Erlösung

Nur ein scheinbarer Gegensatz

Mit Krönchen ... Foto: Getty Images

Der Talmud lehrt: »Drei Dinge kommen unerwartet: der Maschiach, ein Fund und ein Skorpion« (Sanhedrin 97a). Der Maschiach wird also zu einem Zeitpunkt kommen, an dem niemand mit ihm rechnet. Gleichzeitig gehört der Glaube an seine Ankunft zu den Grundsätzen des Judentums. Dem Talmud (Schabbat 31a) zufolge lautet eine der ersten Fragen, die einem Menschen im himmlischen Gericht nach seinem Tod gestellt werden: »Hast du die Erlösung erwartet?«

Wir stehen also vor einem scheinbaren Widerspruch. Einerseits müssen wir die Ankunft des Maschiach erwarten, erhoffen und an sie glauben. Andererseits wissen wir, dass der Maschiach gerade dann kommt, wenn niemand mit seinem Erscheinen rechnet. Der Talmud formuliert diesen Gedanken im Traktat Sanhedrin 97a besonders zugespitzt: »Der Sohn Davids (der Maschiach) wird nicht kommen, bis man die Hoffnung auf die Erlösung aufgegeben hat.«

Auf den ersten Blick scheinen diese Aussagen einander zu widersprechen. Das Judentum fordert den Menschen auf, täglich auf die Erlösung zu hoffen und an das Kommen des Maschiach zu glauben. Gleichzeitig betont der Talmud, dass der Maschiach unerwartet kommt und sogar erst dann erscheint, wenn die Hoffnung auf die Erlösung bereits geschwunden ist.

Der Glaube an den Maschiach darf niemals aufgegeben werden

Der Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn zwischen dem Glauben an den Maschiach und der Erwartung eines konkreten Zeitpunktes unterschieden wird. Der Glaube an den Maschiach darf niemals aufgegeben werden. Aufzugeben ist vielmehr die Vorstellung, seinen Zeitpunkt berechnen oder bestimmen zu können. Gerade wenn alle menschlichen Hoffnungen, Pläne und Berechnungen erschöpft sind und deutlich wird, dass die Erlösung allein von Gʼtt abhängt, kann der Maschiach kommen.

Darin liegt die eigentliche Botschaft der messianischen Zeit: Der Mensch erkennt, dass nicht politische Macht, militärische Stärke oder menschliche Planung die Welt erlösen, sondern allein Gʼtt. Das messianische Zeitalter ist die Zeit, in der diese Erkenntnis zur Wirklichkeit wird und die gesamte Menschheit die Herrschaft Gʼttes anerkennt. Deshalb soll der Mensch sein Leben lang auf die Erlösung hoffen, ohne zu meinen, ihren Zeitpunkt zu kennen oder kontrollieren zu können.

In den jüdischen Quellen finden sich einige Stellen, die den Maschiach und das messianische Zeitalter beschreiben. Kurz vor seinem Tod segnet Jakow die Stämme Israels. Im Segen für Jehuda heißt es: »Das Zepter wird nicht von Jehuda weichen und der Herrscherstab nicht zwischen seinen Füßen, bis Schilo (ein Name, der für den Maschiach steht) kommt; und ihm werden die Völker gehorchen« (1. Buch Mose 49,10). Diese Stelle wird in der klassischen rabbinischen Auslegung als die erste eindeutige messianische Prophezeiung des Tanach verstanden. Daraus geht hervor, dass der Maschiach aus dem Stamm Jehuda kommen muss.

Die biblischen Quellen zeichnen insgesamt ein klares Bild des messianischen Zeitalters.

Eine weitere messianische Stelle in der Tora findet sich in den Worten Bileams: »Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht nahe. Ein Stern geht aus Jakow hervor, und ein Zepter erhebt sich aus Israel ...« (4. Buch Mose 24,17).

Der Prophet Jeschajahu zeichnet in Kapitel 11 eines der deutlichsten Bilder des Maschiach: »Und ein Reis wird aus dem Stumpf Isais hervorgehen, und ein Spross wird aus seinen Wurzeln hervorwachsen. Und auf ihm wird ruhen der Geist Gʼttes: ein Geist der Weisheit und der Einsicht, ein Geist des Rates und der Stärke, ein Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor Gʼtt. (...) Dann wird der Wolf beim Lamm wohnen (...) Man wird weder Böses tun noch Verderben anrichten (...), denn die Erde wird erfüllt sein von der Erkenntnis Gʼttes, wie die Wasser das Meer bedecken. (...) An jenem Tag wird die Wurzel Isais als Banner für die Völker dastehen; nach ihm werden die Nationen fragen. (...) Er wird die Verstoßenen Israels sammeln und die Zerstreuten Jehudas von den vier Enden der Erde zusammenbringen.«

Der Maschiach wird also aus dem »Stumpf Isais« hervorgehen. Isai ist der Vater Davids. Damit wird, nachdem dies bereits im Buch Schmuel angekündigt wurde, nochmals bestätigt, dass der Maschiach nicht nur aus dem Stamm Jehuda, sondern auch aus dem Haus Davids stammt. Seine Ankunft ist mit weltweitem Frieden und Gerechtigkeit verbunden. Er ist vom Geist Gʼttes erfüllt, sammelt alle Juden im Land Israel, und die Völker der Welt erkennen den einen Gʼtt und seine Herrschaft an.

