Mein Vater hieß bei der Einreise in die USA Reuven Ben Zwi, aber wie es damals so üblich war, wurden die Namen der jüdischen Einwanderer amerikanisiert. So ist aus Ben Zwi der Familienname Benzwi geworden, wie er heute in meinem Pass steht.
Als mein Vater in Odessa gezeugt wurde, hieß die Familie Kossoy. Kurz darauf, im Jahr 1919, flohen meine Großeltern von dort. Im Bauch meiner Großmutter befanden sich nicht nur mein Vater, sondern auch Diamanten. Die hatte sie geschluckt, um sie über die Landesgrenze zu schmuggeln. Meine Großeltern gingen nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, wo mein Vater zur Welt gekommen ist.
Ich bin später einmal dort gewesen und habe mir die Straße angesehen, in der er aufgewachsen ist. Sie liegt mitten in der Stadt, um die Ecke eines teuren kosmopolitischen Cafés, das heute noch genauso aussieht, wie er es beschrieben hat. Es war ein großbürgerlicher jüdischer Haushalt, in dem er aufgewachsen ist. Man sprach Jiddisch. Lehrer kamen ins Haus, die Hebräisch unterrichteten, aber auch Französisch und Deutsch.
Im Alter von 13 Jahren schickten die Großeltern, die Zionisten waren, meinen Vater in ein deutsches Internat nach Palästina. Er sollte Ingenieur werden. Er war religiös und nahm dort den Namen Ben Zwi an. So wurde es mir erzählt. Mit 17 Jahren, nachdem der Antisemitismus auch das deutsche Gymnasium in Palästina erreicht hatte, ging er nach Frankreich. Als die Wehrmacht einmarschierte, konnte er nach England entkommen, wo er den Krieg überlebt hat.
Als die Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, emigrierte er
Im Jahr 1948 ging er in die USA und wandelte sich zu einem leidenschaftlichen Atheisten. Leider habe ich ihn dazu nie befragt, aber ich glaube, nach all dem Leid und der ständigen Flucht wollte er mit Religion nichts mehr zu tun haben.
Und dann hat er meine Mutter, eine blonde polnische Katholikin, geheiratet. Für sie war ihre Religion wichtig, und so wurden wir Kinder katholisch erzogen. Andererseits war meine Mutter in New York in einer jüdischen Gegend aufgewachsen, und alle ihre Freundinnen waren jüdisch. Sie liebte alles Jüdische und sprach mit uns Kindern in einem jiddischen Slang.
Die Mutter meines Vaters wiederum, die nach dem Krieg ebenfalls nach New York gekommen war, ist über die »katholische Schickse« unglücklich gewesen. Sie hat nie verkraftet, dass ihr Sohn nicht jüdisch geheiratet hat, und ließ es meine Mutter spüren. Jetzt, als älterer Mann, verstehe ich ihr Leid. Nach der ganzen Familiengeschichte mit dem Verlust der Heimat war eine jüdische Identität für sie wichtig. Als Kind aber war sie für mich die Böse, die meine Mutter nicht mochte.
Ich fühlte mich von der deutschen Sprache und von Berlin angezogen.
Aufgewachsen bin ich im kalifornischen San Diego, im Stadtteil La Jolla. Wir lebten dort in einer Gegend, in der etliche Professoren der University of California wohnten, die jüdisch waren. Ich hatte viele jüdische Freunde in dieser Zeit, mit denen ich aber auch schwierige Erlebnisse erfuhr. Ich erinnere mich, dass ich zu mehreren Barmizwa-Feiern eingeladen wurde, danach aber gemerkt habe, dass ich irgendwie nicht mehr dazugehörte. Sie ließen mich spüren, dass ich für sie kein richtiger Jude war.
San Diego mochte ich nicht, und ich wollte schon in jungen Jahren weg von dort. Es zog mich nach New York und vor allem auch nach Europa. Schon in der neunten Klasse wurde an meiner Schule Deutschunterricht angeboten. Da mein Bruder Deutsch lernte, machte ich das auch, und bald fühlte ich mich von dieser Sprache magisch angezogen. Nicht nur von der Sprache, sondern vor allem von Berlin. Über Künstler wie Nina Hagen und andere hatte ich von der Stadt und deren Energie erfahren.
Noch bevor ich die Schule beendet hatte, bewarb ich mich an der Columbia University in New York, und sie nahmen mich auch ohne Highschool-Abschluss an. Nach dem allgemeinen Grundstudium studierte ich Musiktheorie – was sehr schwer ist! Gott sei Dank, denn so entschloss ich mich abzubrechen und fing an, Architektur zu studieren.
Mit sechs Jahren fing ich an, Klavier zu lernen
Damals dachte ich, das hat auch etwas mit Ästhetik und Rhythmus zu tun. Ich ging nach Berlin, und im Architekturseminar an der TU merkte ich, dass das totaler Quatsch ist. Also habe ich auch dieses Studium geschmissen.
