Wie kann das egalitäre Judentum seinen Traditionen treu bleiben und zugleich den Herausforderungen der Gegenwart begegnen? Der rabbinische Leiter des Abraham J. Heschel Seminars beleuchtete in seinem Vortrag anlässlich der dritten Levinson Lecture der Nathan Peter Levinson Stiftung am 4. November in der jüdischen Gemeinde Potsdam die Errungenschaften des egalitären Judentums und entwarf Perspektiven für dessen Zukunft. Hier dokumentieren wir seinen Vortrag.
Ich bin in den Staaten in einer Zeit des liberalen Optimismus erwachsen geworden, als die Demokratie auf dem Vormarsch zu sein schien, der Kalte Krieg seinem Ende entgegenging und die US-Amerikaner über politische Gegensätze hinweg ein weitreichendes Bekenntnis zu individueller Freiheit, Gleichheit und demokratischen Institutionen teilten. Rassismus, Sexismus, Homophobie und Autoritarismus schienen angesichts einer wachsenden Anerkennung der Menschenwürde auf dem Rückzug zu sein. Heute sind diese Gewissheiten erschüttert, denn autoritäre Bewegungen sowohl von rechts als auch von links bedrohen den liberalen Konsens.
Auch mein eigener jüdischer Weg hat Grenzen überschritten, allerdings mit einem hoffnungsvolleren Ergebnis. Aufgewachsen in einer Reformsynagoge in San Francisco, begeisterten mich die erhabenen Gottesdienste und das leidenschaftliche Engagement für soziale Gerechtigkeit. Während meines Studiums entdeckte ich die spirituelle Intensität, die konsequente religiöse Praxis und den intellektuellen Ernst einer konservativen Gemeinde. Als ich später am Hebrew Union College promovierte, fand ich Inspiration bei Solomon Schechter, Mordecai Kaplan, Harold Schulweis und Alfred North Whitehead. Ich bin nach wie vor ein überzeugter klassischer Liberaler, fühle mich im konservativen/Masorti-Judentum zutiefst zu Hause und bin zugleich offen für die ganze Vielfalt jüdischer Religiosität. Wie Schechter erklärte: »Nichts Jüdisches ist mir fremd.«
Die Erfolge des Liberalismus
Um die Errungenschaften und die Zukunft des egalitären Judentums zu verstehen, müssen wir zunächst den klassischen Liberalismus würdigen, einen der größten Beiträge der Moderne zum menschlichen Wohlergehen.
Der Liberalismus bekräftigt, dass jeder Mensch eine ihm innewohnende Würde und einen eigenen Wert besitzt, unabhängig von staatlicher Anerkennung, gesellschaftlichem Status oder gemeinschaftlicher Zugehörigkeit. Politische Herrschaft leitet ihre Legitimität aus der Zustimmung der Regierten ab. Individuelle Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewissens- und Meinungsfreiheit sowie der Schutz vor der Tyrannei der Mehrheit ergeben sich aus diesem grundlegenden Bekenntnis.
Das liberale Judentum betonte wieder den ethischen Kern der Religion.
Dabei erkennt der Liberalismus die wesentliche Rolle freiwilliger Zusammenschlüsse bei der Förderung von Zugehörigkeit, gegenseitiger Verantwortung und moralischer Haltung an. Wie Rabbiner Simon Greenberg bemerkte, schützt der Staat zwar Leben und Freiheit, doch Religion und andere freiwillige Zusammenschlüsse helfen den Menschen bei ihrem Streben nach Glück.
Der Liberalismus verbindet somit universelle Prinzipien mit dem Respekt vor individueller Einzigartigkeit und kultureller Vielfalt. Er würdigt die Weisheit der Vergangenheit und ist zugleich offen für die Möglichkeiten der Zukunft. Das Judentum hat stets eine bemerkenswerte Fähigkeit bewiesen, die Weisheit, Kreativität und intellektuellen Errungenschaften der umgebenden Zivilisationen aufzunehmen, ohne seine Verpflichtungen aus dem Bund aufzugeben.
