Ein langes Bücherregal an der Wand eines Zimmers in Berlin - dem klassischen Durchgangszimmer zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil von Berliner Altbauten. Zwischen den bunten Bücherrücken ein Blatt Papier mit Buchstaben in Kinderhandschrift: »What I love about my Mummy«.
An diesem sommerlichen Mittag sitzt Holly-Jane Rahlens - weißer Lockenkopf und schwarze Hornbrille - an ihrem Wohnzimmertisch. Sie trägt eine rote Bluse zu einem grünen Rock. »Ich dachte, das passt fürs Foto ganz gut«, sagt die Amerikanerin mit freundlich zwinkernden Augen und einem Blick auf die ebenfalls farbigen Gemälde an der Wand und ihren Sessel.
Viele Amerikaner in Berlin
Die preisgekrönte Autorin ist eine von mehr als 20.000 US-Amerikanern, die in der deutschen Hauptstadt leben. Seit mehr als 50 Jahren ist sie hier zu Hause, hat das geteilte West- und Ost-Berlin und den Fall der Mauer erlebt. »Deutsch-amerikanische Beziehungen spielen natürlich eine wichtige Rolle in meinem Leben - und auch in meinen Büchern«, sagt sie und setzt bekräftigend auf Englisch hinzu: »Absolutely«.
2003 wurde sie für ihr Buch »Prinz William, Maximilian Minsky und ich« mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Darin geht es um ein deutsch-amerikanisches Mädchen und die Feier ihrer Bat Mizwa. In ihrem neuen Roman »Frostblüten«, der im Oktober erscheint, erzählt die Autorin von der Freundschaft eines polnisch-jüdischen Mädchens mit einem deutschen Mädchen im Berlin der Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt steht ein Displaced Person Lager (DP-Camp) im amerikanischen Sektor von Berlin.
Kritische Stimmung in den 70ern
Rahlens kam 1972 der Liebe wegen aus New York nach Berlin - und blieb. »Interessanterweise war die Stimmung damals unter jungen Deutschen in Berlin eher negativ den USA gegenüber. Es war ja Vietnamkrieg und die Studenten protestierten dagegen. Jetzt ist die Stimmung ähnlich kritisch, wenn auch aus ganz anderen Gründen«, sagt die Autorin. Zwischendurch sei alles wunderbar gewesen: Die Deutschen mochten Amerika.
Dass sie zurzeit - vor allem wegen US-Präsident Donald Trump - wieder eher kritisch auf die USA schauen, nähmen die Amerikaner nur sehr unterschwellig wahr. »Vielleicht realisieren sie die Abneigung des Auslands aber langsam auch ein wenig, weil die Hotels für die Fußball-WM in den USA nicht alle sofort ausgebucht waren«, sagt Rahlens.
Amerikaner klammern Politik aus
Ihre Großeltern stammen aus Russland, Litauen und Polen und wanderten Anfang des 20. Jahrhunderts aus Osteuropa nach Amerika aus. Die Schriftstellerin fliegt in der Regel alle zwei Jahre nach »drüben«, hat Verwandte und Freunde dort. Die erzählen, dass sich seit Trumps Amtszeit eingebürgert habe, untereinander einfach nicht mehr über Politik zu sprechen. »Das wird ausgeklammert, um Konflikte zu vermeiden. Ich finde das sehr seltsam«, sagt Rahlens.
Sie wünscht sich von ihren amerikanischen Landsleuten mehr Weltoffenheit. »Die Amerikaner müssen aus ihrem Amerika rauskommen und aus dieser Dauerschleife: ‚This is the greatest country in the world‘. «Ich frage mich: Wie können sie das sagen? Sie haben die Welt nicht gesehen. Eher wenige Amerikaner besitzen überhaupt einen gültigen Reisepass. Sie brauchen keinen, weil sie einfach niemals das Land verlassen.» Ihre Landsleute seien naiv: «Ich war mit 21 Jahren, als ich herkam, nicht viel anders.»
Zahl der Anträge auf Einbürgerung von US-Bürgern fast vervierfacht
Natürlich sei auch in Deutschland nicht alles super, räumt sie ein. Am Klischee vom «tip-top organisierten Deutschen» etwa sei nicht mehr viel dran: «Ich habe zum Beispiel vor knapp zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt - und ich habe immer noch nichts gehört», kritisiert sie. «Ich meine, ich bin mit einem Deutschen verheiratet, lebe seit 50 Jahren hier, arbeite hier und spreche die Sprache. Das ist doch krass. Und ich bin nicht die Einzige, die wartet.»
Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Anträge auf Einbürgerung von US-Bürgern fast vervierfacht. Allein in Berlin stieg sie auf 1.000.
Deutsche Wurzeln habe sie zwar nicht, sagt Rahlens. Sie wolle aber deutsche Staatsbürgerin werden, weil sie sich als Europäerin fühle. Das möge auch damit zusammenhängen, dass sie Jüdin sei. «Ich kann nicht sagen, ich fühle mich als Deutsche, aber ich würde schon sagen, ich fühle mich als Europäerin. Das liegt daran, dass dieses ‚Juden in Deutschland‘ immer noch ein bisschen warnend bei mir im Hinterkopf ist.»
Glaube an die Vernunft
Grundsätzlich sei sie jedoch der festen Überzeugung, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt hätten. «Nicht alle natürlich, aber im Großen und Ganzen. Ich glaube wirklich an die Vernunft des heutigen Deutschen. Vielleicht wissen sie, dass Dinge wieder passieren können, die schon einmal passiert sind.» Und vielleicht blickten sie auch deshalb besonders kritisch auf Amerika?
Wieder in den Vereinigten Staaten leben - das könne sie sich nicht vorstellen, sagt die Autorin. Sie sei in Deutschland zu Hause. Trotzdem wolle sie die amerikanische Staatsangehörigkeit behalten, erklärt Rahlens. «Es sei denn, es passiert dort etwas Drastisches. Als Trump wiedergewählt wurde, habe ich kurz darüber nachgedacht. Aber eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, sie abzugeben. Ich bin eben Amerikanerin. Das gehört auch zu meiner Identität. It’s who I am.»