2021 war es der Pandemie, der neuen Relevanz des Online-Raums und der sich langsam übereinander legenden Krisen geschuldet, dass diejenigen, die Instagram bereits länger wie einen Blog nutzten, mehr Aufmerksamkeit erhielten und zueinander fanden. Noch bevor sich alles nur noch um Video-Content drehte, war die Plattform für viele zu einer Alternative zu Twitter geworden, weil es sich anfühlte, als ließe sich das Geschriebene kreativer, distanzierter, freier setzen. Texte, die über die Story-Funktion veröffentlicht wurden und nach 24 Stunden wieder verschwanden, boten eine Möglichkeit, die es im Internet eigentlich gar nicht mehr gab: einen unfertigen Gedanken zu teilen, der einen nicht bis ans Ende seines Lebens verfolgen würde, zumindest in der Theorie.
Zwischen Querdenken, völkischer Landromantik, verkürzter Kapitalismuskritik und den ersten viral gehenden Anti-Israel-Posts sowie meinen eigenen Versuchen zu verstehen, welche unheiligen Allianzen sich da über uns zusammenbrauten, teilte jemand eine Instagram-Story der mir bis dato nicht bekannten Journalistin Marija (Mia) Latković.
Mia schrieb über gesellschaftliche Verhältnisse, über Klasse, Diskriminierung, über Kontinuitäten, über Deutschland, über Krieg, Gerechtigkeit und über Antisemitismus. Weil sie Journalistin war und ihr Handwerk verstand, wollte sie nicht, dass diese spontan entstandenen Texte, die eher dazu dienten, lose Gedanken zu sortieren, ihr Ablaufdatum überdauerten. Sie wollte, dass ihr Geschriebenes gelesen wird, um dann wieder zu vergehen. Oft tauschten wir uns nur in kurzen Kommentaren aus, und dennoch scrolle ich heute minutenlang zurück zu unseren ersten Nachrichten.
Mias unzählige Texte sind so wie sie nicht mehr da.
Was heute übrig bleibt, sind Reaktionen auf unsere Storys, die nicht mehr verfügbar sind. Viele Herzen, oft auch gebrochene. Trauer, Stärke, manchmal auch ein bitterer Witz, die Suche nach dem Verstehen. Mias unzählige Texte sind so wie sie nicht mehr da. Denn Mia Latković ist im Alter von 47 Jahren nach einem langen und schweren Kampf gegen den Krebs gestorben. Sie hinterlässt ihren Mann und ihre zwei Töchter.
Am 7. Oktober 2023 schrieb sie mir: »Es ist eine blöde Frage, aber wie geht es dir?« Eine »blöde Frage«, die mir einige meiner engsten Freunde wochenlang nicht gestellt haben. »Das ist doch das Mindeste«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Es ist zum Verzweifeln. Es ist so ungerecht.« Das Mindeste. In den entscheidenden Momenten bedeutete genau das die Welt. Mia schrieb, und wir teilten ihre Gedanken. Manche empörten sich, viele lasen schweigend mit. Mia hatte nicht den Anspruch aufzuklären, und dennoch lernte man aus ihren Texten immer etwas Neues. In einem System der Informationsüberflutung muss es auch Menschen geben, die sich den Raum nicht nehmen lassen und ihn nutzen, um anderen zumindest ein Stück Orientierung zu geben. So klug und wahr wie Mia über die Ungerechtigkeit der Dinge schrieb, so klug und wahr schrieb sie auch über die Ungerechtigkeit ihrer Krankheit.
Heute schäme ich mich, dass ich nicht häufiger geschrieben habe: »Es ist eine blöde Frage, aber wie geht es dir?« Heute weiß ich, dass sie zu den wenigen Außergewöhnlichen gehörte, die die Wahrheit ertragen konnten, auch wenn sie kaum zu fassen war und die Antwort einfach nur lautete: »Beschissen.« Mia. Du fehlst und mit dir deine Worte, und der Ort, den du mit ihnen geschaffen hast. Im Hebräischen und im Jiddischen sagt man nicht, dass jemand recht hat. Man sagt, dass jemand (ge)recht ist.