Es ist Dienstag kurz nach Feierabend. In Zürich-Enge pulsiert der Pendlerstrom. Wer zum Zug oder zur Tram eilt, geht seinen gewohnten Weg. Jom Kippur ist noch keine 24 Stunden vorbei und sitzt dem einen oder der anderen vielleicht noch in den Knochen. Aber im Judentum ist bekanntlich nach dem Feiertag vor dem Feiertag. Sukkot wartet. Auf der Straße ist von alldem kaum etwas zu merken. Die Hohen Jüdischen Feiertage hängen hier nicht in der Luft wie Weihnachten. Wir sind nicht in New York oder in Israel.
Nur an Sukkot ist es doch ein wenig anders. Wer mit aufmerksamem Blick durch die Stadt geht, dem fallen die kleinen und großen Laubhütten in Wiedikon, Wollishofen oder in der Enge auf. Das sind die Viertel Zürichs, die einen höheren jüdischen Bevölkerungsanteil haben, um nicht zu sagen, es sind die jüdischen Quartiere der Limmatstadt. Die Sukkot (Hebräisch für Laubhütten) stehen auf kleinen Balkonen, über die kein Dach ragt, sie stehen im Garten oder in unscheinbaren Hinterhöfen.
Warmes Licht und Girlanden
Unweit vom Bahnhof Enge, wo die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) - nicht nur die größte jüdische Gemeinde Zürichs, sondern auch die größte jüdische Gemeinde der Schweiz - ihr Gemeindezentrum hat, gibt es einen großen Parkplatz. Einmal an den Autos vorbeigegangen, steht man plötzlich vor einer Laubhütte. Groß wirkt sie in der Dämmerung und einladend. Das liegt wohl am warmen Licht und dem leichten Knoblauchgeruch, den Girlanden und den Kinderzeichnungen, die an den Holzwänden hängen. Vielleicht liegt es aber auch einfach an der einladenden Geste.
Noch ist zwar nicht Sukkot, aber die ICZ hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Als gemütliches Beisammensein wurde der Abend ausgeschrieben. Etwas mehr als ein Dutzend Leute sind gekommen, und in den kommenden zwei Stunden tauchen sie für einen Moment ein in die jüdische Welt, die unmittelbar vor ihrer Haustür liegt und manchem bisher vielleicht etwas fern schien.
Lily Nordmann, Co-Verantwortliche für den interreligiösen Dialog, serviert selbstgemachten Hummus, Michael Fichmann, der Geschäftsführer der Gemeinde, toastet Pita-Brote. Noch sind die Gäste etwas still. Das mag aber auch an der helvetischen Zurückhaltung liegen. Schließlich bricht eine junge Frau das Schweigen, die gegenüber dem Gemeindezentrum arbeitet. Sie will wissen, warum das Dach dieser Hütte offen sei und was genau darin gemacht werde. Der Geschäftsführer erklärt ihr, dass man während des siebentägigen Festes möglichst viel Zeit mit Essen und Feiern in der Hütte verbringe. Manche Jüdinnen und Juden würden sogar darin schlafen, »aber das ist bei uns mit einem größeren Wetterrisiko verbunden. Am nächsten Morgen kann natürlich alles nass sein«.
Aber offenbar kennt die Frau mit dem starken Ostschweizer Akzent Deborah Feldman nicht.
Dann will ein Mann mittleren Alters, ob das Restaurant der Gemeinde öffentlich sei. »Natürlich«, sagt Fichmann. Aber man müsse sich eben der Sicherheitskontrolle unterziehen. Es sei ein fleischiges Restaurant, der Cappuccino nach dem Essen werde daher mit Hafermilch serviert, ergänzt Nordmann, die auch regelmäßig Synagogenführungen leitet.
Dann wird über den Unterschied von milchiger und fleischiger Küche gesprochen, und ob es eine Website des Restaurants gebe. Handys werden gezückt, die Speisekarte gecheckt. In dieser Ecke gebe es nicht viele Restaurants, sagt der Mann. Er würde das Lokal gern einmal ausprobieren. Ob es denn schon immer hier gewesen sei? »Ja«, sagt Fichmann. Dem Berner, der seit mehr als 30 Jahren in Zürich lebt, ist das offenbar entgangen.
