Elieser wird auf Brautschau geschickt. Besonders viel an Informationen hat ihm Awraham, sein Herr, nicht mit auf den Weg gegeben. Lediglich, dass es kein Mädchen aus Kena’an sein darf, sondern die Braut soll aus der erweiterten Familie von Awraham oder doch zumindest aus dem dortigen Stammesgebiet sein. Und sie muss bereit sein, ihre Familie und ihr Heimatland zu verlassen, um Jizchak zu heiraten. Das ist Awraham so wichtig, dass er es seinen getreuen Aufseher Elieser bei seiner Lebenskraft schwören lässt.
Unwillkürlich denken wir daran, wie einst Sara ihr Heimatland verließ, zusammen mit Awraham, der Verheißung folgend, die an ihren Ehemann ergangen war. Nein, ein Zurück kann es nicht geben. Aber damit die Verheißung von den zahlreichen Nachkommen auch wahr werden kann, gilt es nun, eine passende Frau für Jizchak zu finden.
Elieser kennt den jungen Mann und seine Wesenszüge sehr genau
Elieser macht sich auf den Weg. Und während die Karawane mit zehn reich beladenen Kamelen gen Haran zieht, wird er sich Gedanken gemacht haben, wie er die Richtige für Jizchak finden soll. Er kennt den jungen Mann und seine Wesenszüge sehr genau, denn Elieser war schon Verwalter von Awrahams Haus, als der verheißene Erbe noch nicht einmal geboren war. Gleichzeitig weiß er, welche Aufgaben auf die Frau dieses Erben und künftige Herrin des Haushalts zukommen. Awrahams Vertrauen in Eliesers Brautwahl ist also sicher gerechtfertigt.
Am Ziel angekommen, stellt Elieser sich an den Brunnen, am Abend, zu der Zeit, wenn die Frauen und Mädchen dorthin kommen, um Wasser zu schöpfen. Er schickt ein Gebet zum Ewigen und bittet Ihn um ein Zeichen. Es soll vor allem ein freundliches und hilfsbereites Mädchen sein. Das will er daran erkennen, dass sie ihm, einem Fremden, zu trinken gibt. In dem Moment kommt Riwka, die Tochter von Awrahams Neffen Betu’el, mit ihrem Krug zum Brunnen. Elieser spricht sie an, und tatsächlich gibt sie ihm bereitwillig Wasser aus ihrem Krug, um seinen Durst zu löschen, und unaufgefordert schöpft sie auch noch Wasser für die Kamele. Elieser ist erstaunt, auf welche Weise der Ewige sein Gebet erhört hat, nämlich noch viel umfassender, als von Elieser erbeten.
Riwka sichert dem fremden Mann und seinen Begleitern ein Quartier im Haus ihres Vaters zu
Wer das Mädchen ist, wird Elieser zwar erst ein wenig später erfahren. Was er aber jetzt schon erkennen kann, ist vor allem, dass Riwka nicht nur sehr schön und zudem freundlich ist. Sie ist umsichtig und weiß, was zu tun ist, denn sie tränkt auch gleich seine zehn Kamele. Nun kann ein Kamel innerhalb kürzester Zeit eine unglaubliche Menge an Wasser trinken. Wie viel Wasser mag Riwkas Krug gefasst haben, und wie oft musste sie mit dem vollen Tonkrug vom Brunnen zur Tränke laufen? Sie ist also ganz offensichtlich ein fleißiges und vermutlich auch kräftiges Mädchen. Riwka sichert dem fremden Mann und seinen Begleitern mitsamt den zehn Kamelen zudem ein Quartier im Haus ihres Vaters zu. All das lässt vermuten, dass sie aus einer wohlhabenden Familie stammt.
Es stellt sich heraus, dass die Familie des Mädchens mit Awraham verwandt ist. Sicherlich ist Elieser sehr glücklich über diese Entwicklung. Jetzt muss er nur noch Riwkas Vater dazu bringen, sie ihm für den Sohn seines Herrn als Braut zu geben. Nachdem Elieser sein Anliegen vorgebracht und auch von dem Zeichen berichtet hat, das er sich vom Ewigen erbeten hatte, stimmen Riwkas Bruder Lawan und ihr Vater Betu’el sofort zu, fast drängend. Wenn der Ewige das so beschieden hat, können wir doch gar nicht anders, als dieser Brautwerbung zuzustimmen. Schau, da ist das Mädchen, nimm sie gleich mit.
