Eine wichtige 250-Jahr-Feier gab es bereits, und zwar im Jahr 1905. Damals sollte auf Initiative der altehrwürdigen Spanischen und Portugiesischen Synagoge in New York, auch bekannt als Congregation Shearith Israel, sowie der American Jewish Historical Society ein ganz besonderes Ereignis gewürdigt werden: die 1655 erteilte Erlaubnis der niederländischen Westindien-Kompanie, dass sich Juden in Nieuw Amsterdam, dem heutigen New York, niederlassen dürfen.
Es war eigens ein Exekutivkomitee ins Leben gerufen worden, das beschloss, »dass jede jüdische Gemeinde in den Vereinigten Staaten aufgefordert wird, am Samstag (25. November) vor Thanksgiving 1905 entsprechende Gottesdienste abzuhalten«. In der Carnegie Hall fand eine große Gedenkfeier statt. Zu den Rednern gehörte der ehemalige US-Präsident Grover Cleveland, und der amtierende Theodore Roosevelt schickte eine Grußbotschaft. Das Ganze war zudem eine Premiere: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hatten amerikanische Juden eine gemeinsame Veranstaltung organisiert, um ihre Leistungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie ihren Patriotismus öffentlich zu feiern.
Der Immigration Act von 1924 bereitete der Phase einer relativ unbeschränkten Zuwanderung ein Ende
Dabei war zu diesem Zeitpunkt die große Mehrheit der amerikanischen Juden gerade erst ein paar Jahre im Land. Man befand sich 1905 inmitten einer Einwanderungswelle, die zwischen 1880 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs über zwei Millionen Jüdinnen und Juden aus dem östlichen Europa in die USA brachte. Dann kam der Immigration Act von 1924 und bereitete der Phase einer relativ unbeschränkten Zuwanderung ein Ende.
Ungeachtet zahlreicher Erfolgsgeschichten war der Neustart für die meisten von ihnen alles andere als einfach, schließlich gab es auch jenseits des Atlantiks Armut, soziale Konflikte und Antisemitismus. »No Dogs and Jews Allowed«-Schilder waren in manchen US-Bundesstaaten noch in den 50er-Jahren keine Seltenheit.
Doch die USA blieben in der Wahrnehmung der allermeisten Juden die »Goldene Medine«, und das mit einer geradezu magnetischen Anziehungskraft. Das jiddische Wortpaar steht emblematisch für ein »goldenes Land«, in dem man nicht einfach nur ein Untertan ohne Rechte oder ein potenzielles Opfer für das nächste Pogrom war, sondern ein Staatsbürger im modernen Sinne. »Amerika war in den populären jüdischen Vorstellungen ein Symbol der Freiheit und Gleichheit, ein Land, in dem die vielfältigen Missstände der diasporischen Geschichte überwunden werden konnten«, bringt es Julian Levinson in seinem Beitrag dazu in der »Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur« auf den Punkt.
Die Vereinigten Staaten waren ein Gegenmodell zur Alten Welt.
Auch garantierte die wenige Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung verabschiedete Bill of Rights nicht nur fundamentale Grundrechte, sondern ebenfalls Religionsfreiheit. Darin hieß es unter anderem, dass »niemals der Nachweis einer Religionszugehörigkeit als eine Voraussetzung für ein Amt oder eine öffentliche Vertrauensstellung unter der Hoheit der Vereinigten Staaten verlangt werden soll«.
Gemäß der Verfassung waren Juden gleichberechtigte Staatsbürger – und das von Anfang an
Gemäß der Verfassung waren Juden also gleichberechtigte Staatsbürger – und das von Anfang an. Sie erlangten ihre religiösen und politischen Rechte wie alle anderen Amerikaner ohne irgendwelche Vorbedingungen. Damit waren die Vereinigten Staaten ein Gegenmodell zur Alten Welt, wo Juden auch im Zeitalter der Aufklärung und danach entweder als unerwünscht und nicht integrierbar galten oder aber ihre Emanzipation an Bedingungen geknüpft war, die auf die Aufgabe der religiösen Traditionen hinausliefen.
Die jüdischen Amerikaner der ersten Stunde waren begeistert. »Eine neue Welt ist uns gegeben worden«, schrieb beispielsweise 1783 Mordecai Sheftall, ein einflussreicher Angehöriger der Revolutionsarmee aus Savannah in Georgia.
Auch orthodoxe Stimmen äußerten sich positiv über die amerikanischen Freiheiten. So sprach der 1937 aus der Sowjetunion in die USA geflohene Rabbiner Moshe Feinstein, eine der wichtigsten halachischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts, von den Vereinigten Staaten als »Medina Shel Chessed«, einem »Reich der Güte«. Ähnliche Worte fanden auch der prominente chassidische Rabbiner und Schoa-Überlebende Menashe Klein und der aus Ungarn stammende Rabbiner Moshe Stern.