Ein Zimmer bei älterer jüdischen Frau gemietet
Die kleine Runde wird langsam etwas fragefreudiger: Ob auch die Bibliothek öffentlich zugänglich sei, ob es verschiedene jüdische Gemeinden in Zürich gebe, wie sehr die Jüdinnen und Juden in Zürich miteinander vernetzt seien, was der Schmuck in der Sukka zu bedeuten habe, und was denn in der ICZ alles stattfinde. Nordmann und Fichmann setzen an zu erklären: Die Bibliothek ist an die nationale Rechercheplattform für wissenschaftliche Bibliotheken in der Schweiz angebunden, sie beinhalte unter anderem die sogenannte Breslauer Sammlung. Das sei Hannah Arendt zu verdanken. Der Name ist den Leuten offenbar unbekannt, nur eine Frau kennt die Philosophin und Autorin. Sie ist es auch, die in hebräischer Schrift die Worte »Schana towa« auf einem der Wandbilder lesen kann. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Pfarrerin handelt, die bereits am Gymnasium Hebräisch lernte. Sie erklärt auch dem Architekten, der ihr gegenübersitzt, was Klezmer-Musik ist.
Das Gespräch nimmt Fahrt auf. Man spricht über Jiddisch. »Stimmt, das hört man ja auch im Film von ›Wolkenbruch‹«, sagt jemand. Das Buch habe sie gelesen, sagt die Frau aus dem Büro gegenüber. Der Berner, der im Filmverleih arbeitet, sagt, er habe einmal bei einer Frau Bloch gewohnt. »Als junger Mann hatte ich kaum Geld und brauchte ein Zimmer. Die Frau Bloch hatte oft über Religion erzählt, das war superspannend«, erinnert er sich. Man spricht über Kopfbedeckungen und Perücken im Judentum. »Stimmt es, dass sich die Frauen darunter die Haare abrasieren?«, will eine junge Frau wissen. Es sei nicht zwingend so wie in der Serie »Unorthodox«, sagt Nordmann. Aber offenbar kennt die Frau mit dem starken Ostschweizer Akzent Deborah Feldman nicht.
Heikle Themen werden kaum angesprochen
Man diskutiert weiter, auch über die Frage, ob eine jüdische Frau attraktiv sein darf, trotz oder mit Scheitel. Und warum Pelzhüte getragen werden. Und warum man anhand von Äußerlichkeiten einstufen könne, wie religiös jemand sei. Die Leute am Tisch verstehen und verstehen nicht. In Berlin sei es gerade zu einer heftigen antisemitischen Attacke gekommen, weil eine Person einen Davidstern getragen habe, sagt die Pfarrerin. Die anderen nicken verhalten.
Zuerst will man die heiklen Themen nicht ansprechen. Aber dann will der Architekt doch wissen, wie das jetzt mit dem Antisemitismus ist. Nordmann berichtet ihm von der Situation in der Schweiz. Ihr Vater, ein Holocaust-Überlebender, habe stets gesagt: »Solange wir von den Behörden geschützt werden, dürfen wir uns sicher fühlen.« Danach sorgt die Frage, ob der Hummus viel Knoblauch enthalte, bei manchem fast für Erleichterung.
Dann geht es wieder ums Essen, und auch die Letzten trauen sich, Fragen zu stellen. Was der Unterschied zwischen koscherem und nichtkoscherem Brot sei, warum Veganer die koschere Bäckerei so mögen, warum praktisch keine Fertigprodukte auf der Koscherliste zu finden seien (»Schon klar, bei all dem was dort drinnen ist!«). Eine Mexikanerin am Tisch erinnert sich dann an ihre Heimat, wo in den Supermärkten ganze Regale voll mit koschererem Essen gewesen seien. Es wird noch eine Weile geplaudert, das Essen verbindet, der letzte Hummus wird mit Pita aufgeputzt. Irgendwann blickt man auf die Uhr, es sei langsam Zeit, nach Hause zu gehen.
Die Leute verabschieden und bedanken sich. Eine schöne Idee sei das gewesen, man komme gern wieder. So löst sich die Runde auf. Zurück bleiben leere Teller, ein paar offene Fragen – und die Erkenntnis, dass sich manche Dinge vielleicht leichter besprechen lassen, wenn man dabei gemeinsam Hummus mit viel Knoblauch isst.