Berlin im Herbst. Oranienburger Straße, halb acht Uhr abends. Mittlerweile ist es schon wieder dunkel, und die Autos malen à la Lesser Ury gelbe und rote Streifen auf die Straße. Auf dem Weg zur U-Bahn, in der Nähe der Neuen Synagoge, stoppt ein kleiner Menschenauflauf meinen schnellen Stadtschritt. Im Kreis stehen sie um einen dunklen Punkt auf dem Gehweg. Ich stelle mich dazu und erkenne einen kleinen Vogel mit einem ziemlich langen Schnabel, der einfach nur dasitzt, und dessen Hilflosigkeit uns alle nicht weitergehen lässt.
Wie eine Elefantenherde stehen wir schützend um das verletzte Tier und wehren Fußgänger ab, die blind vom Handy vor dem Gesicht auf den Vogel treten würden, und auch eine Laufgruppe von rund 20 Leuten, die mit lauter Musik und grellen Lichtern am Körper den Gehweg flutet. Der Vogel sitzt weiter ganz ruhig da. Sein Gefieder ist wunderschön braun gemustert. Er hat etwas Blut am Schnabel.
Wir zücken unsere Mobiltelefone, aber das einzige Foto, das vom Vogel gemacht wird, dient dazu, herauszufinden, was für einer er ist. »Waldschnepfe«, sagt eine sehr blonde Frau schließlich. Wir vermuten, dass er gegen eine Scheibe geflogen oder geschwächt vom Weg in den Süden abgestürzt ist. Manche Waldschnepfen fliegen vor dem Winter bis nach Israel, lese ich und muss an das Hula-Tal denken, das Paradies im Norden, wo jedes Jahr Millionen Vögel durchziehen. Vielleicht wolltest du auch dorthin, kleiner Vogel?
Wir fragen Google nach »Vogelschutz« und »Vogelhilfe«, finden Telefonnummern vom NABU und von der Wildtierrettung, doch niemand geht ran.
Wir fragen Google nach »Vogelschutz« und »Vogelhilfe«, finden Telefonnummern vom NABU und von der Wildtierrettung, doch niemand geht ran. Schließlich ist es ein 24/7-Tierarzt in Charlottenburg, der uns einen Kollegen im Wedding empfiehlt. Eine Spanierin mit einem auffälligen Nasenring ist währenddessen losgelaufen, um einen Karton zu finden, in dem wir den Vogel transportieren können. Eine junge Polin nimmt ihren Schal, um ihn umzusetzen, aber das Tier nimmt offensichtlich seine letzte Kraft zusammen, um wegzufliegen. Es ist zu schwach und kommt nur ein Stück weit. Der einzige Mann in der Gruppe schafft es schließlich, das zerbrechliche Federwesen mit einem Handtuch zu bedecken und vorsichtig in die Kiste zu setzen.
Sie habe am Abend nichts vor und könne zum Tierarzt fahren, sagt eine deutsche Studentin in einer viel zu großen schwarzen Lederjacke. Nur schwer kann sich die Spontan-Familie von dem Vogel trennen. Am Ende der Straße fährt eine U-Bahn direkt in die Nähe des Tierarztes. Unterwegs versucht der Vogel, aus der Kiste zu springen, aber wir haben das Handtuch darübergelegt.
Eine freundliche Arzthelferin nimmt den Patienten geradezu liebevoll in Empfang, beruhigt uns, dass er nicht schwer verletzt wirke, dass die Ärztin ihn sich genau ansehen werde und dass er, wenn es ihm besser geht, in eine Wildvogelstation gebracht wird. Wir unterzeichnen ein Dokument, und dann können wir nichts mehr tun, was ein sehr frustrierendes Gefühl ist.
Das weicht jedoch bald dem Glücksgefühl darüber, dass Menschen in einer Stadt, die nicht gerade berühmt ist für ihre Freundlichkeit, die sich überhaupt nicht kennen und die unterschiedliche Sprachen sprechen, angesichts eines hilflosen kleinen Vogels innerhalb von Sekunden zusammenwachsen mit dem einzigen Ziel, dem Tier zu helfen; die alles stehen und liegen lassen und andere Leute dazu bringen, ebenfalls etwas zu tun. Ich bin auf dem Rückweg ganz ekstatisch. Vielleicht ist die Lage doch nicht so hoffnungslos, wie die Nachrichten der letzten Zeit vermuten lassen?