Fragen gibt es noch viele: Wie sollen sie aussehen, die beiden Bildungszentren der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, die in Leipzig und München eröffnet werden? Welche Veränderungen kommen auf die Gemeinden zu? Welche auf die Gebäude, in denen die Bildungszentren untergebracht werden sollen? Wo soll der inhaltliche Schwerpunkt liegen? Wie lange wird es dauern, bis man von einer richtigen Eröffnung wird sprechen können?
Die Antworten auf diese Fragen sind noch etwas rar, denn der Entschluss, dass Yad Vashem zum ersten Mal in seiner Geschichte zwei Dependancen außerhalb Israels plant, ist gerade einmal eine Woche alt.
Die Idee, ein Zentrum für Holocaust-Bildung in Deutschland zu eröffnen, ist schon älter
Die Idee, ein Zentrum für Holocaust-Bildung in Deutschland zu eröffnen, wiederum ist schon älter: Erstmals wurde sie 2023 bei einem Treffen des Direktors von Yad Vashem, Dani Dayan, und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) konkretisiert. Abraham Lehrer, Vorsitzender der Synagogen-Gemeinde Köln und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wird als eigentlicher Initiator und Ideengeber des gesamten Projekts erwähnt. Auch der jetzige Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesbildungsministerin Karin Prien (beide CDU) unterstützten das Vorhaben.
Bis Yad Vashem ankündigte, eine Außenstelle in Deutschland zu errichten, sollten jedoch noch zwei Jahre vergehen. Im September 2025 wurden – basierend auf einer Machbarkeitsstudie – Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen als potenzielle Standorte ausgewählt.
Die Freude in Bayern und in Sachsen ist groß. In Nordrhein-Westfalen fällt die Reaktion verhaltener aus: Das Bundesland, in dem die Idee zu den Dependancen ursprünglich entstanden sein soll, wurde bei der Auswahl nicht berücksichtigt.
»Die Ernennung ist ein herausragendes Zeichen von tiefem Vertrauen.«
Küf Kaufmann, IRG Leipzig
Der Standort München (vgl. Seite 15) könnte symbolträchtiger nicht sein. Das neue Zentrum solle in einem Gebäude am Karolinenplatz 4 unterkommen. An dieser Adresse stand einst das Parteigericht der NSDAP, in unmittelbarer Nähe in der Brienner Straße lag die Parteizentrale der Nationalsozialisten. Heute ist dort die Geschäftsstelle der Akademie der Technikwissenschaften untergebracht.
Angebot vor allem für Pädagogen und junge Menschen in der Region
Für die Außenstelle in Leipzig soll offenbar das Ariowitsch-Haus vorgesehen sein, das die Israelitische Religionsgemeinde für Kultur- und Gemeindeveranstaltungen nutzt. Geplant sind dort interaktive Lernräume. Das Angebot könnte sich vor allem an Pädagogen und junge Menschen in der Region wenden. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erhofft sich zudem, dass die Einrichtung eine Brücke in die Nachbarländer Polen und Tschechien schlagen kann. Sicher ist, dass beide Standorte, München und Leipzig, eng zusammenarbeiten sollen.
Für Küf Kaufmann, den Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, ist die Wahl des Ariowitsch-Hauses als Partner des geplanten Yad-Vashem-Bildungszentrums in München »ein herausragendes Zeichen von tiefem Vertrauen«. Seine Gemeinde sehe darin eine Anerkennung ihrer »langjährigen Arbeit zur Bewahrung der Erinnerung, der historischen Verantwortung und der jüdischen Kultur«. Heute, betont Kaufmann, sei es wichtiger denn je, »die Erinnerungskultur durch Bildung, Dialog und lebendiges historisches Zeugnis zu vertiefen und zu erweitern«. Gerade in dieser unruhigen Zeit erhalte diese Partnerschaft eine besondere Bedeutung.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bewertet die Entscheidung aus Jerusalem als »Anerkennung und Auftrag«. »Mit der Geschichte jüdischen Lebens in Ostdeutschland, unserer lebendigen Erinnerungskultur und dem starken Netzwerk der zivilgesellschaftlichen Akteure haben wir in der Bewerbung wichtige Akzente gesetzt und freuen uns jetzt darauf, gemeinsam mit Yad Vashem den Aufbau und die inhaltliche Ausrichtung des Educational Center zu gestalten.«Die Bundesregierung unterstützt das Vorhaben: Bildungsministerin Karin Prien hob die Bedeutung des Projekts für Erinnerungskultur und Bildungsarbeit hervor.