Die modernen jüdischen Strömungen
Das hellenistische, rabbinische, karäische, aschkenasische und sefardische Judentum sind jeweils aus der Begegnung zwischen überlieferter Tradition und sich wandelnden historischen Umständen hervorgegangen. Die modernen jüdischen Strömungen setzten diesen schöpferischen Prozess fort. Samson Raphael Hirsch, Abraham Geiger, Zacharias Frankel und Solomon Schechter entwickelten unterschiedliche Antworten auf die Herausforderungen und Chancen der liberalen Moderne.
Orthodoxie, Reformjudentum und konservatives Judentum unterschieden sich in ihren theologischen Grundannahmen, doch alle strebten danach, ein lebendiges Judentum an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Sie alle setzten sich mit den beispiellosen neuen Gegebenheiten individueller Entscheidungsfreiheit, gleichberechtigter Staatsbürgerschaft und der Teilhabe an einer umfassenderen Gesellschaft auseinander.
Ihre gemeinsame Herausforderung bleibt auch die unsere: den Reichtum jüdischer Gemeinschaft zu bewahren und sich zugleich mit den universellen Bestrebungen der Menschheit auseinanderzusetzen.
Die bedeutendste Errungenschaft des liberalen Judentums besteht darin, den ethischen Kern des Judentums wieder in den Mittelpunkt des religiösen Lebens gerückt zu haben. Bereits die hebräischen Propheten forderten Gerechtigkeit, Mitgefühl und den Schutz der Schwachen, während das rabbinische Recht detaillierte Verpflichtungen hinsichtlich Wohltätigkeit, Gastfreundschaft, der Speisung Hungernder, der Fürsorge für Tiere, des Strebens nach Frieden und der Begrenzung von Machtausübung festlegte. Das liberale Judentum erneuerte die zentrale Bedeutung dieser Verpflichtungen und verstand die Einhaltung religiöser Gebote, das Studium und die gemeinschaftliche Praxis als Mittel zur Gestaltung eines ethischen Lebens.
Zu seinen herausragenden Errungenschaften gehört die Veränderung des jüdischen Lebens durch die Gleichstellung der Geschlechter und die Inklusion. Liberale jüdische Gemeinden leisteten Pionierarbeit bei der Erweiterung der Möglichkeiten für Frauen und LGBTQ-Jüdinnen und -Juden innerhalb der Gemeinden. Die Neubetrachtung des jüdischen Rechts, der Liturgie und der institutionellen Strukturen unter dem Gesichtspunkt der Würde eines jeden Menschen hat die jüdische Gelehrsamkeit, den Gottesdienst und das Gemeindeleben bereichert. Obwohl diese Arbeit noch nicht abgeschlossen ist, reicht ihr Einfluss inzwischen bis in Teile der Orthodoxie, in denen sich erste Formen religiöser Führungsverantwortung von Frauen und inklusivere Ansätze im Umgang mit LGBTQ-Jüdinnen und -Juden herausgebildet haben.
In ähnlicher Weise hat das liberale Judentum die Verantwortung für die Umwelt stärker in den Vordergrund gerückt, indem es biblische und rabbinische Lehren über die Schöpfung, Selbstbeschränkung, die Bewahrung der Schöpfung und die moralischen Verpflichtungen der Menschheit gegenüber der natürlichen Welt wieder aufgegriffen hat.
Ebenso bedeutsam ist die Wiederbelebung jüdischer künstlerischer Kreativität und spiritueller Ausdrucksformen, durch die das liberale Judentum neue Zugänge zum Heiligen eröffnen konnte.
Herausforderungen von außergewöhnlicher Komplexität
Diese Errungenschaften zeigen, dass Treue zur Tradition keine Starrheit voraussetzt. Wir haben viel zu feiern, doch das Feiern darf nicht in Selbstzufriedenheit münden.
