Eddy war zurück in Recklinghausen. So könnte man es zumindest deuten, dass in der Ruhrgebietsstadt vor einiger Zeit ein Fußballturnier um den Emanuel-Schaffer-Pokal ausgetragen wurde, veranstaltet von Recklinghäuser Schulen und der Jüdischen Gemeinde.
Erinnert werden soll damit an den bedeutendsten Trainer, den der israelische Fußball je hervorgebracht hat: Emanuel »Eddy« Schaffer. Von 1964 bis 1967, als Israel noch fußballerisch zu Asien gehörte, gewann die von Schaffer trainierte U19-Nationalmannschaft viermal hintereinander die asiatische Jugendmeisterschaft. 1968 führte er als Trainer der A-Nationalmannschaft sein Team zu den Olympischen Spielen, wo es das Viertelfinale erreichte – und das Halbfinale nur durch einen Münzwurf verpasste.
1970 gelang Schaffer der bislang größte Erfolg des israelischen Verbandsfußballs: die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Mexiko – mit einem 1:1 gegen Schweden und einem 0:0 gegen Italien.
»Mein Vater hat den Fußball immer als eine Brücke zwischen Menschen und Kulturen gesehen«
Derlei Weltklassefußball war in Recklinghausen nicht zu sehen. Aber Moshe Schaffer, der Sohn von Eddy, war aus Israel angereist. »Mein Vater hat den Fußball immer als eine Brücke zwischen Menschen und Kulturen gesehen«, schrieb er im Anschluss. »Und diese Veranstaltung hat genau diesen Geist widergespiegelt.«
Moshe Schaffer nahm auch die Siegerehrung vor – gemeinsam unter anderem mit Ari Rappoport vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe und mit Mark Gutkin von der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen. Das nach Moshe Schaffers Vater benannte Turnier, das erstmals ausgespielt wurde, hat sich »Respekt, Toleranz und Völkerverständigung« als Werte mitgegeben, und das hat wohl geklappt.
1970 nahm er mit Israel an der WM in Mexiko teil, mit 1:1 gegen Schweden und 0:0 gegen Italien.
»Sportlich liefert die Premiere ebenfalls einige Höhepunkte«, notierte die »Recklinghäuser Zeitung«, »und gleichzeitig verlief das gesamte Turnier mit nur einer Zeitstrafe, die ausgesprochen werden musste, außerordentlich fair.« Gewonnen hat die Otto-Burrmeister-Realschule, Zweiter wurde das Gymnasium Petrinum, und im Spiel um Platz drei unterlag das Team der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund dem Freiherr-vom-Stein-Gymnasium nur knapp.
Dass der 2012 in Ramat Hasharon verstorbene Eddy Schaffer Spaß an diesem Turnier gehabt hätte, kann man vermuten. Mehrmals war er in seinen letzten Lebensjahren ins Ruhrgebiet gereist. 2002 etwa schenkte er der Gemeinde eine neue Torarolle und trug sie selbst in die Synagoge.
Der Junge, den alle Eddy nannten, war 1927 als Vierjähriger mit seiner Familie nach Recklinghausen gekommen
Die Hinwendung Schaffers zum Ruhrgebiet ist keineswegs selbstverständlich. Der Junge, den alle Eddy nannten, war 1927 als Vierjähriger mit seiner Familie nach Recklinghausen gekommen. Geboren wurde er in Drohobycz, einer Stadt in Galizien. 1923 gehörte der Ort zu Polen, mittlerweile zur Ukraine. Sein Vater Moses arbeitete dort für eine Erdölfirma. Die Historiker Moshe Zimmermann und Lorenz Peiffer vermuten in ihrer Schaffer-Biografie, dass die Krise der Ölindustrie und auch die Zunahme an Antisemitismus die Familie an Auswanderung denken ließen.
1927 kamen die Schaffers in Recklinghausen an, genauer: in Hüls, das heute zu Marl gehört. Sie fanden dort eine mit 700 Mitgliedern vergleichsweise große jüdische Gemeinde vor, und Eddy entdeckte den Fußball. »Wir waren nicht die Frömmsten und haben lieber Fußball gespielt, als zum Religionsunterricht zu gehen, der von Rabbiner Auerbach erteilt wurde«, erinnerte sich ein Freund.
1933 kamen die Nazis an die Macht. Moses Schaffer hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet und war wenige Tage vor der Machtergreifung ins französische Metz gereist, um sich behördlich anzumelden und sich nach Wohnung und Arbeit umzusehen. Am 4. April 1933 zogen die Schaffers aus Recklinghausen weg. Weil die Kinder mit Französisch nicht zurechtkamen und Deutsch in der Schule tabu war, ging es bald weiter nach Saarbrücken – das Saarland wurde damals vom Völkerbund verwaltet. Als abzusehen war, dass es 1935 »heim ins Reich« gehen würde, eine Mehrheit also für die Rückgliederung des Saargebiets an das Deutsche Reich votieren würde, zog die Familie wieder weg, zurück nach Galizien.
