Vor einigen Jahren wurde ich Zeuge eines kleinen, aber denkwürdigen Streits zwischen einer Freundin und ihrem 15-jährigen Sohn Amir. Seine Mutter erklärte ihm gerade etwas, als er sie plötzlich mit einer ziemlich frechen und respektlosen Bemerkung unterbrach: »Was laberst du?!« Seine Mutter war sprachlos. Ich ebenfalls. Ich hatte Amir immer als einen nachdenklichen, liebevollen Jugendlichen erlebt, der seinen Eltern mit Freundlichkeit und Respekt begegnete.
Als ich mich kürzlich auf den Toraabschnitt »Ki Teze« vorbereitete, musste ich an diese Szene zurückdenken. Die Parascha enthält eines der verstörendsten Gesetze der Tora: das Gesetz vom »ben sorer uʼmoreh«, dem »widerspenstigen und aufrührerischen Sohn«.
Für einen kurzen Moment fragte ich mich – natürlich nur halb im Scherz –, ob Amir darunter gefallen wäre. Die Antwort lautet glücklicherweise: nein. Doch die Frage lohnt sich, denn sie zwingt uns, uns mit einer der schwierigsten Stellen der Tora auseinanderzusetzen.
Ki Teze enthält mehr Gebote als jede andere Parascha. Mitten in dieser Vielzahl von Vorschriften steht, fast verborgen, das Gesetz vom widerspenstigen Sohn: »Wenn jemand einen widerspenstigen und aufrührerischen Sohn hat, der nicht auf seinen Vater und seine Mutter hört und ihnen auch nach ihrer Zurechtweisung nicht gehorcht (…), dann sollen Vater und Mutter ihn zu den Ältesten der Stadt bringen … Und alle Männer seiner Stadt sollen ihn steinigen, sodass er stirbt«
(5. Buch Mose 21, 18–21).
Diese Verse wirken äußerst verstörend. Kann die Tora tatsächlich die Hinrichtung eines Jugendlichen verlangen, nur weil er sich seinen Eltern widersetzt? Was ist mit Teschuwa, der Möglichkeit der Umkehr, die doch im Herzen des Judentums steht? Und welche Verantwortung tragen die Eltern für das Kind, das sie selbst erzogen haben?
Eine ebenso überraschende Erklärung wie das Gesetz selbst
Raschi bietet unter Berufung auf den Midrasch Sifrei Devarim (220) eine ebenso überraschende Erklärung wie das Gesetz selbst. Der widerspenstige Sohn werde nicht für das bestraft, was er bereits getan habe, sondern für das, was aus ihm voraussichtlich werden würde. Die Tora gehe davon aus, dass er sein Erbe vergeuden, zum Räuber werden und schließlich Kapitalverbrechen begehen werde. Besser, so der Midrasch, er sterbe noch unschuldig, als später als Mörder.
Ob wir diese Argumentation überzeugend finden oder nicht – die rabbinische Tradition selbst scheint mit diesem Schluss nicht zufrieden gewesen zu sein.
Die Rabbinen bewahren das Gesetz, machen seine Anwendung aber praktisch unmöglich.
Die Mischna (Sanhedrin 8,1) beginnt sofort, den Anwendungsbereich des Gesetzes einzuschränken. Möchte der Vater den Sohn vor Gericht bringen, die Mutter aber nicht – oder umgekehrt –, kann das Verfahren nicht stattfinden. Der Talmud (Sanhedrin 71a) geht noch weiter. Rabbi Jehuda fordert, dass Vater und Mutter dieselbe Stimme, dasselbe Aussehen und dieselbe Körpergröße haben müssen, bevor ihr Sohn überhaupt als »ben sorer uʼmoreh« eingestuft werden kann.
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Die Rabbinen bewahren das Gesetz, jedoch machen sie seine Anwendung praktisch unmöglich. Der Talmud überliefert sogar die außergewöhnliche Auffassung Rabbi Schimons: »Einen ›ben sorer uʼmoreh‹ hat es nie gegeben und wird es auch nie geben.«
Warum also wurde dieses Gesetz überhaupt niedergeschrieben? Seine Antwort wirkt zunächst etwas unbefriedigend: »Derosch wekabel sachar« – »Studiere es und empfange dafür Lohn«. Doch verlangt die Tora nicht mehr von uns, als es als eine rein theoretische, juristische Übung zu betrachten? Vielleicht aber haben die Rabbinen erkannt, dass die tiefste Botschaft dieses Abschnitts ganz woanders liegt.
Selbst dort, wo Liebe, Eifersucht und familiäre Spannungen eine Rolle spielen, muss Gerechtigkeit gelten
Unmittelbar vor dem Gesetz vom widerspenstigen Sohn behandelt die Tora die Rechte des Erstgeborenen. Ein Vater darf den Erstgeborenen nicht enterben, nur weil er den Sohn einer anderen Frau bevorzugt. Selbst dort, wo Liebe, Eifersucht und familiäre Spannungen eine Rolle spielen, muss Gerechtigkeit gelten.
