Gabriel Zucman hatte keine Notizen mitgebracht, als er im Frühjahr in Paris vor dem Untersuchungsausschuss der französischen Nationalversammlung saß. Lediglich zwei Pappbecher mit Wasser standen vor dem Wirtschaftswissenschaftler, als die Abgeordneten ihn zur Vermögensbesteuerung befragten. Die Zahlen, die der 39-Jährige in den gut zwei Stunden nannte, kennt er aus dem Kopf. Denn Steuergerechtigkeit ist sein Lebensthema.
Gemeinsam mit seinem Doktorvater Thomas Piketty hatte er bereits 2013 ermittelt, wie das Privatvermögen in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen ist. In den 70er-Jahren belief es sich auf das Zweifache der jährlichen Wirtschaftsleistung. »Heute ist es das Fünffache«, referierte Zucman vor den Abgeordneten. Der jungenhaft wirkende Experte mit dem Drei-Tage-Bart erklärte, woher diese Anhäufung von Reichtum kommt: von einer Politik, die seit den 80er-Jahren nach und nach auf eine Besteuerung ihrer Superreichen verzichtet.
»Diese Katastrophe« soll nicht noch einmal passieren
Der Ökonom will das ändern. Und zwar mit einer nach ihm benannten Steuer: der »Taxe Zucman«. Gemeint ist die Besteuerung von Vermögen über 100 Millionen Euro mit zwei Prozent. Die umstrittene Reichensteuer soll nach seinen Berechnungen 20 Milliarden Euro in die klamme französische Staatskasse spülen. Dem Star unter den Wirtschaftswissenschaftlern geht es dabei vor allem um mehr Gerechtigkeit. »Der Vorschlag ist nicht radikal. Er stellt lediglich sicher, dass Milliardäre mindestens so verlässlich zum Gemeinwesen beitragen wie ein Lehrer oder eine Pflegekraft«, schrieb er im April in einem Gastbeitrag für den »Spiegel«. Denn bisher galten für die Superreichen effektiv niedrigere Steuersätze als für durchschnittliche Arbeitnehmer.
Der Sohn eines Ärztepaares wuchs selbst in wohlhabenden Verhältnissen auf. Er besuchte das renommierte Pariser Gymnasium Henri IV. und studierte danach Wirtschaftswissenschaften an der École Normale Supérieure (ENS). »Drei Essays über die Verteilung des Reichtums in der Welt« lautete der Titel seiner Doktorarbeit, die Piketty betreute. Sein Doktorvater hatte großen Einfluss auf den jungen Mann. Sein politisches Erweckungserlebnis hatte Zucman aber schon lange vor der Begegnung mit seinem berühmten Mentor. Als 15-Jähriger erlebte er 2002 mit, wie der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen überraschend in die Stichwahl kam. Der mehrfach wegen Rassismus und Antisemitismus verurteilte Politiker verlor dann zwar haushoch gegen den Konservativen Jacques Chirac. Doch Zucman, Sohn eines jüdischen Vaters, schwor sich damals, dass »diese Katastrophe« nicht noch einmal passieren solle.
Zucman warnt immer wieder davor, dass die Konzentration von viel Geld in wenigen Händen den gesellschaftlichen Zusammenhalt untergräbt. In Frankreich ist das Vermögen der Superreichen laut der Zeitschrift »Forbes« besonders groß: Während es weltweit rund 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, sind es in Frankreich knapp 30 Prozent. Ihre Gewinne platzieren die Milliardäre häufig in Firmenholdings, wo sie der Einkommenssteuer entgehen. Diese Holdings will Zucman nun – ähnlich wie in den USA – besteuern lassen.
»Die Konzentration von viel Geld in wenigen Händen untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.«
Gabriel Zucman
Kein Wunder also, dass seine Ideen beim französischen Geldadel auf massiven Widerstand stoßen. Einen besonders heftigen Schlagabtausch lieferte er sich mit Bernard Arnault, dem reichsten Mann Europas mit einem geschätzten Vermögen von rund 170 Milliarden Euro. Der Besitzer des Luxuskonzerns LVMH beschimpfte Zucman als »Anhänger der extremen Linken«. Der Wissenschaftler warf Arnault daraufhin auf X »Verleumdung« vor.
Zucman, der neben einem französischen auch einen amerikanischen Pass besitzt, gehört keiner Partei an. Allerdings finden seine Forderungen im linken Lager großes Echo. Die Sozialisten zogen ihn im Herbst zu Rate, um einen Gegenentwurf zum Haushalt der Mitte-Regierung unter Sébastien Lecornu auszuarbeiten. Die Linksaußen-Partei La France Insoumise (LFI) verpflichtete ihn als Redner für ihre internationalen Wirtschaftstage.
Gelobt und umstritten
Der verheiratete Vater von drei Kindern lehrte von 2013 bis 2023 an der Elite-Universität Berkeley in Kalifornien. Dann kehrte er nach Frankreich zurück und lehrt nun an der Paris School of Economics und seiner alten Hochschule, der ENS. Außerdem leitet er die von der EU finanzierte Beobachtungsstelle für Steuergerechtigkeit, die Vorschläge für eine gerechtere Besteuerung entwickelt. Im US-Vorwahlkampf 2020 beriet er die Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders vom linken Flügel der Demokraten. 2024 arbeitete er für die brasilianische G-20-Präsidentschaft ein Konzept aus, wie seine Steuerpläne international umgesetzt werden könnten.
Trotz seines beeindruckenden Lebenslaufs und zahlreicher Buchveröffentlichungen sind seine Theorien unter Experten umstritten. So zweifelt sein Kollege Philippe Aghion die Summe von 20 Milliarden Euro an, die durch die Zucman-Steuer in die Staatskasse kommen soll. Der französische Wirtschaftsnobelpreisträger geht eher von fünf Milliarden aus. Aghion warnt auch davor, dass eine Reichensteuer französische Unternehmer wie den KI-Pionier Arthur Mensch ins Ausland abwandern lassen würde.
Sieben andere Nobelpreisträger unterstützen dagegen Zucmans Pläne, die »alle Formen der Steueroptimierung« adressierten, wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman und fünf weitere im vergangenen Jahr in »Le Monde« schrieben. Der Text erschien zu einer Zeit, als die »Taxe Zucman« in der Nationalversammlung heiß debattiert wurde. Die Abgeordneten hatten den Plänen des Wirtschaftswissenschaftlers im Frühjahr zunächst zugestimmt, sie dann aber im Herbst doch abgelehnt.
Danach wurde es erst einmal ruhiger um Zucman. Seine Ideen dürften allerdings vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr erneut auf den Tisch kommen. Immerhin unterstützen 86 Prozent der Französinnen und Franzosen die Zucman-Steuer. Auf neue Debatten scheint der Wirtschaftswissenschaftler bestens vorbereitet. Die kritischen Fragen im Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung meisterte er souverän.