Das Stück steht auf dem Spielplan des »Kleinen Theaters« in Berlin: »Empfänger unbekannt«. Es basiert auf einem Briefroman, in dem es um zwei Freunde geht - der eine jüdisch, der andere nicht - und darum, wie der Nationalsozialismus diese Freundschaft zerstört. Und wie der Jude gegen seinen zum Nazi gewordenen Freund zurückschlägt, und zwar mit Briefen.
Das Besondere daran ist auch, dass die Geschichte der US-Amerikanerin Kathrine Kressmann Taylor bereits 1938 in New York erschien. Also in dem Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 und noch im selben Jahr der gegen Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich gerichteten NS-Novemberpogrome. Diese jähren sich jetzt zum 88. Mal.
»Beklemmende Aktualität«
»Gerade in der heutigen Zeit scheint die Geschichte um zwei Freunde, die aufgrund eines wahnhaften und gefährlichen ideologischen Konflikts zu Feinden werden, von beklemmender Aktualität«, heißt es auf der Internetseite des Theaters zu dem Stück. Als nächstes steht es für den 12. und 13. Dezember im Programm.
Der Text von Kressmann Taylor wurde 1938 unter dem Titel »Address Unknown« (»Adressat unbekannt«) zuerst im New Yorker »Story Magazine« veröffentlicht, und zwar in der September/Oktober-Ausgabe - kurz vor den Novemberpogromen. Im Jahr darauf begann Europa wegen der Barbarei der Nationalsozialisten, jahrelang für zig Millionen Menschen zu einer Hölle auf Erden zu werden.
Zerstörte Leben und Geschäfte
So fielen der Schoa bis 1945 rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer. Die Novemberpogrome waren eine vom NS-Regime organisierte und gelenkte Zerstörung jüdischer Einrichtungen. Jährlich wird am oder rund um den 9. November der Opfer gedacht.
Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden vom 7. bis 13. November 1938 im deutschen Reichsgebiet zwischen 400 und 1.300 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Die Nazis verschleppten rund 30.000 Juden in Konzentrationslager. Mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe konnten den Zerstörungen nicht standhalten.
»Die Mine explodiert«
2026 erschien der Text von Kressmann Taylor, der 1939 nach seinem Abdruck in dem Magazin auch als Buch herauskam und sehr erfolgreich war, in Deutschland bereits in der 21. Auflage. Mit einem Nachwort der Autorin Elke Heidenreich.
Der Jude in dem Roman räche sich von Amerika aus, wo er - anders als damals Jüdinnen und Juden in Europa - ungefährdet leben könne. »Und nur, indem er Briefe an seinen Feind schickt.« Diese Briefe hätten es in sich wie eine Tretmine, schreibt Heidenreich. »Die Mine explodiert, der letzte Brief kommt nach vierzehn Tagen an den Absender zurück: ›Adressat unbekannt‹. Treffer.«
Der furiose verbale Handstreich von Max Eisenstein richtet sich gegen seinen ehemaligen Geschäftspartner und früheren Freund Martin Schulse. Die Männer leiten in den USA eine Galerie. Schulse geht Anfang der 1930er Jahre zurück nach Deutschland, Eisenstein führt die Geschäfte in den USA weiter.
Angriff mit Worten
Die Briefe sind von November 1932 bis März 1934, in diese Zeit fällt Hitlers Machtübernahme 1933. Zu lesen ist, wie Eisenstein und Schulse auch über den Atlantik hinweg zunächst zugewandt ihre Freundschaft aufrechterhalten. Doch Schulse übernimmt zunehmend die NS-Ideologie, wirft Eisenstein Ungeheuerlichkeiten an den Kopf und versucht, den Kontakt und die Geschäfte mit ihm abzubrechen - am Ende fleht er regelrecht.
Sein Ziel erreicht er nicht. Stattdessen startet Eisenstein seinen Angriff mit Worten, bis am Ende ein Brief mit dem Stempel »Adressat unbekannt« steht. Weitere Details sollen nicht verraten werden.
Es ist ein Roman, der nach Auskunft der Autorin Kressmann Taylor (1903-1996) von tatsächlich geschriebenen Briefen inspiriert sein soll, auf die sie einmal gestoßen sei. »Ohne Umschweife werden exemplarische Lebensgeschichten erzählt, wird Zeitgeschichte dokumentiert«, so Heidenreich in ihrem Nachwort. Aus ihrer Sicht sollte das Buch an möglichst vielen Schulen gelesen werden.