Ohne jeden Übergang wendet sich die Tora anschließend einer Familie zu, deren Zusammenhalt vollständig zerbrochen ist. Vielleicht ist diese Gegenüberstellung kein Zufall. Die Tragödie des Falles eines »ben sorer uʼmoreh« besteht nicht einfach darin, dass ein Sohn rebelliert – Jugendliche haben sich zu allen Zeiten manchmal gegen ihre Eltern aufgelehnt.
Die eigentliche Tragödie besteht darin, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind so tief zerrüttet ist, dass es scheinbar keinen Weg der Versöhnung mehr gibt. Die Eltern finden keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn, und der Sohn hört die Stimmen seiner Eltern nicht mehr. Die Familie ist an einen Punkt gelangt, an dem das Gespräch durch ein Gerichtsverfahren ersetzt wird. Das ist weit erschreckender als die jugendliche Auflehnung.
Heute wissen wir etwas, was der antiken Welt verborgen blieb. Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass sich das Gehirn während der Pubertät tiefgreifend umstrukturiert. Die Bereiche, die für Impulskontrolle, emotionale Selbstregulation und langfristiges Urteilsvermögen zuständig sind, reifen deutlich langsamer als jene, die Emotionen und Belohnung steuern. Jugendliche sagen mitunter unüberlegte Dinge – nicht weil sie dazu bestimmt wären, Verbrecher zu werden, sondern weil sie noch dabei sind, erwachsen zu werden.
Nicht jedes Gesetz in der Tora ist dazu bestimmt, umgesetzt zu werden
Das jüdische Recht spiegelt letztlich eine ähnliche Einsicht wider. In der Praxis wurde die Kategorie des »ben sorer uʼmoreh« so eng definiert, dass sie aus dem jüdischen Leben faktisch verschwand. Und dennoch bleibt dieser Abschnitt Teil unserer Tora – vielleicht gerade deshalb. Nicht jedes Gesetz in der Tora ist dazu bestimmt, umgesetzt zu werden. Manche Gesetze sollen moralische Reflexion hervorrufen und uns zwingen, uns schwierigen Fragen zu stellen.
Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, gehört zu den Grundwerten des Judentums. Doch Kinder lernen Achtung nicht einfach deshalb, weil man sie von ihnen verlangt. Sie lernen sie, weil sie selbst Beziehungen erfahren haben, die von Liebe, Verlässlichkeit, Vertrauen, klaren Grenzen, Vergebung und gegenseitigem Respekt geprägt sind. Eltern erziehen nicht bloß gehorsame Kinder auf Knopfdruck, sondern sind Vorbilder, die ein Kind nachahmen wird.
Der »ben sorer uʼmoreh« erinnert uns daran, was auf dem Spiel steht, wenn dieser Prozess scheitert – nicht nur für eine einzelne Familie, sondern für die ganze Gemeinschaft.
Kinder lernen Respekt nicht einfach, weil er von ihnen verlangt wird.
Wenn ich heute an Amir zurückdenke, frage ich mich nicht mehr, ob er als »ben sorer uʼmoreh« gegolten hätte. Stattdessen erinnere ich mich an etwas viel Wichtigeres. Seine Mutter hörte nicht auf, mit ihm zu sprechen. Und er hörte nicht auf, mit ihr zu sprechen – das Gespräch ging weiter.
Vielleicht ist genau dies das eigentliche Gegenbild zum »ben sorer uʼmoreh«: nicht perfekte Kinder oder perfekte Eltern, sondern Familien, die stattdessen miteinander im Gespräch bleiben – selbst durch Zorn, Enttäuschung und Rebellion hindurch.
Die Rabbinen sorgten dafür, dass der »ben sorer uʼmoreh« niemals vor Gericht stehen würde
Die Rabbinen sorgten dafür, dass der »ben sorer uʼmoreh« niemals vor Gericht stehen würde. Und unsere Aufgabe besteht darin, Familien und Gemeinschaften aufzubauen, in denen das Urteil niemals die Beziehung ersetzt, in denen Strafe niemals die erste oder einzige Sprache ist, die wir sprechen, und in denen die Hoffnung niemals aufgegeben wird.
Vielleicht bewahrt die Tora gerade deshalb dieses schwierige Gesetz: nicht weil sie erwartet, dass wir ein Kind verurteilen, sondern weil sie uns auffordert, unsere gemeinsame Verantwortung füreinander wahrzunehmen.
Indem wir mit diesem verstörenden Abschnitt ringen, werden wir eingeladen, Mitgefühl zu entwickeln, die Würde jedes Menschen zu schützen und eine Gesellschaft aufzubauen, in der ein solches Gesetz niemals im Bereich des Vorstellbaren sein muss – eine Gemeinschaft, die in der Gegenwart der Schechina, der gʼttlichen Gegenwart, lebt.
Die Autorin ist Malerin und Montessori-Pädagogin. Sie ist »Mora Halacha«, ein Titel für orthodoxe Frauen, die das religiöse Gesetz studiert haben und lehren.