Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

»Meine Bilder sind oft verträumt, es ist eine Form von naivem Surrealismus«: Richard Ernst (67) aus Freiburg Foto: Rita Eggstein

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026 22:38 Uhr

Sieben Jahre habe ich gebraucht, um herauszufinden, dass ich Jude werden will. Einen Hang zum Spirituellen hatte ich immer. Und viele Fragen. Mit Jesus konnte ich noch nie etwas anfangen. Am Judentum gefällt mir, dass es wie ein Monolith ist. Eine feste Einheit, ein Felsen. Es gibt klare Regeln, aber es sind nicht zu viele Regeln. Wichtig finde ich die Begegnung und den Austausch mit Menschen mit anderen Religionen und Hintergründen.

Deshalb bin ich fünf oder sechs Mal im Jahr mit dem Programm »Meet a Jew« an Schulen im Raum Südbaden unterwegs. Mittlerweile bin ich im Ruhestand. Meine Hauptaufgabe ist jetzt die Pflege meiner Mutter. Das ist wie ein Halbtagsjob. Sie braucht viel Betreuung. Das Malen ist für mich eine Möglichkeit, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen.

Wenn ich als Kind in meiner Heimat am Kaiserstuhl unterwegs war, habe ich oft ein Schild gesehen, das auf den jüdischen Friedhof in Ihringen hinwies. Er ist mehr als 200 Jahre alt und ein Kulturdenkmal. Ich wurde 1959 in Freiburg geboren und bin in der Nähe aufgewachsen, in Vogtsburg am Kaiserstuhl, wo ich auch jetzt wieder lebe. Ich fand das Schild immer geheimnisvoll. Erst als ich mit 13 oder 14 Jahren in der Schule mehr über das Judentum und seine Geschichte erfahren habe, konnte ich das alles besser einordnen.

Über Jahrzehnte war das alles wie eingefroren in meinem Inneren

Ich bin mit christlichen Eltern aufgewachsen. Mein Vater war evangelisch, meine Mutter ist katholisch. Meinem Vater war es wichtig, evangelisch zu bleiben, er wäre niemals konvertiert. Für meine Mutter hatte das Katholisch-Sein nicht so eine große Bedeutung. Mich hat immer die christliche Mehrgottheit irritiert: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Im Katholischen kommen dann noch Maria und die vielen Heiligen dazu. Ich wollte zum Ursprung, zu Gott. Doch es hat lange gedauert, bis ich mich gründlich mit alldem beschäftigt habe.

Über Jahrzehnte war das alles wie eingefroren in meinem Inneren. Es war immer klar, dass mich die jüdische Religion interessierte, die jüdische Literatur und auch Israel mit seiner Geschichte. In den 90er-Jahren habe ich den Friedensprozess in Israel mit der Annäherung an die Palästinenser verfolgt – bis er endete, weil Ministerpräsident Yitzhak Rabin erschossen wurde. In dieser Zeit, mit Anfang 30, nahm ich Kontakt auf mit jüdischen Gemeinden und dem Rabbiner Benjamin Soussan.

Er riet mir, alles genau kennenzulernen, und vermittelte mir Kontakte. Ich habe mich viel mit anderen ausgetauscht. Und ich habe viel gelesen und gelernt. Ich wollte damals herausfinden: Wie weit kann ich gehen in meiner Annäherung an die jüdische Religion? Es zeigte sich: Wenn es sehr orthodox wurde, wurde ich etwas rebellisch. Ich hinterfragte sehr viel. Sieben Jahre waren nötig, um zu wissen: Was will ich? Und was will ich nicht?

Sieben Jahre waren nötig, um zu wissen: Was will ich? Und was will ich nicht?

1998 konvertierte ich. In München wurde ich geprüft, bei einem Beit Din, einem Rabbinatsgericht. Als ich in der Mikwe beim rituellen Tauchbad untertauchte, fühlte ich mich, als würde ich von einem Landstrich in den anderen segeln. Danach konnte ich bei den Gottesdiensten all das tun, bei dem ich bis dahin nur zugeschaut hatte.

Mein Vater war Malermeister und hatte eine eigene Firma. Ich wollte da nicht einsteigen. Mich zog es zur Natur und zum kreativen Arbeiten. Als Kind war ich viel draußen und habe Steine und Heilpflanzen gesammelt und gemalt. Auch mein Bruder hat den Betrieb nicht übernommen. Meine Leidenschaft war immer das Gestalten. Beim Kochen, beim Kreativsein. Ich wäre gern Florist geworden, doch beim Arbeitsamt sagte man mir, das sei kein Beruf für einen Mann. Deshalb habe ich mich mit 15 Jahren für eine Ausbildung zum Gärtner entschieden. Die Lehre war teils hart, teils nett. Der Kontakt mit den Kundinnen und Kunden hat mir gefallen. Und bei den Gestecken konnte ich kreativ sein.

