Dann war die Flamme verschwunden. Als der israelische Sportler Artem Dolgopyat am Montagabend auf der großen Videoleinwand der Maccabiah 2026 das makkabäische Feuer erlöschen ließ, lagen hinter den Athletinnen und Athleten aufregende und anstrengende Tage. Medaillen, Bestzeiten, Muskelkater und Training waren für einen Moment vergessen. Der Abschluss des Sportfestes stand ganz im Zeichen des Zusammenseins.
Ludmilla Movshyn sitzt wenige Stunden zuvor gemeinsam mit ihren Söhnen im Bus. Sie klingen erschöpft, aber es ist vielleicht auch die Erleichterung, die man nach einem so besonderen Tag fühlt. Und dieser Montagvormittag war definitiv außergewöhnlich. Denn Ludmilla und zwei ihrer drei Söhne haben zusammen ihre Bat- und Barmizwa an der Kotel gefeiert. Sie waren drei von 15 Jugendlichen und Erwachsenen, für die der 13. Juli 2026 nicht mehr nur irgendein Tag sein wird.
Ludmilla ist 50 und leitet die Tennis-Abteilung bei Makkabi. Geboren wurde sie in der ehemaligen Sowjetunion, an einem Ort in der heutigen Ukraine. Jüdisch zu sein, war etwas Geheimes: »In meiner Kindheit war es für mich einfach unmöglich, Batmizwa zu feiern. Mein Vater war Geschichtslehrer, und er wäre schlichtweg arbeitslos geworden«, sagt sie.
Ludmilla hat mit 50 ihre Batmizwa an der Kotel gefeiert.
Als es dieses Jahr dann an die Vorbereitungen zur Maccabiah ging, als die Jugendlichen notiert wurden, die an der Kotel ihre Bat- und Barmizwa haben würden, wurde Ludmilla gefragt, ob sie ihre eigene Feier nicht einfach nachholen wolle. »Ja, dachte ich, warum eigentlich nicht?« Gesagt, getan. »Ich habe zwar erst meine Chuppa gehabt und dann meine Batmizwa, aber auch hier sage ich wieder: Warum nicht?« Diesen Moment zusammen mit ihren Kindern zu erleben, sei für sie »wunderschön« gewesen.
Auch ihr Sohn Benjamin steht noch ganz unter dem Eindruck der Feier: »Ich fühle mich sehr gut, und die Aufregung ist jetzt auch langsam weg.« Seine eigentliche Barmizwa in der Synagoge zu Hause hat zwar bereits stattgefunden, aber »an der Kotel war es noch einmal etwas anderes. Ich habe mich echt lange darauf gefreut«, erzählt der Teenager. Motiviert wurden die beiden Jungs von ihrem älteren Bruder, der vor vier Jahren an der Kotel Barmizwa wurde, als er an seiner ersten Maccabiah teilnahm.
Ins Hotel, frisch machen und dann zur Closing Ceremony
»Er hat uns damals erzählt, wie toll das war. Das hat meine beiden anderen Söhne auch dazu inspiriert«, erinnert sich Ludmilla, die jetzt eigentlich nur noch eines möchte: ins Hotel, frisch machen und dann zur Closing Ceremony.
Sie fahre mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. So wie ihr ergeht es wohl vielen in der deutschen Delegation, die mit insgesamt 128 Medaillen die eigenen Erwartungen übertroffen hat.
Katharina gewann viermal Gold – und ist stolz auf ihr Team.
Die Maccabiah wäre allerdings nicht das, was sie ist, würde es neben Bestzeiten, Schnelligkeit und Siegerehrung nicht auch ums Kennenlernen gehen. Katharina Michajlova fasst es kurz und direkt zusammen: »Die Maccabiah hat mir auf jeden Fall wieder sehr viel Spaß gemacht. Ich habe sehr viele Leute kennengelernt und alte Bekannte wiedergetroffen – aus Deutschland und auch aus anderen Ländern.«
Die Tischtennisspielerin und Teammanagerin ist stolz auf ihre Mannschaft, die aus »ein paar Jugendlichen, ein paar Erwachsenen und auch ein paar Älteren« bestand. Zusammen waren sie ein »cooles« Team und auch ein erfolgreiches: 37 Medaillen, davon 14-mal Gold, gab es für die Tischtennis-Spieler. Vier davon gewann Katharina selbst. Drei Momente werden der 37-jährigen studierten Wirtschaftspsychologin in Erinnerung bleiben: Neben den Goldmedaillen war das der Moment direkt nach dem Spiel mit ihrer Doppelpartnerin, die auch eine Freundin von Katharina ist.