In dieser Situation kam mir zugute, dass ich Klavier spielen konnte. Weil alle in unserer Familie irgendein Instrument spielten, habe ich mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu lernen. Glücklicherweise hatte ich einen Barpianisten als Klavierlehrer, der mir gleich Akkorde und das Improvisieren beibrachte.
Das Denken in Akkorden hat mir immer sehr geholfen. So auch nach dem verunglückten Architekturstudium, als ich in Berliner Restaurants spielte, in Bars und sogar in einem Bordell. Noch konnte ich mir eine künstlerische Existenz nicht so richtig vorstellen. Meine Familie war zwar immer irgendwie offen für die Künste, aber nicht zwingend dafür, dass ein Kind das beruflich machen sollte. Es wurde mir zwar nicht wirklich verboten, aber ich dachte selbst auch nicht, dass ich in die Künstlerwelt gehöre.
Eine Sängerin bat mich, sie beim Vorsingen am Klavier zu begleiten
Nun fand ich einen Job als Pianist bei einer Travestie-Künstlerin, die sich »Berlins literarische Dame, H. D. Kühn« nannte. Bei ihr kam ich mit der Musik der 1920er-Jahre in Berührung, die ich großartig fand. Und ich lernte bei ihr ein junges Mädchen kennen, das sich an der Hochschule der Künste für die Erprobungsphase eines neuen Musical-Studiengangs beworben hatte. Sie bat mich, sie beim Vorsingen zu begleiten. Dabei erfuhr ich dann, dass man an der Hochschule noch einen Pianisten suchte.
Obwohl ich mir keine Chancen ausrechnete, habe ich mich beworben. Mit Erfolg. Und beim ersten Treffen aller Dozenten für diesen Studiengang wurde ich zu meinem Erstaunen als jemand vorgestellt, »der sich mit Musical wirklich auskennt«. Tatsächlich habe ich mich erst als Dozent mit der Schauspielkunst beschäftigt, habe viel darüber gelesen und mir erarbeitet, was es bedeutet, zu korrepetieren, also Lieder einzustudieren.
Das, was ich mir selbst beibrachte, nach Harmonien zu spielen, das Transponieren und mit Musical-Sängern zu arbeiten, konnten damals nur wenige. Es gab entweder Klassiker oder intellektuelle Jazzer. In dieser Zeit lernte ich die Schauspielerin Christa Lorenz vom Schiller-Theater kennen, die musikalische Programme im Stil der 1920er-Jahre inszenierte – mit Texten von Walter Mehring bis Kurt Tucholsky.
Auch hier bin ich wieder mit jüdischer Kultur und der jiddischen Sprache konfrontiert.
Dann kam ich ans »Theater des Westens«, wo ich zunächst bei der Gesangslehrerin des Musical-Ensembles Klavier spielte. Zu der Zeit, als im Theater Der blaue Engel lief, wurde das Tanzensemble nicht gebraucht. Die Tänzer sollten aber nicht bloß spazieren gehen, und so plante der Choreograf Jürg Burth im benachbarten Delphi-Kino eine Revue mit amerikanischen Musical-Hits. Ich gab zu bedenken, dass doch die deutsche Kultur so reich sei, dass man daraus etwa ein Marika-Rökk-Medley machen könnte.
So entstand das Programm »Stripsody«. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, den Künstlern wie dem Publikum. Und weil dieses Rökk-Medley sehr erfolgreich war, entschloss sich der Intendant Helmut Baumann, mit mir eine Revue mit alten UFA-Schlagern zu machen. Nun war ich also endgültig am Theater gelandet.
Inzwischen habe ich die katholische Erziehung weitgehend abgelegt und kulturell die Jüdischkeit meiner Familie väterlicherseits wiederentdeckt. Jedenfalls fühle ich mich jüdisch, etwa durch die Arbeit als Musiker und Dirigent bei den Theaterproduktionen, bei denen ich mit der jiddischen Sprache in Verbindung komme. Eine große Rolle spielt dabei meine Zusammenarbeit mit jüdischen Kollegen wie dem Regisseur Barrie Kosky an der Komischen Oper und am Berliner Ensemble.
Inzwischen habe ich die katholische Erziehung weitgehend abgelegt
Zum Beispiel bei dem Stück K. nach Franz Kafka, in dem nur Jiddisch gesungen wird. Derzeit entsteht ein neues Musical aus der Kurzgeschichte »Jentl, der Talmudstudent« des Literatur-Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer. Barbra Streisand hat in ihrer Verfilmung des Stoffs ihre Version dieser Kurzgeschichte dargestellt.
Wir bedienen andere Aspekte und lassen alle Figuren singen. Jedenfalls bin ich auch hier wieder mit jüdischer Kultur und der jiddischen Sprache konfrontiert. Beides war vor zwei Generationen in meiner Familie noch alltäglich. Nun kehrt es in gewisser Weise zurück.
Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg