoptierten Enkeltochter an den Pool zu setzen, arbeitet er weiterhin an Fernsehauftritten im Rahmen ganzer, ihm gewidmeter Sendungen. Erst im Frühling letzten Jahres spielte er seine »allerletzten Konzerte in Großbritannien«. Es handelte sich um ganze 14 Gigs im legendären Palladium.

Gute Figur

Würde man alle seine Alben auf einen Stapel legen, würde dieser vermutlich bis zum Jupiter reichen. Irgendwo unter den vielen Schallplatten oder CDs sind drei Weihnachtsalben zu finden.

Auch in der Rolle des »Weihnachtsjuden« macht Barry Manilow eine gute Figur: »Ich habe stets nach guten Chanukka-Songs gesucht«, sagte der Künstler im Jahr 2011. »Der einzige, den ich fand, war I Had a Little Dreidel, aber die Melodie war alles andere als gut.«

Wer schlechten oder durchschnittlichen Kitsch in musikalischer Form sucht, wird auf dieser Welt viel davon finden. Was Barry Manilow seit 1973 bietet, ist definitiv genialer Kitsch. Dies haben in den vergangenen 52 Jahren unzählige Menschen festgestellt, die ihn zum Teil heimlich hörten, da Manilow-Fans schon immer mit Vorurteilen ihrer Umwelt zu kämpfen hatten.

Imanuels Interpreten ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. Kontakt: marcus@juedische-allgemeine.de

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