Berlin

Ein Israeli erklärt Berlin

Wenn Eyal Edelmann den Arm ausstreckt, kann er ohne Mühe mit seiner Hand die Decke berühren. Nicht, dass der gebürtige Israeli ein Riese wäre, doch aufgrund seiner Größe von rund 1,94 Metern passt er nicht in das Schema, das sich der franko-schweizerische Stararchitekt Le Corbusier in den späten 50er-Jahren für das platzsparende Wohnen der Berliner Nachkriegsmoderne ausgedacht hat.

Gerade einmal 2,50 Meter beträgt die Raumhöhe des 17 Etagen hohen Wohnturms in Berlin-Westend aus der Feder des Deutsch-Amerikaners Ludwig Mies van der Rohe. »Dabei hatte der Architekt eigentlich nur 2,26 Meter Höhe für sein Modular-Proportionsschema eingeplant«, erzählt Stadtkenner Edelmann. Die Berliner Bauordnung habe dem ambitionierten Architekten aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gut für die Bewohner und für den Tourguide, der sich beim Betreten dennoch unter dem Türrahmen ducken muss.

»Hier – in der sogenannten vertikalen Stadt – gibt es insgesamt 530 Wohnungen und damit Platz für rund 1200 Menschen«, erklärt Edelmann und zeigt auf die Tafel mit den Namensschildern all jener, die in dem Baudenkmal der Moderne wohnen. 33 Quadratmeter große Einzimmerwohnungen gehören ebenso dazu wie Wohnungen mit zwei Zimmern, die sich über zwei Etagen erstrecken, sowie 106 Quadratmeter große Apartments, deren Luxus vor allem aus dem Blick über Berlin besteht.

Bis zu acht Besucher betreut Edelmann auf seinen Führungen mit dem Auto durch Berlin, wobei sich sein Angebot von anderen grundlegend unterscheidet. »Meist fahren wir mit dem Van herum, das hat den Vorteil, dass wir zwischendurch spontan aussteigen können, wenn es etwas Spannendes zu sehen gibt«, sagt der 45-Jährige.

Berlin aus der Vogelperspektive: Da stört es kaum, dass es wie aus Kübeln gießt.

»Meine Touren werden gern von Familien gebucht«, erzählt der Vater zweier Töchter. Für größere Besuchergruppen werde ein Bus gemietet. Dabei hat er für jede ein anderes Repertoire: Führungen über den Teufelsberg, zum Reichstag, Fahrten nach Potsdam, unterwegs noch einen Abstecher auf die sagenumwobene Insel Schwanenwerder am Ausgang des Großen Wannsees.

»Ich bereite mich auf jede Tour anders vor.« Keine gleiche der anderen. Mal werde Edelmann für nur zwei Stunden gebucht, ein anderes Mal für einen ganzen Tag. Mit seinem Angebot befindet sich der ausgebildete Opernsänger, der über viele Jahre als Bass auf den Bühnen großer Konzerthäuser weltweit und in etlichen Synagogen gesungen hat, in einer Nische. Die Rechnung scheint aufzugehen.

Er könne davon leben, sagt Eyal Edelmann. Zumal er aus seiner Leidenschaft für Geschichte einen Beruf gemacht hat. Auch wenn das Geschäft angesichts der aktuellen Krise leidet. Seit dem 7. Oktober 2023 kommen deutlich weniger Israelis nach Berlin. Inzwischen bietet Edelmann daher auch Führungen für amerikanische und deutsche Touristen an.

Seit dem 7. Oktober 2023 kommen deutlich weniger Israelis nach Berlin

Bevor es weitergeht, fährt der Aufzug in die oberste Etage. Berlin aus der Vogelperspektive. Edelmann zeigt auf den Fernsehturm am Alexanderplatz, den Olympiaplatz und das Rote Rathaus. Da stört es kaum, dass es wie aus Kübeln gießt. Der geplante Spaziergang über den Teufelsberg muss heute leider ausfallen. Wie wäre es also mit einem Zwischenstopp am Bahnhof Grunewald? Gesagt, getan.

