Talmudisches

Das Gebet am Ende der Mahlzeit

Im Tischgebet geht es daher nicht nur um Dankbarkeit, sondern auch um Demut. Foto: Getty Images/iStockphoto

Tischgebete kennen alle Weltreligionen. Doch während sich beispielsweise Christen vor dem Essen für das »tägliche Brot« bedanken, steht in der jüdischen Tradition der Dank am Ende der Mahlzeit.

Im Midrasch Tanchuma (Lech Lecha 12) wird erzählt, wie bereits Awraham seine Gäste dazu anhielt. Als er Menschen bewirtete und sie ihn dafür segnen wollten, sagte ihnen der Stammvater, sie sollten demjenigen danken, »der der ganzen Menschheit Speise und Trank gibt und dem Menschen den Atem des Lebens einhaucht«. Als sie ihn fragten, wie sie ihre Dankbarkeit bekunden könnten, antwortete er: »Sagt: ›Gepriesen sei der Herr, der für alle Ewigkeit gepriesen sein soll; gepriesen sei Er, der allen Seinen Geschöpfen Brot und Nahrung gibt.‹«

Wer Brot gegessen hat, soll das Tischgebet sagen

In der Tora (5. Buch Mose 8,10) ist folgende Anweisung zu lesen: »Und du sollst essen und satt werden und Haschem, deinen Gott, preisen für das gute Land, das Er dir gegeben hat.« Im Satz davor (8,9) wird ausdrücklich das Brot erwähnt. Wer also Brot gegessen hat oder es mit seinen Gästen gebrochen hat (Brachot 45a), soll das Tischgebet, das Birkat Hamason, sagen.

Im Talmud ist ein ganzes Kapitel den Details des Tischgebets gewidmet. Dem Text ist zu entnehmen, dass es sich zunächst um drei Segenssprüche handelte. Heute besteht das Birkat Hamason aus vier Teilen: dem Segen über die Nahrung, dem über das Land, dem über Jerusalem und schließlich dem über Gottes Güte. Den ersten Teil hat nach den Angaben von Rav Nachman (Brachot 48b) Mosche eingeführt, den zweiten Jehoschua, der dritte stammt von David und Schlomo. Der vierte Segen wurde nach dem Aufstand von Beitar ergänzt.

Ursprünglich wurde der Text des Birkat Hamason von den Rabbinern nie wirklich festgelegt oder standardisiert. Der Talmud schreibt zwar bestimmte Grundformulierungen vor, aber ansonsten variierte der genaue Text von Gemeinde zu Gemeinde.

Voraussetzung für das Tischgebet ist, dass man es mit vollem Magen spricht

Eine Voraussetzung für das Tischgebet ist, dass man es mit vollem Magen spricht. Insofern ist vorgesehen, dass man es nicht später als 72 Minuten nach dem Ende der Mahlzeit spricht. Aber wenn sechs Stunden vergangen sind, gehen unsere Weisen davon aus, dass sich wieder ein Hungergefühl einstellt, und dann ist es für das Birkat Hamason zu spät.

Apropos voller Magen: »Brot ist das, was sättigt«, es stillt den Hunger, heißt es im Talmud (Brachot 35b). Und mit gestilltem Hunger könnte man schnell die Dankbarkeit für die Nahrung vergessen. Auch daher steht das Birkat Hamason am Ende der Mahlzeit, erläutert der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020): »Gerade dann, wenn wir am ehesten vergessen, brauchen wir eine Erinnerung daran, dass das, was wir haben, von Gott stammt, dem Schöpfer und Erhalter von allem.«

Sacks wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das ausführliche Tischgebet biblischen Ursprungs ist, während die Verpflichtung, vor dem Essen eine kurze Bracha zu sprechen, einer rabbinischen Anordnung folgt. Im Talmud (Brachot 35b) ist von der grundsätzlichen Verpflichtung eines Segensspruches bei jedem Genuss zu lesen.

Der amerikanische modern-orthodoxe Rabbiner Norman Lamm (1927–2020) erklärt, warum über Brot ein ausführliches Tischgebet gesprochen wird, während für eine Frucht eine kurze Bracha genügt. Eine Frucht wächst weitgehend ohne menschliches Zutun. Brot hingegen entsteht erst durch die Arbeit des Menschen – von der Ernte des Getreides über die Verarbeitung zu Mehl bis zum Kneten und Backen. Gerade deshalb, so Lamm, muss der Mensch daran erinnert werden, seine Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer zum Ausdruck zu bringen. Denn bei einem Lebensmittel, an dessen Entstehung der Mensch so maßgeblich beteiligt ist, kann leicht der Eindruck entstehen, es sei vor allem sein eigenes Werk.

Im Tischgebet geht es daher nicht nur um Dankbarkeit, sondern auch um Demut. Gerade dann, wenn es dem Menschen gut geht und er satt ist, soll er sich daran erinnern, dass nicht er, sondern Gott der Ursprung und Erhalter allen Lebens ist.

Lech Lecha

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