»Lech Lecha«– zwei Worte, die eine ganze Welt öffnen. »Geh für dich« oder »Zieh fort für dich« (1. Buch Mose 12,1). Ein kurzer Appell, aber einer, der Awram und Sarai aus allem Vertrauten herausführt. Keine Wegbeschreibung, keine Sicherheit, nur ein Impuls, der das Leben zweier Menschen – und später eines ganzen Volkes – verändert.
Awram ist zu diesem Zeitpunkt kein junger Mann mehr – er ist 75 Jahre alt, und er sucht auch keine Abenteuer mehr. Er hat ein Zuhause, Besitz, ein soziales Netz, eine klare Rolle in seiner Gemeinschaft. Und auch Sarai steht mitten im Leben. Sie ist keine Randfigur, sondern eine Frau, die ebenfalls ihre vertraute Welt hinter sich lässt. Beide wissen, was sie zurücklassen. Was sie nicht wissen: Was vor ihnen liegt.
Ein Aufbruch beginnt selten dann, wenn alles geklärt ist
Genau darin liegt die Kraft dieser Parascha: Ein Aufbruch beginnt selten dann, wenn alles geklärt ist. Er beginnt oft dort, wo wir noch nicht wissen, was hinter der nächsten Kurve liegt.
So verlassen Awram und Sarai nicht nur geografisch ein Land. Sie verlassen eine Lebensform, die ihnen Halt gibt. Sie kennen die Menschen, die Regeln, die Sprache, die Wege. Sie wissen, wie man dort lebt. Mit dem Aufbruch verlieren sie zunächst diese Sicherheit.
Das rückt ihre Geschichte so nah an die der heutigen Juden heran. Jeder Neuanfang – ein Umzug, ein Berufswechsel, eine neue Beziehung, eine innere Entscheidung – bedeutet, etwas Vertrautes loszulassen. Selbst wenn der neue Weg verheißungsvoll wirkt, bleibt die Unsicherheit.
Awram geht dennoch. Nicht, weil er alle Informationen hat, sondern weil er Vertrauen hat, den Glauben an den Ewigen. Die Verheißung lautet nicht: »Du wirst sofort wissen, wohin du gehst.« Sie lautet: »Geh aus deinem Land, deiner Heimat und deines Vaters Haus, in das Land, das ich dir zeigen werde« (12,1).
Mut heißt nicht, keine Angst zu haben
Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotz der Angst zu gehen und seinen Weg zu finden.
Die Fragen, die Awram und Sarai sich stellen mussten, sind erstaunlich modern. Wer heute auswandert, kennt sie gut: Wie werde ich meinen Lebensunterhalt sichern?
Ein neues Land bringt Chancen, aber auch Risiken. Andere Arbeitsmärkte, andere Gesetze, andere Erwartungen. Awram und Sarai nehmen ihren Besitz mit (12,5), aber sie wissen nicht, ob er ihnen im neuen Land ausreichen wird. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Wer seine Heimat verlässt, verliert zunächst das vertraute Netz aus Familie, Freunden und Einrichtungen. Heute fragen wir: Wie funktioniert das Gesundheitssystem? Welche Rechte habe ich? Wer steht mir bei, wenn ich krank werde oder scheitere? Wie finde ich meinen Platz?
Ein neues Land bedeutet, sich neu einzufinden. Sprache, Kultur, soziale Codes – all das muss man erst einmal erlernen. Integration braucht Zeit und Geduld. Awram und Sarai kennen niemanden im neuen Land. Sie beginnen, wie auch heutige Auswanderer, bei Null. Und doch sind wir im Vorteil: Wir haben heute Möglichkeiten, die sie nicht hatten: Informationen, Netzwerke, staatliche Unterstützung. Aber die Grundfrage bleibt dieselbe: Habe ich genug Vertrauen, um den ersten Schritt zu machen?
Doch Gott verspricht Awram: »Ich will dich zu einem großen Volk machen, dich segnen, deinen Namen großmachen, und du sollst ein Segen sein« (12,2). Dieser Segen ist aber kein Geschenk für das Bleiben. Er ist an den Aufbruch gebunden, an einen aktiven Schritt, genau wie in der heutigen Zeit: Der Segen wirkt, wenn wir uns aktiv bemühen. Der Segen zeigt sich nicht, bevor Awram geht. Er zeigt sich, weil Awram geht.
Der Segen ist nicht die Garantie, dass alles glatt läuft
Das ist die tiefe Botschaft der Parascha: Manche Wege öffnen sich erst, wenn wir sie betreten. Der Segen ist nicht die Garantie, dass alles glatt läuft. Auch Awram und Sarai erleben Konflikte, Hunger, Angst, Enttäuschungen (12, 10–20). Der Segen bedeutet nicht, dass Schwierigkeiten verschwinden. Er bedeutet, dass im Aufbruch eine neue Möglichkeit liegt.
Wer sich bewegt, sieht die Welt anders. Wer losgeht, begegnet Menschen, Chancen und macht Erfahrungen, die im sicheren Stillstand unsichtbar bleiben. Der Segen liegt also nicht nur am Ziel. Er liegt im Mut, sich auf den Weg zu machen.
Jeder Mensch erlebt irgendwann sein eigenes persönliches »Lech Lecha«. Es muss kein geografischer Aufbruch sein. Manchmal ist es ein innerer: eine Entscheidung, eine Gewohnheit zu verändern, eine Angst loszulassen, ein altes Selbstbild zu verlassen.
Wir wünschen uns oft Sicherheit, bevor wir gehen. Wir möchten wissen, ob der neue Weg funktioniert. Doch das Leben gibt selten Garantien.
Awram und Sarai erinnern uns daran: Vertrauen heißt nicht, alle Antworten zu kennen. Vertrauen heißt, bereit zu sein, den ersten Schritt zu tun.
»Lech Lecha« ist deshalb mehr als eine historische Erzählung. Es ist eine Einladung: Habe den Mut, das Vertraute zu verlassen, wenn du spürst, dass dein Weg weiterführt. Vertraue darauf, dass Veränderung möglich ist. Und akzeptiere, dass Unsicherheit Teil jedes Anfangs und des Weges ist. Denn der Segen wartet nicht immer dort, wo wir stehen. Oft begegnet er uns erst, wenn wir losgehen.
Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).
inhalt
Der Wochenabschnitt Lech Lecha erzählt, wie Awram und Sarai ihre Heimatstadt Charan verlassen und nach Kena’an ziehen. Awrams ägyptische Magd Hagar schenkt ihm einen Sohn, Jischmael. Der Ewige schließt mit Awram einen Bund und gibt ihm einen neuen Namen: Awraham. Als Zeichen für den Bund soll von nun an jedes männliche Neugeborene am achten Lebenstag beschnitten werden.
1. Buch Mose 12,1 – 17,27