Nach der Lehre war ich bei der Bundeswehr. Ich hatte mich für vier Jahre verpflichtet

Nach der Lehre war ich bei der Bundeswehr. Ich hatte mich für vier Jahre verpflichtet. Das war etwas völlig anderes. Eine neue Welt. Später als Gärtner hatte ich verschiedene Stellen. Ich habe in Freiburg, im Ruhrgebiet und in Darmstadt gearbeitet, und ab 1988 für 35 Jahre in Badenweiler. Dort war ich bei der Bäderbetriebsgesellschaft angestellt und für die öffentlichen Parks zuständig. Das war nie langweilig. Badenweiler ist ein kleiner Ort, doch als Kurort ist er sehr bekannt und beliebt.

Das Publikum dort ist international, auch viele Bundes-Politikerinnen und -Politiker machen dort Station. Mir gefiel Badenweiler. Aber nicht für ewig. Meine Wohnung dort war für mich ein Provisorium. Die Hauptsache war, dass sie ruhig und nicht teuer ist. Mit dem Malen habe ich im Ruhrgebiet angefangen. In Darmstadt wurde es konkreter. In Badenweiler konzentrierte ich mich neben Bildern auch auf Seidentücher.

Meine Bilder sind oft verträumt, es ist eine Form von naivem Surrealismus. Manchmal deute ich Florales an, Pflanzen. Aber mich interessieren auch Objekte und Installationen, zum Beispiel Elektroteile, die blinken, oder Magnete – es geht mir darum, dass Aktionen entstehen. Ich mag es, wenn ich Sachen vom Sperrmüll umfunktionieren kann, und ich mag es generell, wenn etwas anderes zum Vorschein kommt als das, was erwartet wird. Ich bin Mitglied in einer Gruppe von Künstlern. Die meisten von ihnen haben andere Hauptberufe, einige sind Lehrer. Als ich nach 35 Jahren aus Badenweiler zurück in meinen Heimatort gezogen bin, war ich bereits Rentner. Zunächst habe ich meinen Vater gepflegt, dann beide Eltern.

Ich wusste: Irgendwie muss es weitergehen

Mein Vater ist im vergangenen Jahr gestorben. Meine Mutter ist Mitte 80 und schwer herzkrank. Mit Mitte 60 wurde ich selbst krank, ich hatte Nierenkrebs. In dieser Situation, in der ich beide Eltern gepflegt habe und dann auch noch selbst krank wurde, war alles sehr schwierig. Ich wusste: Irgendwie muss es weitergehen. Damals habe ich viel Zuspruch aus meinen Gemeinden bekommen.

Ich gehöre in Freiburg zur Egalitären Jüdischen Chawurah Gescher, einer liberalen Gemeinde, die ich nach einigen Jahren des Herumvagabundierens mitbegründet habe. Es ist eine kleine Gemeinde, die Atmosphäre ist familiär. Davor bin ich einige Jahre regelmäßig zu den jüdischen Gemeinden in Zürich und Basel gefahren, doch die Fahrtwege wurden mir zu lang.

Seit ungefähr 15 Jahren bin ich auch Mitglied der jüdischen Gemeinde in Emmendingen. Der Rabbiner dort ist zwar orthodox, doch er ist sehr offen, es gibt einige liberale Mitglieder. Ich mag es, dass ich bei beiden Gemeinden dabei sein und regelmäßig hin und her wechseln kann.

Gute Begegnungen habe ich, wenn ich mit »Meet a Jew« unterwegs bin

Für mich war es immer wichtig, in Verbindung zu bleiben und Brücken zu bauen, statt den Faden zu verlieren. Das gilt auch, was meine christliche Vergangenheit und meine Eltern angeht. Mein Vater hatte früher Angst, dass ich als Jude ultraorthodox werden würde. Er kannte Jüdinnen und Juden nur aus den Medien. Meine Mutter war offener. Mit ihr konnte ich viele Gespräche über diese Themen führen.

Gute Begegnungen habe ich, wenn ich mit »Meet a Jew« unterwegs bin, meist an Gymnasien oder Berufsschulen. Oft sind die Jugendlichen dort gut vorbereitet, neugierig und interessiert. Aber auch Vorurteile zeigen sich. Unvergesslich bleibt für mich, als einmal jemand fragte, ob Juden auch Steuern zahlen müssen.

Der Austausch ist spannend und oft lehrreich, für beide Seiten. Wenn ich irgendwo unterwegs bin, sage ich dagegen nicht, dass ich Jude bin. Ich will keine dummen Bemerkungen riskieren. Der Antisemitismus ist nun viel stärker spürbar als früher. In den 90er-Jahren war alles unterschwellig. Es war weniger Polizei zum Schutz jüdischen Lebens nötig. Alles war unbefangener.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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