Italien

Ein Tempel für alle

Der Anblick ist so magisch schön und scheint gleichzeitig doch so unmöglich, dass man sofort Künstliche Intelligenz dahinter vermutet. Aber die Synagoge im hölzernen Schtetl-Stil schwebte tatsächlich über der Lagunenstadt Venedig und dem Arsenale der 61. Biennale. Sanft schwankend und von innen heraus leuchtend stand sie über den Dingen. Und dem Betrachter schwirrt der Kopf vor lauter Interpretationsmöglichkeiten in Zeiten, da viele Menschen sich des Bodens unter ihren Füßen nicht mehr sicher sind: von der religiösen Lesart einer Brücke zwischen Erde und Himmel bis zum zynisch-popkulturellen Mittelfinger gegen die internationale Kunstausstellung, die in den vergangenen Jahren zu einem Hotspot der anti-israelischen und antijüdischen Denkarten wurde.

Natürlich drängt sich René Magrittes Gemälde »Pyrenäenschloss« sofort auf, von dem die schwebende Kunst inspiriert ist und das im Israel-Museum in Jerusalem hängt. Ebenso das Motiv des entwurzelten, wandernden Juden, die Diaspora, Heinrich Heines »Tragbares Vaterland«, die Synagoge als Versammlungsort in der Fremde, oder einfach der Traum, dass dieser fliegende, unerreichbare Tempel ein Ort der ewigen Sicherheit ist.

Ukrainisch und russisch

»Nabatele« heißt die beeindruckende Installation von Anna Kamyshan. Ein Kunstwort aus dem sowohl russischen als auch ukrainischen »nabat«, das für Alarm oder Warnung steht, und dem jiddischen Diminutiv »-ele«. Eine kleine, niedliche Warnung? Der Kanarienvogel in der Mine? Also vielleicht doch eine fliegende Synagoge, um eine beängstigende Welt hinter sich zu lassen?

Fragt man die Künstlerin, ist der zwölf Meter hohe und rund 100 Kilo schwere Helium-gefüllte Doppelmembran-Ballon, der in eine Höhe von bis zu 25 Metern steigen kann, Ausdruck ihres ganz persönlichen Ringens mit der eigenen Identität. Sie habe versucht, ihre »Lücken mit Bedeutung zu füllen«, derer sie sich auf dem Karriereweg von ihrer Geburtsstadt Lwiw in der Ukraine nach Moskau, zurück in die Ukraine, nach Israel, nach London und New York bewusst geworden sei, sagt die junge Frau. Mal sei sie als »zu russisch«, mal als »zu ukrainisch« von ihrem Umfeld abgelehnt worden.

Sie habe sich nie zugehörig gefühlt, aber die ganze Zeit jüdisch. »In Israel dagegen war ich nicht jüdisch genug. Also beschloss ich, meine eigenen Wurzeln zu finden, mein Fundament.« Das sei der Kern von Nabatele, so Kamy­shan, die zwischen 2019 und 2021 als Direktorin für die konzeptuelle Entwicklung am Holocaust-Gedenkzentrum von Babyn Jar mitgearbeitet und 2021 in Kyjiw die Installation »Glimpse into the Past«, ein Kunstwerk im Gedenken an die Opfer der Schoa, präsentiert hat.

Nabatele erkunde »das Spannungsfeld zwischen Schwerkraft und Auftrieb, das sanfte Ringen um ein Dasein fern der eigenen Wurzeln«, führt die gelernte Architektin aus. »Ob die Struktur jemals Wurzeln oder ein Fundament besaß oder stattdessen immer frei über dem Boden schwebte; ob sie nach einem Ort zur Landung sucht oder ihre luftige Autonomie vorzieht – diese Fragen bleiben ein Rätsel.« Und dass die fliegende Synagoge von innen heraus leuchtet, ist die ganz persönliche »Ner tamid« der Künstlerin: »Das ewige Licht aus den Fenstern der Synagoge symbolisiert für mich die innere Flamme, die durch keinerlei Turbulenzen erlischt und selbst in der Instabilität Bestand hat.«

Das Kunstprojekt »Yiddishland« hat geholfen

Doch waren es Turbulenzen, die Nabatele bald nach der Premiere am 16. Juli wieder zur Landung zwangen. Ein heftiger Wetterumschwung mit Regen und Sturm über der Lagune beschädigte den Ballon. Seitdem sind Kamyshan und ihr Team, allen voran der Ingenieur Christopher Hornzee-Jones, dabei, die Schwebetüchtigkeit wiederherzustellen. »Jeder Teil dieses Riesenprojekts war ein Experiment, eine laufende Feldstudie. Es gab keine vorgefertigten Lösungen. Jede Herausforderung fordert Kreativität, Mut und einen endlosen Strom an neuen Ideen.«

Es war von Anfang an nicht einfach, Nabatele einen Platz auf der weltberühmten Kunstausstellung zu sichern. Allerdings lag das weniger an der politischen Ausrichtung des Festivals und der Kunstszene, die auch dieses Jahr mit Protesten und Streik Israels Ausschluss forderten, bis die Jury schließlich zurücktrat. Kamyshans Werk hatte vor allem mit Bürokratie und Logistik zu kämpfen. Die Biennale ist strikt nach Nationalstaaten sortiert. Um das zu umgehen, nutzte sie das seit 2022 existierende Kunstprojekt »Yiddishland«.

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»Yiddishland ist ein nicht-territoriales kulturelles Kontinuum, das durch Sprache, Erinnerung und Weitergabe und nicht durch Land oder Souveränität bewahrt wird. Nabatele verkörpert es, macht dessen diasporische Form der Zugehörigkeit greifbar und verleiht einem von Territorium losgelösten Volksbewusstsein Präsenz«, sagen die Nabatele-Kuratoren Maria Veits und Yevgeniy Fiks. Vereinfacht gesagt: ein Tempel für alle, sichtbar für alle.

Nabatele musste sich als sogenannte Begleitveranstaltung selbst finanzieren, läuft aber unter dem Dach der Biennale, wenn auch außerhalb der Giardini, wo die Länderpavillons stehen. Die entscheidende Unterstützung kommt vom Montreal Jewish Museum in Kanada, das sich um die Bewerbung und die Koordination kümmerte, und wo Nabatele am Ende seiner Reise ein festes Zuhause finden soll.

»Das ewige Licht ist für mich jene innere Flamme, die selbst in der Instabilität Bestand hat.«

Anna Kamyshan

Und schließlich die Logistik. Ein KI-generiertes Konzeptvideo in ein reales, fliegendes Objekt zu verwandeln, verlangte völlig neue ingenieurstechnische Antworten, um Meter und Meter fließender Membran zum Holz- und Stein-Design zu formen und abheben zu lassen. »Bei einem Experiment wie diesem geht jede einzelne Phase mindestens einmal schief«, sagt Kamyshan. »Deshalb konnten wir das Objekt immer noch nicht so fliegen lassen, wie es vorgesehen war: hoch über Venedig, von Weitem sichtbar.«

Aber das Großartige an Nabatele ist, dass der Zwischenstopp weniger ausmacht, als die Künstlerin wohl befürchtet. Denn die Idee, die Anna Kamyshan mit ihrem Projekt geboren hat, liegt nun in der Luft.

»Nabatele« ist bis zum 16. September auf der Biennale in Venedig zu sehen – im Arsenale Nord, Castello District.

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