»Es war ein magischer Ort, das perfekte Ideal unserer Sehnsucht«
Die Vereinigten Staaten waren und blieben bis heute für viele Jüdinnen und Juden das »Gelobte Land«, das ultimative Ziel. »Es war ein magischer Ort, das perfekte Ideal unserer Sehnsucht«, schrieb der 1920 im polnischen Kolbuszowa geborene und nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA eingewanderte Norman Salsitz in seiner Autobiografie. »Ganz gleich, wie die Realitäten aussahen – es war die Vorstellung von Amerika, die uns in ihren Bann zog.«
So darf es wenig verwundern, dass auch der Begriff »Melting Pot« eine jüdische Handschrift trägt, demzufolge die USA einem Schmelztiegel gleich Einwanderer aus allen Teilen der Welt in neue Menschen, sprich Amerikaner, verwandeln. Dabei war »Melting Pot« eigentlich nur der Titel eines 1908 in Washington uraufgeführten Theaterstücks des britischen Autors Israel Zangwill, der übrigens ein überzeugter Zionist der ersten Stunde war und die USA allenfalls von Besuchen her kannte.
Er wollte damit zeigen, dass moderne Nationalstaaten auf einer Art Wechselspiel basieren: Einwanderer drücken ihrer neuen Heimat ihren kulturellen Stempel auf, umgekehrt passen die Neubürger ihre eigene Lebensweise der neuen Umwelt an. Die Stärken der Menschen, die in das Land strömen oder bereits geströmt waren, würden neuen Staaten wie den USA deshalb eine einzigartige Kraft verleihen, so Zangwill.
Banker-Dynastien wie Goldman Sachs oder Lehman Brothers und erfolgreiche Unternehmen wie Levi Strauss
Die jüdische Gemeinschaft in den USA lässt sich vor diesem Hintergrund ebenfalls als ein eigener Schmelztiegel beschreiben. Juden, die Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts verlassen hatten und auf der anderen Seite des Atlantiks beispielsweise Banker-Dynastien wie Goldman Sachs oder Lehman Brothers und erfolgreiche Unternehmen wie Levi Strauss gegründet hatten, trafen auf solche, die zumeist völlig mittellos dem zaristischen Russland den Rücken gekehrt hatten oder den Diskriminierungen in Rumänien entfliehen wollten und ihren sozialen Aufstieg noch vor sich hatten. Weitere kamen aus dem Osmanischen Reich, vor allem aus Syrien.
Für viele Jüdinnen und Juden, die vor den Nazis fliehen mussten oder nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr nach Polen oder Litauen zurückkehren konnten, wurden die USA ebenfalls zur neuen Heimat. Und nachdem 1979 die Mullahs in Teheran die Macht übernommen hatten, strömten viele Tausend Jüdinnen und Juden aus dem Iran in das »Land der Freiheit«. Last but not least, haben ebenfalls knapp 200.000 Israelis aus den verschiedensten Gründen die USA in den vergangenen Jahrzehnten zu ihrer neuen Heimat gemacht.
»Die Stärken derer, die in das Land strömten, verliehen den USA eine einzigartige Kraft.«
Israel Zangwill
Genau diese Dynamik, aus Einwanderern mit unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen eine völlig neue Gesellschaft entstehen zu lassen, die bis in die Gegenwart hinein eine enorme Ausstrahlung besitzt, sorgte in der Alten Welt bald für Ablehnung und sogar Feindschaft gegenüber den Vereinigten Staaten. »Ihnen und ausschließlich ihnen wird eine schier alles nivellierende und die Vielfalt der Kulturen einebnende Lebensform zugeschrieben«, so der Historiker Dan Diner in seiner Studie über den Anti-Amerikanismus in Deutschland. »Der universell beklagte Verlust vertrauter Lebenswelten und tradierter Gewissheiten scheint nur einen Verursacher zu kennen: Die USA – jener omnipräsente Ort, jener Moloch der Moderne mit welterobernden Absichten.«
Verwandtschaft zwischen amerikafeindlichen Ressentiments und dem Antisemitismus
Diner verweist in seinem Text auch auf eine Verwandtschaft zwischen amerikafeindlichen Ressentiments und dem Antisemitismus, und datiert die gefährliche Verbindung bereits Jahrzehnte vor dem Nationalsozialismus. »Der ideallose amerikanische Mensch wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein; heute kann man schon im gewissen Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen«, zitiert er aus einem Text des Germanisten Otto Ladendorf von 1906. »Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung.«
Die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Juden liefert zugleich den Stoff, aus dem Antisemiten weltweit in der Gegenwart ihre judenfeindlichen Legenden stricken. Wobei ihr Hass entweder ganz offen kommuniziert wird oder in Codes, also entweder direkt von »Jew York« und einer »Zionist Occupied Government« die Rede ist oder eben von der berühmten »Ostküste«, wo eine Gruppe Mächtiger die Strippen in der Hand halte.
Diese Negativbilder sind weder neu noch sonderlich originell. Dass ein Vierteljahrtausend nach der Erklärung der Unabhängigkeit die Zahlen antisemitischer Vorfälle eine neue Rekordhöhe erreicht haben und manche Stichwortgeber wie Tucker Carlson und Nick Fuentes sich in Milieus bewegen, aus denen US-Präsident Donald Trump seine Anhängerschaft rekrutiert, wirft einen Schatten auf das Jubiläumsjahr.