In diesem Buch geht es um UNS. Uns, die aschkenasischen Juden. Nicht die sefardischen, also die Nachfahren der aus Spanien und Portugal 1492/97 vertriebenen Glaubensbrüder und -schwestern. Uns, die Nachfahren der vornehmlich deutschen und nordostfranzösischen Juden ebenso wie die »Ostjuden«. Wie wurden wir, was wir wurden – oder (wie viele?) von uns nicht mehr sind? Oder wenn, dann Aschkenasim durch Geburt, doch ohne Wissen.
Mutterland und Diaspora
Der an der Freien Universität Berlin sowie an der amerikanischen Elite-Universität Princeton lange lehrende Peter Schäfer, wohl der international bedeutendste lebende Judaist, beginnt sein neues Buch »Das aschkenasische Judentum. Herkunft, Blüte, Weg nach Osten« mit einem Paukenschlag:
»Ausgangspunkt und leitendes Motiv des Buches ist die Einsicht, dass die gesamte jüdische Geschichte von ihren Anfängen bis in die Gegenwart durch die Doppelgesichtigkeit von Mutterland und Diaspora bestimmt ist, dass es nie ein Mutterland ohne Diaspora gegeben hat und dass beide eng aufeinander bezogen sind. Das Narrativ vom judäischen Mutterland als dem einzigen und ewigen Kern und Zentrum des jüdischen Volkes und der Diaspora als Folge einer von Vertreibungen, angefangen beim Babylonischen Exil, ist eine Fiktion, die der Zionismus versucht hat – und bis heute versucht – zur maßgebenden Doktrin des Staates Israel zu erheben. Mutterland und Diaspora waren und sind seit jeher zwei Seiten derselben Sache, von denen keine Seite sich der anderen entledigen kann, ohne wesentliche Aspekte des Judentums aufzugeben.«
Starker Tobak, aber faktengesättigt, wobei die Fakten, allgemeinverständlich sowie ohne das unter Geisteswissenschaftlern so beliebte, dünkelhafte Jargonesisch erzählt, auf 560 Seiten zu finden sind. 560 Seiten, frei nach Woody Allen: Alles, was du schon immer über Aschkenas wissen wolltest – und noch viel mehr? Keine Sorge. Man kann – mit großem Gewinn – alles lesen, muss man aber nicht, denn das Buch ist so klar gegliedert, dass man, wie auf einer Speisenkarte, das jeweils Erwünschte wählen kann.
Wie auf einer Speisekarte
So ist das Buch gegliedert: Erstens: Herkunft. In diesem Teil rollt Schäfer auf relativ begrenztem Raum präzise und zugleich eigene Akzente setzend die gesamtjüdische Exilgeschichte auf. Zweitens: Verbreitung. Weit über die Geografie hinaus werden auch die lokalen nichtjüdischen Einflüsse auf die Juden beschrieben. Drittens: Gemeindeleben, ohne romantische Schönfärberei und immer mehrschichtig, ohne Eindimensionalität. Viertens: das Leben mit der Torah, also Religionsgeschichte und -praktiken über Torah und Talmud hinaus. Fünftens: Verfolgungen und Vertreibungen einschließlich ihrer Motive und Folgen. Für beide Seiten. Sechstens: der Weg nach Osten, also zu Dominanz und Untergang nicht nur des besonders seit dem 14. Jahrhundert nach Osteuropa drängenden und gedrängten Judentums.
Manche sagen schon lange oder werden nach den wuchtigen Aussagen und Gewichtungen, die nicht nur am Buchanfang zu finden sind, sagen, Peter Schäfer fehle »Ahavat Israel«, die Liebe zum Judentum bzw. zum jüdischen Volk. Ich widerspreche heftig, weil ich Person und Werk kenne. Es ist die Liebe eines Nichtjuden zu Volk und Staat Israel, der beide optimal kennt. Ihre Stärken ebenso wie ihre Schwächen. Weit besser als die meisten Juden und Israelis sich selbst. Seine Sicht auf uns Juden, nicht nur die aschkenasischen, ist beides: Außensicht mit Bestkenntnissen des gesamtjüdischen Binnendaseins. Dieser Geist durchweht auch dieses nicht nur hochinformative, sondern auch zum Nach-Denken höchst anregende Buch.
Peter Schäfer: Das aschkenasische Judentum. Herkunft, Blüte, Weg nach Osten, München, C. H. Beck 2024, 560 Seiten, 39 €