»Dezidiert jüdische und israelische Sicht auf die Schoa«
Auch der Zentralrat der Juden begrüßt die Entscheidung von Yad Vashem, eine Dependance in Deutschland aufzubauen: »Die internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist einzigartig – sie liefert eine dezidiert jüdische und israelische Sicht auf die Schoa«, heißt es in einer offiziellen Erklärung.
Die Tatsache, dass sich um diesen Standort viele Bundesländer in ganz Deutschland beworben haben, zeige, »welcher Stellenwert der Erinnerungskultur in Deutschland durch die Landesregierungen beigemessen wird«. Zudem hofft der Zentralrat, dass die neuen Bildungszentren auch über Deutschland hinaus positiv auf die europäischen Nachbarländer wirken werden.
Da die Gedenkkultur aktuell massiv angegriffen werde, verbindet Zentralratspräsident Josef Schuster mit dieser Entscheidung »eine Symbolkraft und die große Hoffnung, dass sich Yad Vashem hier fest etabliert und die wichtige Arbeit der Gedenkstätten gestärkt wird«. Angesichts von zunehmendem Antisemitismus, offenem Geschichtsrevisionismus und schwindendem historischen Wissen gehe es heute nicht mehr nur um die historische Bedeutung, sondern um »die Verteidigung unserer demokratischen Werte«.
Abraham Lehrer gilt als Initiator und Ideengeber des gesamten Projekts Yad Vashem in Deutschland.
Bedenken kommen von Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Er wünsche sich »eine kritische Diskussion« über die geplanten Niederlassungen. »Die in Jerusalem ansässige Forschungs- und Gedenkstätte ist nicht unabhängig, sondern der israelischen Regierung unterstellt«, sagte Mendel, was faktisch jedoch gar nicht zutrifft. Yad Vashem ist komplett unabhängig.
Angebliche Intransparenz bei der Entscheidung über die Deutschland-Standorte
Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, kritisiert eine angebliche Intransparenz bei der Entscheidung über die Deutschland-Standorte. Das Ziel dieses geschichtspolitischen Vorgehens der israelischen Regierung sei unklar, deutsche Gedenkstätten seien bislang kaum eingebunden worden. Er wünsche sich »sehr, sehr schnell« Gespräche mit dem NS-Dokumentationszentrum in München und der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Bis tatsächlich das Bildungszentrum in München und die Außenstelle in Leipzig eröffnet werden, wird noch etwas Zeit ins Land ziehen. Derzeit werden ungefähr zwei Jahre genannt (siehe Seite 1). Auch die genaue Ausgestaltung der Verträge solle erst in den kommenden Monaten erfolgen, heißt es aus der Bayerischen Staatskanzlei.
In Sachsen werde man mit Yad Vashem die nächsten Schritte besprechen. Neben finanziellen und personellen Fragen geht es auch um bauliche Maßnahmen sowie die inhaltliche Abstimmung mit dem Hauptstandort in München, so die Staatskanzlei.
Und in Köln? Abraham Lehrer betont: »Die Synagogengemeinde Köln und ihre Mitglieder sind verständlicherweise traurig und ein wenig enttäuscht über die Entscheidung von Yad Vashem. Gerne hätten sie beim Aufbau des Education Centers geholfen und seine späteren Angebote genutzt.« Voller Respekt werde man aber, soweit dies aus der Distanz möglich sei, die Häuser in München und Leipzig unterstützen. Ganz im Sinne der Erinnerungsarbeit.