Edelmann lenkt den Van durch das vornehme Villenviertel, wo zwischen 1941 und 1945 von »Gleis 17« aus über 50.000 Berliner Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Der Israeli verweist auf das Mahnmal neben der Bahnanlage: eine Skulptur des Bildhauers Karol Broniatowski, der Umrisse von Menschen in eine Mauer – in Form eines Güterwaggons – meißelte. Es sind zu Stein gewordene Schatten. Ein kurzer Moment der Stille stellt sich ein, der Regen prasselt weiter auf die Besucher – ein Moment des Innehaltens angesichts der dunklen Geschichte Berlins.

Nun ist es Zeit für einen Snack am Kiosk. Obstsalat und Mineralwasser sind im Angebot. Er trinke weder Kaffee noch Alkohol oder Tee, erzählt Edelmann. Dann spricht er kurz mit dem türkischstämmigen Inhaber. Man kenne einander schon lange, sagt er. Und weiter geht es auf die Insel Schwanenwerder, ursprünglich Sandwerder genannt. Hier zählten einst wohlhabende jüdische Familien zu den Eigentümern jener Villen, die in der Gegenwart zunehmend protzigen Neubauten weichen müssen.

Berthold Israel, Walter Sobernheim sowie die Familien Salomonsohn, Goldschmidt und Wassermann, die damals gezwungen wurden, ihren Besitz weit unter Wert an Nazigrößen wie Propagandaminister Joseph Goebbels, an Alfred Speer, den Hauptarchitekten des NS-Regimes, oder an Hitlers Leibarzt Theodor Morell zu verkaufen. Die Geschichte scheint greifbar an diesem Tag, und am Ende gibt es noch einen Stopp an den Stelen, wo man alles in Ruhe nachlesen kann.

»Gleis 17« – zu Stein gewordene Schatten. Ein Moment der Stille und des Innehaltens.

Was interessiert die israelischen Besucher am meisten? Das sei ganz unterschiedlich, antwortet Eyal Edelmann, der aus einer Familie stammt, die seit Generationen in Israel lebt und nach vielen Jahren als Opernsänger – ständig aus dem Koffer lebend – in Berlin mit seiner Familie sein Zuhause gefunden hat. »Manche kommen auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren, viele wollen die typischen Touristenattraktionen sehen, andere wiederum lassen sich überraschen, was ich ihnen vorschlage.«

Unterdessen fährt das Auto zurück über die kleine Brücke, die das Festland mit der Insel verbindet. Edelmann zeigt auf das Haus des ehemaligen Polizeichefs. Dieser habe in seiner Kindheit mit den Goebbels-Kindern gespielt, bevor sie von ihrer Mutter, Magda Goebbels, geschiedene Quandt, in Hitlers Bunker mit Zyankalikapseln vergiftet wurden. Edelmann versucht, das so nüchtern wie möglich zu erzählen. Sensationen und Übertreibungen sind nicht seine Sache.

Nach rund vier Stunden, unterbrochen von einigen Stationen im Freien – hier und dort mit der Möglichkeit, Fotos zu machen –, verabschiedet sich Edelmann. Er muss seine Tochter von der Schule abholen. Besucht sie eine jüdische Schule, wird er gefragt. Edelmann schüttelt den Kopf. Seine Kinder gehen auf eine Montessori-Schule.

Inzwischen sei er mit allen möglichen Dokumenten bestens vertraut

Am Nachmittag wird sich der geschichtsbegeisterte Reiseführer seinem Zweitberuf widmen: Während der Covid-Pandemie unterstützte er israelische Freunde bei der Bewältigung bürokratischer Probleme. Auch daraus wurde eine Profession. »Ich helfe Menschen, mit ihrer Flut von Formularen klarzukommen, egal ob bei der Wohnungssuche, beim Arbeitsamt oder bei der Krankenkasse«, sagt Edelmann.

Inzwischen sei er mit allen möglichen Dokumenten und Abläufen bei Arbeits- wie Bürgerämtern bestens vertraut. Obwohl allgemein verhasst, sei die deutsche Bürokratie gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. »Die Sachbearbeiter kennen mich jedenfalls schon alle«, sagt Edelmann und lacht.

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