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Existenzialistische Suchbewegungen

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Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026 16:56 Uhr

»Pracht«, aber auch »Balance« und »Harmonie« kann »Tiferet« bedeuten. Mit dem Begriff aus der Kabbala – der Lebensbaum mit den Sefirot ziert entsprechend die Titelei – überschreibt Benjamin Stein seine Elegien. Die kann man aus guten Gründen als sieben existenzialistische Suchbewegungen bezeichnen. Denn es geht darin um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust.

Dem Tod der Mutter widmet Stein eine Miniatur, es geht um verlorenes Vertrauen und brüchige Zuversicht, Wüsten und Zufluchten. Vieles bleibt verschlüsselt. Man kann der Sprache nachfühlen, ohne inhaltlich Gewissheit zu bekommen, spürt, dass hier etwas Lebenswichtiges zum Ausdruck kommt. Dabei reflektiert der Autor seine deutsch-jüdischen Erfahrungen.

Der in Ostberlin aufgewachsene Stein entdeckte mit 16 Jahren seine jüdische Identität. Für ihn wurde der Glaube, so sagte er in einem früheren Interview mit der Jüdischen Allgemeinen, zum Weg, die Welt anders zu sehen. Mehrfach ist im Büchlein von Engeln zu lesen, die verkünden, was kommen wird. Einer erweist sich als der Verkünder einer unausweichlichen Zukunft; man fühlt sich an Walter Benjamins Engel der Geschichte erinnert.

Stein übersetzte seine lyrischen Versuche vom Deutschen selbst ins Englische. Diese Gegenüberstellung ist spannend, zumal die englischen Varianten poetischer sind. Nur wenn Stein ein wenig übliches Kompositum verwendet, wird es ungeschickt: »and barbecue smoke rising thick« für »und der Rauch steigt vom Barbecue auf«.

Wie viel besser klingt »I levelled a rifle made out of thin air, / aimed straight and shot at them all« als »Ich habe mit einem Gewehr aus Luft / auf sie alle gezielt und geschossen.« Ein längeres Beispiel: »Vorhänge waren den Nachbarn verdächtig, / der Träumer den Kindern im Hof. / Der wollte fliegen, die Arme ausbreiten, / als wollten ihn alle umarmen, / und schlug dabei mit Kükenflügeln / zum allgemeinen Gespött. Spießrutenrufen: Da ist der Freak!« Wird wiedergegeben als: »Neigh­bours eyed curtains suspiciously, / as kids in the yard did the dreamer. / He wants to fly, spreading his arms / like we’re keen to give him a hug, / yet beating wildly with fledgling wings / to everyone’s mockery. / Alley of cat-calls: There is the freak!«

Das ist kein Spoiler. Benjamin Stein hat die Texte auf eine eigene Website gestellt, wo man die Suchbewegungen gratis nachverfolgen kann.

Benjamin Stein: »Tiferet. Elegien«. Verbrecher, Berlin 2026, 80 S., 20 €

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