Direkt von der Halle in den Tischtennis-Klamotten zum Strand und ins Meer
»Nachdem wir die Medaillen gewonnen hatten, sind wir direkt von der Halle in unseren Tischtennis-Klamotten zum Strand und ins Meer gesprungen. Wir hatten einfach nur Spaß.« Und dann war da natürlich noch der Kabbalat Schabbat: »Der Moment, wenn alle am Hafen von Tel Aviv singen und tanzen; Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, die zusammen den Sonnenuntergang ansehen, das war einfach groß.« Doch jetzt freut sie sich erst einmal auf ihren Freund, auf den Besuch eines Musikfestivals und auf einen Familienurlaub.
Auch die Schwimmerin Beatrice Feicht blickt der Zeit mit der Familie freudig entgegen. Die Mutter von fünf erwachsenen Kindern reist mit einem großen Gefühl des Zusammenhalts nach Hause. »Die Maccabiah war einfach ein wunderschönes Erlebnis – ich wüsste nicht, was besser hätte laufen können. Die Atmosphäre war super, die Möglichkeit, Gleichgesinnte aus so unterschiedlichen Nationen zu treffen.« Dass sie die Erste war, die für die deutsche Delegation eine Goldmedaille erschwommen hat, das freut sie, aber ganz so sehr möchte Feicht das gar nicht betonen. Schwimmen, Sport, Bewegung – das war schon immer Teil ihres Lebens. Bei fünf Kindern, scherzt sie, müsse man auch sportlich sein.
Bei dieser dritten Maccabiah trat Beatrice leider nicht beim Triathlon an, erzählt sie: »Das mit dem Rennrad-Training habe ich dieses Mal nicht ganz geschafft, deswegen war es jetzt das Schwimmen.« Sie falle durch ihr Alter auf, sagt sie. Jahrgang 1951. Sie schwimmt 1500 Meter im offenen Wasser in 43 Minuten. »In unserem Team waren wir nicht so viele Masters, es waren viele jüngere Teilnehmer dabei. Aber unser Trainer hat alle unglaublich gut eingebunden«, betont Feicht. In Israel zu sein, das empfinde sie immer als Nachhausekommen, auch wenn sie selbst nie für längere Zeit im Land gelebt habe. Aber der Zusammenhalt und das gegenseitige Unterstützen, das beeindrucke sie doch immer wieder sehr.
Boris führte das Team als Maskottchen Makkabär ins Teddy-Kollek-Stadion.
Einer von 5000 Sportlerinnen und Sportlern aus 66 Ländern ist auch Boris Dezent. Für ihn war der Auftakt zu den Spielen ein schweißtreibender, denn Boris war das Maskottchen der deutschen Delegation im Makkabärkostüm. Ganz vorn lief er in das Teddy-Stadion, in dem die Maccabiah am 1. Juli eröffnet wurde.
»Die Emotionen, die Gefühle und die Erinnerungen daran wird man nie vergessen. Unseren Athletinnen und Athleten in ihren jeweiligen Sportarten zuzuschauen, sie anzufeuern und diesen Teamgeist zu spüren – das kann man nur bei der Maccabiah erleben«, sagt Boris. Dass nicht alle Länder so stark vertreten sein würden wie vier Jahre zuvor, war für ihn klar, »aber dennoch waren es die schönsten Momente, die man gemeinsam mit den anderen Ländern erleben konnte«.
Und wenn dann noch Medaillen dazukommen, wie bei Boris, dann ist das mehr als nur ein Glücksmoment: »Bronze im Teamwettbewerb – solche Augenblicke bleiben.« Bei den nächsten Spielen möchte er unbedingt wieder Teil des Teams sein. Seinen nächsten Stopp kennt er schon: die European Maccabi Youth Games 2027 in Frankfurt am Main.