Anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus am 8./9. Mai 1945 kamen am vergangenen Sonntag zahlreiche Gemeindemitglieder auf dem jüdischen Friedhof zusammen, um vor dem Gedenkstein von Alexander Shimanovskiy der im Kampf gegen den Nationalsozialismus gefallenen jüdischen Soldaten der alliierten Armeen zu gedenken. Bereits zwei Tage zuvor, am Jahrestag selbst, hatte die Gemeinde zu einer Feier in den Hubert-Burda-Saal eingeladen, der mit mehr als 300 Gästen bis auf den letzten Platz besetzt war.
Auch wenn es kein runder Gedenktag sei, betonte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), Charlotte Knobloch, am Sonntag zu Beginn ihrer Rede, habe dieses Datum für die jüdische Gemeinschaft und auch sie persönlich eine besondere Bedeutung: »Jener Tag des Sieges und der Befreiung hat uns die Freiheit und die Chance auf ein Leben geschenkt.«
Dennoch war in diesem Jahr für die Münchner Gemeinde etwas anders: Erstmals nahmen keine überlebenden Frontkämpfer mehr an den Veranstaltungen in der IKG und auf dem Friedhof teil. Mit Itta Safronova, Sofia Matles und Alexander Merlin waren im zurückliegenden Jahr die letzten drei der einstmals rund 80 Gemeindemitglieder, die als jüdische Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen Nazideutschland gekämpft hatten, hochbetagt gestorben.
Die überlebenden Frontkämpfer seien Vorbilder an Mut
Sie gehörten zu den anderthalb Millionen jüdischen Männern und Frauen, die in den Armeen der Alliierten die Befreiung vom NS-Terror errungen hatten. Allein in der Roten Armee waren es 550.000, von denen 200.000 fielen oder in Gefangenschaft ermordet wurden. Nun habe der Lauf der Zeit, so Knobloch, dieses immer noch zu wenig bekannte Kapitel der jüdischen Geschichte »in unsere Hände gelegt, damit wir es weitertragen«.
Weiter sagte sie: »Denn auch die Erinnerung daran, welchen Anteil jüdische Soldaten an der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus hatten, gehört zum Fundament unserer Demokratie.« Sie dankte dem langjährigen früheren Vorstandsmitglied Ariel Kligman für sein Engagement für dieses Gedenken und erinnerte an den 2021 verstorbenen David Dushman, der mit seiner Panzereinheit am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit befreit hatte.
Die überlebenden Frontkämpfer seien Vorbilder an Mut, Tatkraft und Mitmenschlichkeit gewesen. Angesichts der Bedrohung der Demokratie durch die Erfolge rechtsextremer und judenfeindlicher Kräfte formulierte die IKG-Präsidentin einen klaren Appell: »Seid mutig und kämpft: für das Gute, für die Menschenwürde, für die Freiheit und für die Demokratie!«
Anschließend rezitierte Nella Hohlovkina, die als Vierjährige das Ghetto überlebt hat und seit vielen Jahren dem Verein »Phönix aus der Asche« vorsteht, Verse des Dichters Andrej Dementiew über den Viehwaggon im Denkmal für die Deportierten in der Gedenkstätte Yad Vashem: »Wagt es nicht, / auch nur einen Moment zu vergessen. / … / Alles kann sich wiederholen, wenn / jener Wagen vergessen wird.«
Mit der Kranzniederlegung und dem El Male Rachamim, vorgetragen von Rabbiner Shmuel Aharon Brodman, endete eine Gedenkstunde, die mit Blick auf eine beklemmende Gegenwart das Erinnern eindringlich anmahnte.