Bevor es mit den aktiven Asanas losgeht, nimmt Hana Bezug auf die Parascha der Woche. Es geht um Verlangen und Achtsamkeit, um Zufriedenheit mit dem, was ist. Yoga-Lehrerin Hana Gross stellt den aktuellen Leseabschnitt der Tora als Inspiration für die heutige Yoga-Einheit dar. Sie knüpft Verbindungen zwischen jüdischer Lehre und Yoga-Philosophie. »Yoga kann helfen, ganz im Moment zu sein«, erklärt Hana, bevor sie die erste Atemübung anleitet und dann die Teilnehmerinnen einlädt, sich eine Kawana, eine persönliche Intention, zu setzen.
Eine ruhige Yoga-Einheit beginnt. Eine Mischung aus Meditation und sanften Yoga-Haltungen, verbunden mit dem Atem, immer wieder ergänzt durch jüdische Begriffe und Bezüge. 60 Minuten jüdisches Yoga.
Schaffung eines geschützten Raumes
Für Gross geht es dabei nicht nur um religiöse Inhalte. Ebenso wichtig ist ihr die Schaffung eines geschützten Raumes. »In der Mehrheitsgesellschaft gibt es so gut wie keine Räume, in denen man einfach jüdisch sein kann, ohne sich erklären zu müssen«, sagt sie. Genau einen solchen Raum möchte sie anbieten und dabei noch einen Zugang zu Bewegung schaffen. So umschreibt Gross ihre Motivation für dieses besondere Angebot, das alle zwei Wochen am Montagabend online stattfindet. Möglich wurde es durch die Jüdische Volkshochschule (JVHS) der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Die Teilnahme ist kostenlos.
Emiliia Kivelevich, die Leiterin der JVHS, hatte Gross auf einem jüdischen Retreat kennengelernt. »Ich war von ihren Kursen sofort begeistert«, erzählt Kivelevich. Einige Zeit später lud sie die Lehrerin ein, das Angebot auch im Rahmen der Volkshochschule anzubieten. Dass die Kurse online stattfinden, habe sich aus organisatorischen Gründen als sehr praktisch erwiesen. »Es bietet den Teilnehmenden eine flexible Zugänglichkeit und passt ideal, da Hana nicht in Düsseldorf wohnt«, erklärt Kivelevich.
Eine ruhige Yoga-Einheit beginnt, immer wieder ergänzt durch jüdische Bezüge und Begriffe.
Jede Yoga-Schülerin kann sich ihren Übungsplatz zu Hause einrichten. Über einen Einwahllink, der vorab zugeschickt wird, ist die Teilnahme gesichert. Die Zahl der Teilnehmenden wachse kontinuierlich, so Organisatorin Kivelevich. Bereits nach zwei Monaten – im Mai ist das Angebot gestartet – habe sich eine feste Gruppe von Stammteilnehmenden gebildet. Dabei kommen die Interessierten nicht nur aus Düsseldorf: »Am Kurs nehmen sowohl Mitglieder der Gemeinde Düsseldorf als auch Mitglieder aus anderen jüdischen Gemeinden teil.«
»Judentum ist manchmal etwas verkopft, daher ist mir der Ansatz über den Körper wichtig«, betont Yoga-Lehrerin Gross, die Mitglied im Jewish Yoga Network sowie der Yoga Alliance ist. Die jüdischen Inspirationen eignet sie sich, die in ihrem Hauptberuf Englischlehrerin an einer Schule ist, regelmäßig über Kurse an, aktuell über einen Onlinekurs aus Israel.
Statt Sanskrit-Begriffen hebräische Worte
Statt Sanskrit-Begriffen, wie sonst üblich, nutzt Gross hebräische Worte. Statt fernöstlicher Spiritualität stehen jüdische Gedanken und Texte im Mittelpunkt. Auch Sanskrit-Namen für die Körperhaltungen verwendet sie nicht. »Diese Namen sind oft mit einer Mythologie verbunden, die nicht zum jüdischen Monotheismus passt«, sagt sie. Stattdessen fließen jüdische Texte, Gebete und spirituelle Gedanken in die Praxis ein.
»Das Besondere am jüdischen Yoga ist, dass ich Themen wähle, die zum jüdischen Jahreskreis passen oder sich mit anderen jüdischen Inhalten beschäftigen«, erklärt die Lehrerin. Vor Rosch Haschana könne beispielsweise das Thema Loslassen und Neubeginn im Mittelpunkt stehen. In anderen Einheiten beschäftigt sie sich mit dem hebräischen Alphabet oder greift Gedanken aus der jüdischen Mystik auf.
Gross unterrichtet Yin-Yoga und eine angepasste Form des Kundalini-Yoga.
Äußerlich unterscheidet sich der Unterricht dabei kaum von anderen Yoga-Stunden. Ihr Angebot ist für Menschen, die noch nicht so viel Yoga-Erfahrung haben, geeignet. Die Teilnehmenden praktizieren Haltungen, Atemübungen und Meditationen. Gross unterrichtet unterschiedliche Stile, darunter Yin-Yoga, Hatha-Yoga, eine angepasste Form des Kundalini-Yoga, sowie Yoga auf dem Stuhl. Die Unterschiede liegen dabei in Sprache und spiritueller Rahmung.
Bezug zum Göttlichen
Bei Meditationen stelle sie bewusst den Bezug zum Göttlichen her, indem sie beispielsweise Passagen aus dem Nachtgebet einbaue. »Oder ich nutze jüdische Verse als Mantra.« Ein zentrales Motiv sei dabei die Verbindung zwischen Atem und Seele, die sich auch in den hebräischen Wörtern dafür wiederfinde. Und allein im Schalom steckt ja auch ein Om.
In der jüdischen Tradition, so erklärt sie, bestehe eine enge Beziehung zwischen beiden Begriffen. Der Wunsch, jüdisches Yoga in größerem Rahmen anzubieten, begleitet Gross schon lange. Umso mehr freue sie sich über die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Volkshochschule Düsseldorf. Und für die Teilnehmenden entsteht daraus ein Raum, in dem Spiritualität, Gemeinschaft und körperliches Wohlbefinden zusammenkommen.