München

»Auf geht’s – an die Arbeit!«

Es ging auf 23 Uhr zu, als der Wahlleiter das Wort ergriff. Im Vorstandssaal des Jüdischen Gemeindezentrums am Jakobsplatz harrten über ein Dutzend Wahlhelfer aus, Mitarbeiter der Gemeinde ebenso wie Mitglieder der Wahlkommission. Über Stunden hatten sie zuvor Hunderte von Wahlzetteln ausgewertet und die Ergebnisse der Vorstandswahl zusammengetragen, ein heftiges Gewitter und ein Regenbogen in der Abenddämmerung bildeten das symbolträchtige Rahmenprogramm.

Jetzt war es längst dunkel, während Rechtsanwalt Markus Baur in seiner Funktion als Vorsitzender der Wahlkommission gemeinsam mit zwei eigens hierfür bestellten Notaren die Ergebnisse final überprüfte. Dann endlich, viereinhalb Jahre nach der letzten Wahl und am Ende eines intensiven Wahlkampfes, konnte er verkünden, wie der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) sich bis 2030 zusammensetzen würde. Parallel zu den anwesenden Wahlhelfern wurden die Vorstandskandidaten selbst in Kenntnis gesetzt.

Von den Mitgliedern in offener Personenwahl in das Gremium gewählt

15 von ihnen wurden an diesem ersten Sonntag im Juli sowie dem vorangegangenen Donnerstag von den Mitgliedern in offener Personenwahl in das Gremium gewählt. Weitere fünf stehen als sogenannte Ersatzmitglieder in den kommenden vier Jahren als Nachrücker bereit, sollten gewählte Mitglieder den Vorstand verlassen. Insgesamt 25 Personen waren in diesem Jahr angetreten, Stimmenkönigin wurde dabei zum wiederholten Male die amtierende Präsidentin Charlotte Knobloch.

Die genauen Stimmanteile wurden von der Wahlkommission wie in den Vorjahren nicht öffentlich gemacht, allerdings hörte man am Montag, dass beim Kampf um Platz eins nicht allzu viel Spannung aufgekommen war. Viel Bewegung hatte es dagegen auf den weiteren Plätzen gegeben, sodass der Vorstand sein Gesicht erheblich veränderte. Drei bisherige Mitglieder des Gremiums, darunter Vizepräsident Peter Guttmann, hatten sich gegen eine Kandidatur entschieden, insgesamt eroberten in diesem Jahr sechs Neulinge einen Platz am Vorstandstisch.

Den bemerkenswertesten Erfolg unter ihnen erzielte Roy Rajber, der auf Anhieb die zweitmeisten Stimmen erreichte, gefolgt von Guy Katz auf Rang drei; Katz hatte dem Vorstand während der Amtsperiode 2008 bis 2012 schon einmal angehört. Unter den weiteren Newcomern waren Michael Holland, Antisemitismusbeauftragter des Landkreises Dachau, der frühere Leiter des Jugendzentrums Lorin Nezer, Ilan Birnbaum, der in diesem Jahr zum Jom Haschoa eine viel beachtete Gedenkrede gehalten hatte, und Silvia Jonas, Philosophieprofessorin an der Universität Bamberg. Die Verjüngung des Gremiums, die mit der Wahl 2021 begonnen hatte, setzte sich damit fort.

In einer kurzen Antrittsrede dankte die alte und neue IKG-Präsidenten für die Wahl.

In einer ersten Reaktion gegenüber dieser Zeitung bedankte Knobloch sich für das ausgesprochene Vertrauen: »Es ist auch nach vielen Jahren für mich immer wieder mehr als bewegend, wenn eine Wahl auf diese Weise ausgeht. Mein Dank gilt aber nicht nur denen, die für mich gestimmt haben, sondern allen Wählern. Die Kultusgemeinde ist heute mehr denn je auf das aktive Engagement ihrer Mitglieder angewiesen, und die Wahl ist in dieser Hinsicht nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Aufgabe.« Sie wolle deshalb jetzt so schnell wie möglich mit dem neuen Vorstand die Arbeit aufnehmen und die Weichen stellen, »damit wir nach der Sommerpause richtig loslegen können«, so Knobloch weiter.

Nur einen Abend, nachdem bei der Auszählung noch die Köpfe geraucht hatten, und an gleicher Stelle kamen die Gewählten zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Wichtigster Tagesordnungspunkt: die Wahl eines Präsidiums, das heißt die Bestimmung von Präsident oder Präsidentin und zwei Stellvertretern. Der Vorstand verband dabei Neues und Bewährtes, in dem er einerseits Charlotte Knobloch ohne Gegenkandidaten und bei nur einer Enthaltung ein elftes Mal als Präsidentin bestätigte und andererseits Michael Holland als Vizepräsenten wählte. Yehoshua Chmiel, nach einer vierjährigen Unterbrechung seit 2016 erneut einer der Stellvertreter, wurde in diesem Amt ein weiteres Mal wiedergewählt.

Bildung, jüdische Identität sowie politische und gesellschaftliche Netzwerke sind zentrale Themen

In einer kurzen Antrittsrede dankte die alte und neue IKG-Präsidentin ihren Vorstandskollegen für die Wahl und verwies auf Bildung, jüdische Identität sowie politische und gesellschaftliche Netzwerke als drei zentrale Themen für die kommenden Jahre. Diese eigenen Prioritäten solle die IKG klar verfolgen, »auch wenn die äußeren Umstände uns viel von unserer Agenda vorgeben«. Die Gemeinde müsse aber auch die eigenen Strukturen mittel- und langfristig anpassen, so Knob­loch abschließend. Der Vorstand stehe vor der Aufgabe, den »Übergang zu neuen Strukturen« zu organisieren, »das sollten wir – und das will ich persönlich – sehr bald angehen«.

Um das zu gewährleisten, will der neue Vorstand sich anders als in früheren Jahren nicht direkt nach der konstituierenden Sitzung in die Sommerpause verabschieden, sondern noch im Juli ein zweites Mal zusammenkommen, um unter anderem die für die Arbeit entscheidenden Fachreferate zu besetzen. Er folgt damit dem abschließenden Aufruf der IKG-Präsidentin aus seinem ersten Zusammentreffen: »Auf geht’s – an die Arbeit!«

Gemäß dem Ergebnis des Urnengangs vom 2. und 5. Juli gehören dem neu gewählten IKG-Vorstand an (Reihenfolge gemäß erhaltener Wählerstimmen):
Charlotte Knobloch, Roy Rajber, Guy Katz, Guy Fränkel, Grischa Judanin, Yehoshua Chmiel, Judith Epstein, Michael Holland, Eugen Alter, Lorin Nezer, Slava Satanovsky, Ilan Birnbaum, Anita Kaminski, Silvia Jonas, Vera Szackamer

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