Die Sammlung der Zerstreuten

Ein ähnliches Bild findet sich bereits in der Tora: »Dann wird der Ewige, dein Gʼtt, dein Geschick wenden, sich deiner erbarmen und dich wieder sammeln aus allen Völkern, unter die der Ewige, dein Gʼtt, dich zerstreut hat. Selbst wenn deine Verstoßenen am Ende des Himmels wären, wird der Ewige, dein Gʼtt, dich von dort sammeln und dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben. Der Ewige, dein Gʼtt, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den Ewigen, deinen Gʼtt, liebst mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele« (5. Buch Mose 30, 3–6).

Mit anderen Worten beschreibt die Tora die Sammlung der Zerstreuten, die Rückkehr Israels in sein Land und die geistige Erneuerung des Volkes durch die Hinwendung zu Gʼtt. Dieses Motiv begegnet uns immer wieder in den prophetischen Schriften: »Am Ende der Tage wird der Berg des Hauses Gʼttes fest gegründet sein als Haupt der Berge und über die Hügel erhaben. Alle Nationen werden zu ihm strömen. Viele Völker werden sprechen: ›Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg Gʼttes, zum Haus des Gʼttes Jakows. Er wird uns Seine Wege lehren, und wir wollen auf Seinen Pfaden gehen.‹ Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des Ewigen von Jerusalem. Er wird zwischen den Nationen richten und vielen Völkern Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden (...). Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr erlernen« (Jeschajahu 2).

Ebenso heißt es: »Von Gewalttat wird man in deinem Land nicht mehr hören, weder von Verwüstung noch von Zerstörung innerhalb deiner Grenzen. (...) Der Ewige wird dir zum ewigen Licht sein, und die Tage deiner Trauer werden beendet sein. Dein Volk – sie alle werden Gerechte sein. Für immer werden sie das Land besitzen« (Jeschajahu 60).

Für den Rambam ist der Maschiach ein menschlicher König.

Die biblischen Quellen zeichnen insgesamt ein klares Bild des messianischen Zeitalters: Frieden herrscht auf der Erde, der Tempel in Jerusalem steht wieder, alle Juden leben nach ihrer Sammlung im Land Israel, die Völker erkennen den einen Gʼtt, dessen Gegenwart offensichtlich geworden ist, und die Beziehung zwischen Gʼtt und den Menschen erreicht eine neue Nähe. Angeführt wird diese Zeit von einem Nachkommen aus dem Hause Davids.

Maimonides, der Rambam, fasst diese Vorstellungen in den Hilchot Melachim (Kapitel 11) recht pragmatisch zusammen: »In der zukünftigen Zeit wird der König Maschiach auftreten und die davidische Dynastie erneuern. Er wird ihre ursprüngliche Herrschaft wiederherstellen, den Tempel errichten und die Zerstreuten Israels sammeln.«

Nach Auffassung des Rambam werden in den Tagen des Maschiach alle Gebote wieder in ihrer ursprünglichen Weise erfüllt werden. Wer nicht an ihn glaube oder nicht auf seine Ankunft warte, leugne damit nicht nur die Worte der übrigen Propheten, sondern auch die Tora und Mosche, schreibt der jüdische Gelehrte. Der Rambam erläutert, dass ein möglicher Maschiach dann anzunehmen sei, wenn dieser sich mit der Tora beschäftige, ihre Gebote gemäß der schriftlichen und mündlichen Tora erfülle und ganz Israel dazu anhalte, den Wegen der Tora zu folgen und deren Einhaltung zu stärken. Gelinge es ihm darüber hinaus, den Tempel an seinem ursprünglichen Ort wieder aufzubauen und die Verstoßenen Israels zu sammeln, so stehe fest, dass er der wahre Maschiach sei. Dieser werde schließlich die gesamte Welt dazu führen, gemeinsam G’tt zu dienen, wie es in Zefanja 3,9 heißt: »Dann werde Ich den Völkern eine reine Sprache geben, damit sie alle den Namen G’ttes anrufen und Ihm einmütig dienen.« Sollte der Betreffende jedoch keinen Erfolg haben oder getötet werden, so stehe fest, dass er nicht der von der Tora verheißene Maschiach sei.

Belohnung nach dem messianischen Zeitalter

Der Rambam legt damit religionsgesetzlich fest, dass der Maschiach kein überirdisches Wesen ist, sondern ein menschlicher König, der zugleich politischer und spiritueller Anführer des jüdischen Volkes ist.

Obwohl die biblischen und rabbinischen Quellen erstaunlich klar über den Maschiach und das messianische Zeitalter sind, bleiben zahlreiche Fragen offen. So wird bis heute darüber diskutiert, ob es einen maximal spätesten Zeitpunkt für sein Kommen gibt, in welcher Reihenfolge sich die einzelnen Ereignisse vollziehen werden, wie lange das messianische Zeitalter andauert und wann der Übergang zur kommenden Welt, einer Welt der Belohnung nach dem messianischen Zeitalter, erfolgt.

Darin zeigt sich eine zentrale jüdische Haltung: Nicht die genaue Berechnung der Zukunft ist unsere Aufgabe, sondern das Vertrauen in Gʼtt. Wann und wie die Erlösung eintritt, bleibt letztlich in Seiner Hand. Unsere Aufgabe ist es, die Welt durch Tora, Mizwot und gute Taten zu verbessern und so unseren Beitrag zur Erlösung zu leisten.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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