An dieser Stelle wird Lawan noch vor seinem Vater Betu’el genannt – das mag uns zu denken geben. Lawan sah die vielen Kamele und den wertvollen Schmuck, den dieser fremde Mann als Geschenk und wohl auch als Brautpreis mitgebracht hat. Ist es Habgier, die seine Worte beeinflusst? Hat er dem Vater in der Sache zugeredet?
Als Elieser aufbrechen will, sprechen Riwkas Mutter und Lawan ihn noch einmal an.
Es ist immerhin ein weiter Weg, der das Mädchen von seiner Familie trennen wird
Lawan wird erneut zuerst genannt, aber nicht mit Namen, sondern als Riwkas Bruder. Und die Worte, merklich emotionaler als die von Bruder und Vater, stammen wohl eher von der Mutter als vom berechnenden Bruder. Denn geht es darum, dass Riwka doch noch so jung ist, kann sie denn nicht noch ein Jahr oder wenigstens zehn Monate zu Hause bleiben? Es ist immerhin ein weiter Weg, der das Mädchen von seiner Familie trennen wird; eine Karawane braucht zu jener Zeit mit gutem Glück etwa einen Monat, um die Entfernung zurückzulegen. Aber Elieser hat es eilig. Vielleicht weiß er, dass Awraham vorhat, nach der Verheiratung seines Sohnes eigene Wege zu gehen und Ketura zur Frau zu nehmen.
So heißt es auch im Midrasch Rabba in Bezug auf Awraham, dass ein Vater, der erwachsene Kinder habe, erst diese verheiraten solle, bevor er sich selbst wieder eine Frau nimmt.
Sicherheit Und nun – endlich! – fragt man Riwka selbst, ob sie mit diesem Mann mitgehen will. Sie sagt nur ein Wort, mit einer erstaunlichen Sicherheit: Elech – ich will gehen. Sie wird nicht allein gehen, sondern mit ihrer Amme und mit eigenen Dienerinnen, und doch lässt sie so vieles zurück, wie einst Sara. Obwohl sie einer nicht ganz so ungewissen Zukunft entgegengeht wie damals ihre Schwiegermutter, erfordert die Entscheidung doch reichlich Mut und Zuversicht von Riwka.
Als sie Jizchak, ihren künftigen Ehemann, zum ersten Mal sieht, verhüllt sie sich mit ihrem Schleier
Als sie Jizchak, ihren künftigen Ehemann, zum ersten Mal sieht, lässt sie sich vom Kamel hinabgleiten und verhüllt sich mit ihrem Schleier. Eine Geste von Zniut, oder ein ganz privater Moment des Innehaltens, um diesen fremden Mann, mit dem sie von nun an leben wird, durch den Schutz des Schleiers erst einmal genau zu betrachten?
Jizchak tröstet sich durch Riwka über den Tod seiner Mutter hinweg. Doch Riwka ist viel mehr als ein Mutter-Ersatz. Sie ist genau die richtige Frau, um die Generationenkette weiterzuführen, so hat der Ewige selbst es gefügt. Und sie wird es selbstbewusst und auf ihre eigene Weise tun. Darin zeigt sich, dass die Verheißungen des Ewigen und Seine Wege nicht allein durch Männer erfüllt werden, sondern auch durch Frauen.
Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
inhalt
Der Wochenabschnitt Chaje Sara beginnt mit Saras Tod und dem Kauf der Grabstätte »Mearat Hamachpela« durch Awraham. Dieser Kauf wird sehr ausführlich geschildert. Später beauftragt Awraham den Knecht Elieser, für seinen Sohn eine passende Frau zu suchen. Er findet in Riwka die richtige Partnerin für Jizchak. Auch Awraham bleibt nicht allein: Er heiratet eine Frau namens Ketura. Schließlich stirbt er und wird in der Höhle begraben, in der auch Sara beigesetzt ist.
1. Buch Mose 23,1 – 25,18