Erneut ein Land, dessen Sprache Eddy nicht sprach
Das war erneut ein Land, dessen Sprache Eddy nicht sprach. »Ich brauchte eineinhalb Jahre, meine Schwester sogar noch etwas länger, bis wir so gut Polnisch konnten, dass uns die Schule aufnahm«, berichtete er später. Als die deutschen Truppen auch ins kurzfristig sowjetisch besetzte Ostpolen einrückten, konnte nur er sich retten, seine Familie nicht. Sie wurde verhaftet. Ganz sicher ist ihr Schicksal nicht, doch vermutlich wurden Eddys Eltern und seine drei Schwestern 1943 deportiert und ermordet.
Eddy war zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alt. »Die Russen sind weggelaufen, also bin ich einfach mitgelaufen«, berichtete er, wie er in der Panik alles richtig machte. Seine Flucht führte ihn bis nach Kasachstan, wo er schließlich in einem sowjetischen Flüchtlings- und Arbeitslager landete. An welchen Orten Schaffer jeweils genau war, ist kaum rekonstruierbar. Seine mündlichen Berichte, so Peiffer und Zimmermann in ihrer Biografie, »stimmen in manchen Details nicht überein, und etwaige Differenzen aufzuklären, scheint inzwischen unmöglich«.
In jedem Fall war es der Fußball, der ihm half. Mit Erfolg spielte er in der Lagermannschaft. In einem Interview berichtete er einmal, er habe auch für Spartak Alma Ata und für Dynamo Alma Ata in der sowjetischen Oberliga gespielt. Guter Fußball hieß für ihn auch, dass er mitunter mit extra Essensrationen versorgt wurde.
Nach dem Krieg ging er zurück nach Polen
Nach dem Krieg ging Eddy zurück nach Polen, nach Drohobycz. Eine Tante hatte im Versteck die Schoa überlebt, bei ihr zog er ein. Und er spielte Fußball: beim Zydowski Klub Sportowy Wolność in Bielawa, übersetzt: jüdischer Sportverein »Freiheit«. Doch Polens kommunistische Regierung verbot bald die frisch wiedergegründeten jüdischen Sportvereine. Unter anderem dies bewog ihn zur Alija. 1950 kam Eddy in Israel an, mittellos und ohne Sprachkenntnisse. Aber er spielte gut Fußball – bald in der ersten israelischen Liga bei Hapoel Haifa, später bei Hapoel Kfar Saba. Profis gab es damals noch nicht, aber die Klubs vermittelten ihm Jobs – und in ihm reifte die Idee, Trainer zu werden.
Sein Dozent an der Sporthochschule war Hennes Weisweiler, damals schon eine Größe.
Das war ein Ausbildungsgang, der im Israel der frühen 50er-Jahre nicht angeboten wurde. Schaffer kam auf die Idee, in Deutschland anzufragen, dessen Sprache hatte er in Recklinghausen ja gelernt. 1957 schrieb er der Deutschen Sporthochschule in Köln. Deren Rektor Carl Diem antwortete. Diem war der Organisator der Olympischen Spiele 1936 gewesen, aber das focht Schaffer nicht an. Er studierte, verdiente sich das Geld als Trainer bei deutschen Klubs, unter anderem beim renommierten SV Rhenania Würselen.
Sein Dozent an der Sporthochschule war Hennes Weisweiler. Der war schon damals eine bekannte Größe unter den Fußballlehrern. Unmittelbar nach dem WM-Erfolg Deutschlands 1954 war er Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger geworden. Ab 1955 trainierte er den Spitzenklub 1. FC Köln. Schaffer freundete sich mit Weisweiler an, später waren auch die Familien in engem Kontakt, und für die israelisch-deutschen Sportbeziehungen war Schaffer bald die zentrale Persönlichkeit.
Erfolgstrainer in Israel
Als ausgebildeter Fußballlehrer ging er zurück nach Israel und wurde zum Erfolgstrainer: Erst führte er die U19 von Titel zu Titel, dann die Nationalelf zu Olympia und 1970 sogar zur Weltmeisterschaft. Nach dem Erfolg kam die Krise, 1971 wurde Schaffer vom israelischen Fußballverband entlassen. Erfolge stellten sich keine mehr ein: 1978 übernahm er erneut das Amt des Nationaltrainers, 1979 wurde er bei Beitar Jerusalem Chefcoach. Jedoch war nichts von Dauer.
Als ihn ein Journalist einmal fragte, warum er beim Training so viel fluche, sagte Schaffer: »Ich weiß, ich bin verrückt.« Und er, der eigentlich wenig über seine Biografie berichtete, sprach in diesem Zusammenhang über seine Schoa-Erfahrung: »Du musst wissen, dass, wer auch immer da war und überlebt hat, verrückt zurückgekommen ist. Auch die, die glauben, sie sind normal, sind verrückt. Niemand ist gesund zurückgekehrt.«
Das Turnier um den Emanuel-Schaffer-Pokal in Recklinghausen jedenfalls soll dauerhaft ausgetragen werden und zur Normalität werden.