Das Judentum kennt drei Wallfahrtsfeste. Dreimal im Jahr pilgerten die Israeliten zum Tempel nach Jerusalem: an Pessach, Schawuot und Sukkot. Die Rabbinen, die den Gebetstext der Amida prägten, gaben jedem dieser Feste eine eigene geistige Überschrift. Pessach ist die »Zeit unserer Freiheit«, Schawuot die »Zeit der Gabe unserer Tora« und Sukkot die »Zeit unserer Freude«, Zman Simchateinu.
Doch was bedeutet Simcha? Das Wort lässt sich mit Freude übersetzen, kann aber auch einen tieferen Zustand des Glücks bezeichnen. Freude entsteht oft durch etwas Äußeres: ein gutes Essen, eine erfreuliche Nachricht, einen gelungenen Tag. Glück im tieferen Sinn beschreibt dagegen einen Zustand innerer Ruhe, eine Energie, die nicht vollständig von äußeren Umständen abhängt.
Warum ist gerade Sukkot die »Zeit unserer Freude«?
Bei Pessach und Schawuot erschließen sich die Bezeichnungen unmittelbar. An Pessach erinnern wir uns an den Auszug aus der ägyptischen Sklaverei, an Schawuot an die Gabe der Tora am Sinai. Warum aber ist gerade Sukkot die »Zeit unserer Freude«?
Die Tora selbst gibt darauf eine erste Antwort. Im 3. Buch Mose heißt es über Sukkot, man solle »sieben Tage fröhlich sein vor dem Ewigen, eurem G’tt« (3. Buch Mose 23). Im 5. Buch Mose wird die Formulierung noch stärker: »Der Ewige, dein G’tt, wird dich segnen in deiner ganzen Ernte und in allen Werken deiner Hände, und du sollst nur fröhlich sein« (5. Buch Mose 16).
Auf der einfachen Ebene ist diese Freude leicht zu verstehen. Die Ernte ist eingebracht, die Speicher sind gefüllt, die Mühe des Jahres trägt Früchte. Aus materiellem Segen entsteht Freude. Auch der Rambam fasst die Festfreude zunächst sehr konkret. Kindern gibt man Süßigkeiten und Nüsse, Frauen schöne Kleidung und Schmuck nach den eigenen Möglichkeiten, Männer essen Fleisch und trinken Wein. Doch die Freude bleibt nicht privat. Wer mit seiner Familie feiert, aber den Fremden, die Witwe, die Waise und den Armen ausschließt, so der Rambam, feiert nicht die Freude einer Mizwa, sondern nur »die Freude seines Bauches« (Mischneh Tora, Hilchot Schvitat Jom Tov 6,18).
Sukkot folgt unmittelbar auf die Tage der Umkehr und auf Jom Kippur.
Der Kotzker Rebbe führt den Gedanken auf eine andere Ebene. Simcha ist für ihn nicht nur Freude an dem, was wir besitzen, sondern eine geistige Freude, die aus innerer Reinigung entsteht, denn schon König David sagte: »Kein Frieden ist in meinen Gebeinen wegen meiner Sünde« (Psalm 38,4).
Die Sukka wird zum Bild der göttlichen Gegenwart
Gerade deshalb erhält Sukkot seinen besonderen Platz im Kalender. Es folgt unmittelbar auf die Tage der Umkehr und auf Jom Kippur. Nach Selichot, Rosch Haschana, den Zehn Tagen der Umkehr und Jom Kippur tritt der Mensch, zumindest idealerweise, spirituell gereinigt in das Fest ein. Die Sukka wird dabei zum Bild der göttlichen Gegenwart, in deren Schutz der Mensch für einige Tage wohnt. Die Freude über die Ernte und das Fest kann so zu etwas Tieferem werden: zur Freude über Gottesnähe.
Beide Verständnisse widersprechen einander nicht. Die Halacha beschreibt, wie Freude Gestalt annimmt. Der Chassidismus fragt, was im Inneren des Menschen geschehen soll. Kaum jemand hat die Bedeutung der Simcha so stark betont wie Rabbi Nachman von Breslov. Von ihm stammt der berühmte Satz: »Mizwa gedola lihjot beSimcha tamid«, es ist eine große Mizwa, immer in Freude zu sein. Passenderweise hieß sein Vater Simcha, sodass er als Nachman ben Simcha (Sohn der Freude) zur Tora aufgerufen wurde. Auch seine Jahrzeit, der 18. Tischri, fällt auf Chol Hamoed Sukkot.
In Likutey Moharan II,24 schreibt Rabbi Nachman, dass der Mensch leicht in Traurigkeit und Schwermut fällt, weil Sorgen und Aufgaben niemals ganz verschwinden. Deshalb müsse man der Traurigkeit aktiv etwas entgegensetzen. Manchmal durch einen Witz, durch Tanz oder dadurch, dass man sich bewusst aufrichtet.
Äußere Freude kann den Menschen aus seiner Enge lösen
Äußere Freude kann den Menschen aus seiner Enge lösen. Die tiefere Simcha entsteht dort, wo Vertrauen wächst. Im folgenden Abschnitt, Likutey Moharan II,25, verbindet Rabbi Nachman diese innere Stabilität mit dem beständigen persönlichen Gebet.
Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis von Sukkot. Wir verlassen das feste Haus und ziehen in eine fragile Hütte. Äußerlich besitzen wir weniger Schutz. Und dennoch nennt die Tradition gerade dieses Fest Zman Simchateinu. Wahre Simcha beginnt möglicherweise dort, wo Sicherheit nicht mehr nur aus vollen Speichern kommt, sondern aus dem Gefühl, auch unter einem dünnen Dach geschützt zu sein.