Sein Münchner Auktionshaus zählte Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur zu den bedeutendsten Adressen des Kunsthandels in Deutschland, sondern lockte Sammler aus ganz Europa an die Isar. Trotz alledem ist der Kunsthändler Hugo Helbing heute nahezu vergessen. Nun hat die Landeshauptstadt für den von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Münchner, seinen Sohn Fritz und dessen Frau Dora in der Liebigstraße 21 ein Erinnerungszeichen angebracht.
Andrea Stadler-Bachmaier als Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel richtete einige kurze Worte an die Versammelten, der Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Shmuel Aharon Brodman, trug vor Helbings ehemaligem Arbeits- und Wohnort das El Male Rachamim vor. In Vertretung des Oberbürgermeisters sprach Stadträtin Nimet Gökmenoğlu bei der Gedenkveranstaltung. Mittlerweile hat die Stadt an über 200 Orten in München solche Erinnerungszeichen angebracht.
Die Stadt hat an über 200 Orten in München Erinnerungszeichen angebracht.
Der 1882 fertiggestellte prächtige Neorenaissance-Bau an der Ecke von Liebig- und Wagmüllerstraße ist heute ein Mietshaus. Als eines der frühen Werke Gabriel von Seidls gehört es selbst zur Münchner Kunstgeschichte.
Nachdem Helbing 1900 seine Galerie von der Residenzstraße ins Lehel verlegt hatte, zierte der Schriftzug »Hugo Helbings Kunst-Salons« die Fassade. Bereits der Großvater David Samson Helbing war kaufmännisch tätig gewesen.
Ursprünglich aus Neuburg an der Donau stammend, verkaufte er Uhren in Passau und Salzburg und kam schließlich kurz nach Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde München, der heutigen IKG, in die Isar-Metropole und vertrieb hier Schmuck, Galanteriewaren und Parfüm. Sein Sohn Sigmund verlagerte das Unternehmen nach und nach vom Modewarenvertrieb zum Antiquitätenhandel.
Helbing führte eine gute Familientradition fort
Als Hugo Helbing im November 1885 mit gerade 22 Jahren seine erste Kunsthandlung eröffnete, führte er also bereits eine gute Familientradition fort. Mit über 800 Auktionen in den kommenden 50 Jahren drückte sein Auktionshaus dem Münchner Kunsthandel in vielen Belangen seinen Stempel auf. Die Stadt hat an über 200 Orten in München Erinnerungszeichen angebracht, 1919 folgte Frankfurt am Main.
Als das NS-Regime 1935 damit begann, jüdische Kunsthändler aus der Reichskulturkammer auszuschließen, verlor auch Hugo Helbing seine Versteigerungslizenz. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde erst Sohn Fritz ins KZ Dachau verschleppt, dann prügelten nationalsozialistische Schergen Hugo Helbing in dessen eigener Wohnung halb tot.
Einige Wochen noch lag Helbing bewusstlos im Israelitischen Kranken- und Schwesternheim in der Ludwigsvorstadt, ehe er am 30. November seinen schweren Verletzungen erlag und am Alten Israelitischen Friedhof beerdigt wurde.
Im März 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Sein Sohn Fritz wurde aus Dachau entlassen. Drei Jahre später heiratete er Dora Goldstein, beide entkamen der nationalsozialistischen Verfolgung allerdings nicht mehr. Im März 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Die Gedenkveranstaltung fand nach Anbringung der Erinnerungszeichen in der Aula des Städtischen St.-Anna-Gymnasiums statt. Schulleiterin Susanne Sütsch begrüßte die Teilnehmer, darunter auch Nachkommen der Familie Helbing. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch wies in ihrer Rede auf die symbolische Bedeutung des verschwundenen Schriftzugs in der Liebigstraße hin: »Heute bleibt dieser Teil der Fassade frei, und wer um die Geschichte nicht weiß, müsste das Anwesen für ein Geschäftshaus wie jedes andere halten. Aber das ist es nicht.«
Das Haus ist ein Ort der Geschichte
Wie Knobloch unterstrich, handelt es sich bei dem Bau vielmehr um eines der wichtigen »steinernen Zeugnisse der Vergangenheit in München und ganz Deutschland. Das Haus ist ein Ort der Geschichte – und es ist überfällig, dass es diese Geschichte auch zeigt.«
Gerade dieses Aufzeigen der Geschichte sei die Leistung der Erinnerungszeichen, betonte die IKG-Präsidentin. Dass Deutschland die eigene Geschichte kenne, so Knobloch, sei die Grundbedingung für das Fortbestehen seiner heutigen Demokratie. Zu den Rednern der Gedenkstunde zählte auch Meike Hopp, Professorin an der Universität Köln und Vorsitzende des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste. Ihre Dissertation über den nationalsozialistischen Kunsthändler Adolf Weinmüller hatte wesentlich dazu beigetragen, Hugo Helbing wieder ins Blickfeld zu rücken.
»Während meiner Recherchen wurde mir zunehmend klar, wie stark der Kunsthandel in der Zeit des Nationalsozialismus von antisemitischer Ausgrenzung geprägt war«, resümierte sie nun. »Jüdische Kunsthändler wurden bereits sehr früh und sehr systematisch verdrängt.«
Das Helbing Art Research Project versucht heute, die Kunstsammlung von Hugo Helbing wieder zu rekonstruieren. Dessen Mitarbeiterin Anja Akikazu Matsuda stellte das Projekt den anwesenden Gästen vor. Beratend steht hier neben Meike Hopp auch Johannes Nathan bei, selbst ein Nachfahre der Familie Helbing.
In seinem Vortrag erklärte Nathan den größeren Kontext des Schicksals der Familie und ihrer Nachkommen, die durch Nachforschungen ausgemacht werden konnten. Nur wenigen Angehörigen war es jedoch möglich gewesen, für die Gedenkveranstaltung die Reise nach München anzutreten.