Denn unsere Generation steht vor Herausforderungen von außergewöhnlicher Komplexität. Die Gründung des Staates Israel erfüllte die jahrtausendealte jüdische Sehnsucht nach Selbstbestimmung und bot Zuflucht vor unablässiger Verfolgung.
Doch jüdische Souveränität bringt auch tiefgreifende moralische Verantwortung mit sich. Wie kann Israel seinen Platz unter den Nationen sichern und zugleich Demokratie, Gerechtigkeit und Bürgerrechte für alle Völker der Region verwirklichen? Wie können jüdische Gemeinden ihre Solidarität mit Israel stärken und gleichzeitig den ethischen Verpflichtungen treu bleiben, die dem jüdischen Volk seine tiefste Bedeutung verleihen? Wie können wir über Israel hinaus dauerhafte Bündnisse über ethnische, religiöse und kulturelle Unterschiede hinweg mit all jenen aufbauen, die unser Bekenntnis zu Freiheit, Pluralismus und Menschenwürde teilen? Wie können wir Freundschaft und Solidarität mit »Klal Jisrael«, der Gesamtheit des jüdischen Volkes, bewahren, selbst wenn manche innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft die Legitimität egalitärer jüdischer Identitäten und Institutionen ablehnen?
Nicht die Theorie, sondern das Handeln ist das Entscheidende.
Diese Fragen lassen sich weder durch Nostalgie noch durch Rückzug oder Verzweiflung beantworten. Die Tora gebietet: »Lo tuchal lehit’alem« – wir dürfen nicht gleichgültig bleiben. Wir müssen beharrlicher sein als unsere Gegner, widerstandsfähiger als diejenigen, die unsere Niederlage anstreben, und großzügiger in unserer Liebe, als andere in ihrem Hass entschlossen sind. Vor allem müssen wir eine neue Generation jüdischer Führungspersönlichkeiten ausbilden, deren Weisheit, Vorstellungskraft und Mut unser Volk weiterführen werden, als wir selbst sehen können. Wie Mosche, der auf ein verheißenes Land blickte, das er niemals betreten würde, besteht unsere Aufgabe darin, diejenigen vorzubereiten, die über uns hinausgehen und Möglichkeiten entdecken werden, die wir uns heute kaum vorstellen können.
Die Zukunft des egalitären Judentums hängt davon ab, dass es tief in der jüdischen Tradition verwurzelt bleibt und zugleich selbstbewusst die moralischen, intellektuellen und spirituellen Möglichkeiten einer sich entfaltenden Welt annimmt. Seine Verheißung liegt weder in der Assimilation noch im Rückzug, sondern in einem schöpferischen, urteilsfähigen Judentum, das die besonderen Verpflichtungen des Bundes mit einer universellen Verantwortung für die Menschen verbindet. Wie unsere Weisen uns erinnern: »HaSman katzar ve-HaMelacha meruba« – die Zeit ist kurz und die Aufgabe groß. Und »Lo HaMidrasch HaIkar, ela HaMa’aseh« – nicht die Theorie, sondern das Handeln ist das Entscheidende. Lasst uns die Ärmel hochkrempeln, unsere Tallitot anlegen und ans Werk gehen!
Rabbiner Bradley Shavit Artson war von Juli 2000 bis Mai 2026 Dekan der Ziegler School of Rabbinic Studies sowie Vizepräsident der American Jewish University in Los Angeles. Seine Veröffentlichungen und Vorträge befassen sich unter anderem mit Umweltethik, LGBTQ+-Rechten, rassistischer und wirtschaftlicher (Un)Gerechtigkeit, kulturellem und religiösem Dialog sowie einem gerechten und sicheren Frieden für Israel und den Nahen Osten. Sein besonderes Interesse gilt der Theologie, Ethik und Integration von Wissenschaft und Religion. 2011 gründete er das erste konservative/Masorti-Seminar in Europa seit dem Holocaust und ist heute dessen rabbinischer Leiter. Derzeit erscheint sein neues Buch »Judaism Beyond Belief: Wisdom for People who Simply Want to Thrive« (Monkfish Book Publishing).