Theater

Abschied vom Ich

»In dieser Welt wird nicht mehr gewohnt«: Schauspielerin Marina Galic (l.) und Jens Harzer, Kollege und Träger des Iffland-Ringes Foto: Ruth Walz

In dieser Welt wird nicht mehr gewohnt, die Möbel in Trümmern, keine Tür, kein Dach. Der, der sich hier zurechtfinden möchte, sieht aus wie ein Clown oder sein eigener Totengräber mit zu kurzen Hosen und weißen Socken, die in schwarzen Schuhen stecken, einem langen Mantel, mit dem man wie mit Rabenflügeln schlagen, aber nicht fliegen kann. Da erscheint noch einer, zwei Figuren statt (wie von Peter Handke vorgesehen) einer. Beide mit strichdünnen Schnurrbärten, Peter Handkes Barttracht nicht unähnlich.

Wenn es schon keine Heimat, kein Heim gar gibt, so gibt es zumindest einen Textteppich. Der wird jetzt ausgerollt, zwei Stunden lang auf dieser bis auf Möbelreste und ein Wolkengespinst reduzierten nachtschwarzen Bühne im Landestheater in Salzburg. Schnee von gestern, Schnee von morgen heißt der bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Text des österreichischen Autors Peter Handke. Der renommierte Opern- und Theaterregisseur Jossi Wieler und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Rabes haben sich mit dem Bühnenbild am ersten Satz im Stück des 83-jährigen streitbaren Literaturnobelpreisträgers orientiert – »in vergangenen Jahrhunderten wurden Leute, denen man das Recht absprach, sich in den Wohnräumen zu beklagen, in die Küche geschickt: Erzählt dort eure Geschichte«.

Zartleichter Regie-Rhythmus im Andante-Tempo

Eine Küche bekommst du nicht, mein Freund, sagt der Regisseur dem Autor. Steht ja auch im Text: »einziges Bauwerk weit und breit längst eine unbewohnbare Ruine: PAVILLON FÜR UNRUHIGE MÄNNER«. Zudem, so betont Jossi Wielers zartleichter Regie-Rhythmus im Andante-Tempo: Hast du doch gar keine Klage geschrieben, sondern einen Weltkommentar über das Weh der Welt. Der an Poesie und Gedanken überreiche Text ist »Peter Weiss und den anderen« gewidmet, also den Weltwanderern, den nie ganz irgendwo Angekommenen. Peter Weiss und die seinen sind vor den Nationalsozialisten nach Schweden geflohen, von dort aus hat der Künstler seine Texte geschrieben, darunter Die Ermittlung über die Auschwitz-Gerichtsprozesse.

Krieg- und Friedensanspielungen durchziehen den Text. Jossi Wieler, der in Israel Regie studierte, aber vor allem in Deutschland, in der Schweiz wie auch in Österreich arbeitet, vermeidet tagesaktuelle Anspielungen, vertraut auf die Intelligenz des Publikums. Ihn interessiert eine Denkbewegung ohne Larmoyanz, die großen Fragen des Wohin in der Welt und das Weshalb. Der Abend ist getragen von einem unaufhörlichen heiteren Widerspruch zu sich selbst: »Die Wette des Geglückten Lebens kannst du nur verlieren, Mensch. – Ja, fröhlich verlieren.«

Der Sound ist eine Zumutung im besten Sinne.

Das von Jens Harzer brillant dargebotene Selbstgespräch bekommt mit Marina Galic’ Stimme einen koboldhaften Kommentator, mal Verstärker, mal Begleiter, aber kein Widerpart. Harzer, der aktuelle Träger des Iffland-Ringes, taucht mit seiner ihm eigenen sprachlichen Geschmeidigkeit in den uferlosen Text ein, dringt immer tiefer vor in dieses Meer an Assoziationen, ohne sich im Dunkel zu verlieren.

Die Sprache ist ihm alles, er variiert die Geschwindigkeit, den Rhythmus

Die Sprache ist ihm alles, er variiert die Geschwindigkeit, den Rhythmus, wie es ihm beliebt, er atmet den Text mit dem ganzen Körper und holt aus ihm alles Menschliche heraus: mal wunderbar hilflos und trotzdem stark, dann wieder fragend und suchend, flirrend nervös, oft unsicher, dann wieder arrogant und leicht verletzlich. Und immer mit dieser so unnachahmlichen zerbrechlichen wie zärtlichen Stimme.

In diesem entrümpelten Raum nun ist das namenlose Duo gelandet, es balanciert auf dem »terrain vague«, während es versucht, sich bewusst zu werden, an welche Welt es dereinst geglaubt hat. Nun tauchen Bühnenwerke auf, Filmtitel, Songzeilen, Philosophen, Redewendungen, Odysseus und Leonard Cohen geistern umher, Rousseau und Faust, slowenische Einsprengsel sind zu hören: Marina Galic turnt um Jens Harzer herum, singt »ante pante populore, Kozelna vrata cvilelore« – ein Brauchtumsspruch, der in einem zweisprachigen Ort Kärntens beheimatet ist. Dann wieder zwängen sie sich in einen Rahmen – gehörte er zu einem Bücherregal?

Was alle Beteiligten fasziniert, ist der Versuch, sich einen Geborgenheitsraum mithilfe der Sprache zu schaffen. Bloß: Es ist ein Zickzack-, Kreuz-und-Quergehen innerhalb der Zeit auch und innerhalb der Fallhöhen, die reichen von Shakespeare bis zum Horoskop des Tages als Leitmotiv. Die Hoffnung, in der Sprache ein Zuhause zu finden, wird zur Enttäuschung, es folgt auf alles ein Widerspruch, ein Einspruch. Inmitten dieser transzendentalen Obdachlosigkeit bewegen sich die Schauspielerin und der Schauspieler, manchmal ziehen sie sich rote Narrenmützen über, sie tanzen und schubsen einander, kommen zusammen, gehen auseinander, setzen Pausen, schnattern, stocken, schweigen, unterbrechen den anderen mit ungeduldigem Fingerschnippen.

Die Originale zu dem Anspielungen

So zelebrieren Harzer und Galic in kongenialer Weise den Handke-Sound, der natürlich eine Zumutung im besten Sinn ist. Anders als oft heute im deutschsprachigen Theater gibt es keine Erklärungen, keine Zuschauerin, kein Zuschauer wird niederschwellig irgendwo abgeholt oder mitgenommen, man muss die Originale zu den Anspielungen schon kennen.

Oder auch nicht?, wie es im Drama heißt. Die Schrift, die Textfetzen, Gesänge, bildungsbürgerliche Stimmen aus der Vergangenheit – ob sie den Figuren und den Zuschauern etwas Schutz gewähren, wer weiß. Doch der tastende Mut zum Scheitern, die Liebe zur Sprache werden belohnt mit stehenden Ovationen.

Das Stück ist eine Koproduktion zwischen den Salzburger Festspielen und dem Berliner Ensemble. In Berlin feiert es am 29. August Premiere.

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