Wer Nazi war, bestimmen die Nachfahren der Nazis, der Mitmacher, Mitläufer oder auch »nur« Wegschauenden. Diese Feststellung gilt besonders bezogen auf eher linke Milieus der bundesdeutschen Wissenschaft, Kultur und Medien. Das Modell »Nazi-Keule« erweist sich in jenen Kreisen und teils auch darüber hinaus als karrierefördernde Geschäftsgrundlage. Für diese geschlossene Gesellschaft gilt auch nicht der wissenschaftliche Gegenbeweis eines jüdischen Historikers, der, wie ich in meinem neuesten Buch, den einst weltberühmten Dirigenten Herbert von Karajan zwar als »Formalnazi«, nicht jedoch als »Gesinnungsnazi« bezeichnet.
Von 1955 bis 1989 war Karajan bekanntlich Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. In seiner Glanzzeit musizierten vier jüdische Konzertmeister, allesamt Holocaustüberlebende: der aus Polen stammende Michel Schwalbé, die Berliner Leon Spierer und Hellmut Stern sowie Thomas Brandis. Der politisch Agilste von ihnen war Hellmut Stern. Seit den späten 70er-Jahren stellte er sich diverser Interna wegen an die Spitze der Anti-Karajan-Front im Orchester. Aber nein, ein Nazi sei Karajan nicht gewesen. Ein Opportunist. In Sterns Augen offenbar ein eher harmloser, denn 1968 unternahm er auf eigene Initiative eine Israel-Mission zugunsten Karajans: Man möge den großen Meister doch bitte, endlich, im jüdischen Staat dirigieren lassen. Nein, dankten die Israelis knapp und klar. Deutlich stiller als Stern war der im polnischen Radom 1919 geborene und 2012 in Berlin verstorbene Konzertmeister Karajans, Michel Schwalbé. Seinerzeit »der« Konzertmeister seines Meisters. War er ein NS-Reinwäscher?
Der Holocaustüberlebende Michel Schwalbé war von 1957 bis 1985 Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan, der ihn von dessen Traumposten beim Genfer Orchestre de la Suisse Romande nach West-Berlin (ver)führte. Seinen Wechsel von der Schweiz nach Deutschland verstand Schwalbé als Zeichen der Ver- und Aussöhnung. Nachzulesen damals im »Tagesspiegel« und dauerhaft auf seinem Grabstein. Ort: Jüdischer Friedhof, Berlin, Scholzplatz. Oben: »Ein Leben für Musik und Aussöhnung«. Unten: »– In memoriam – Seine im Holocaust verlorene Familie.« Wen hatte Michel Schwalbé vor allem verloren? Mutter, Vater, Schwester.
Vielleicht gibt Schwalbés Lesezeichen auf den Seiten 20/21 der Karajan-Biografie Roger Vaughans eine Antwort? Sein Vertrauter und Bogenbauer Gregor Walbrodt, der wunschgemäß des Geigers Haushalt nach dessen Tod auflöste, fand Buch plus Lesezeichen und empfand die dortige Charakterisierung Karajans als Botschaft des von ihm so geschätzten Verstorbenen: »Die besten Dirigenten verströmen ganz einfach Musik … ihre Gegenwart ist so überragend – das mammuthafte Ego gezügelt durch überwältigenden Charme, Eindringlichkeit, Schärfe, Leidenschaft oder Flehen –, dass man sich ihrem Willen nicht entziehen kann.«
Das waren die »Lebensräume« und -stationen des holocaustüberlebenden Geigers Michel Schwalbé: Polen, Frankreich, Schweiz und dort, jawohl, von 1942 bis 1943 Konzentrationslager, weil »die« Juden auch in der Schweiz während des Holocaust gar so »willkommen« waren.
Der »vielseitigste Dirigent« habe sich das Leben nicht leicht gemacht, so Schwalbé.
Michel war fünf, als er 1924 mit Eltern und Schwester Lola nach Warschau übersiedelte. Erinnerungen aus und an Warschau: Katholische Buben jagten jüdische, schlugen sie, manchmal mit Ruten, an denen Rasierklingen befestigt waren. Jüdische Feiertage: Die Eltern nahmen Klein-Michel in die Synagoge mit, wo er zum ersten Mal jüdische Gesänge hörte, die ihn tief berührten, weil sie so beseelt und traurig waren. Die Synagogengänge wurden seltener, aber die Bindung ans Judentum blieb.
Der Antisemitismus in Polen wurde unerträglich. Mutter und Michel (samt Geige) ziehen im September 1933 nach Paris. Paris: Faszinierend, aber. Der Onkel dient in Frankreich im polnischen Exilmilitär. Dort: Wüste Antisemitismen. Verbal und körperlich. Vom Regen in die Traufe.
Der liebe Onkel, der Michel und Mutter in Paris aufgenommen und unterstützt hatte, war allmählich doch nicht so liebevoll. 1935: Man ging sich allmählich wechselseitig auf die Nerven. Besonders betroffen: seine Mutter. In Frankreich bekommt sie keine Arbeitserlaubnis. Dem Onkel geht allmählich das Geld aus. Wie fast überall auf der Welt nahmen »die« (meisten) Franzosen die verfolgten Juden »mit offenen Armen« auf … Mutter kehrt nach Warschau zurück. Auf Nimmerwiedersehen. Endstation »Endlösung«. Treblinka, wo auch seine Schwester Lola ermordet wird.
Schwalbés Überleben in Paris und dann im übrigen besetzen Frankreich hing am seidenen Faden. Versteck, Verfolgung, Hunger, Armut. September 1942: Flucht. Teure Fluchthelfer, die der mit seiner Frau ebenfalls tödlich bedrohte Onkel mit seinem letzten Geld bezahlt. Lebensrettende, doch lebensgefährliche Flucht in die Schweiz. Dort – wer weiß es? – KZ. Schwerstarbeit, Demütigungen, Judenhass. Hunger ständiger Begleiter. Dauer der Internierung: September 1942 bis Juni 1943. Dann, endlich, durch glückliche Zufälle zurück zur Musik.
Seit 1943/44 also Aufstieg, Exilanten-Orchestre de la Suisse Romande. Von wegen »Suisse Romande«. Konzertmeister, Solist, Professor – Karajan. Der Nazi und der Holocaustüberlebende. Achtzehn Jahre. »Der Verzicht auf die eigene Solistenkarriere fiel Michel Schwalbé sehr schwer.«
Wann begegneten sich Karajan und Schwalbé erstmals? 1956, in Genf. Maestro K hörte in Genf zufällig eine Aufnahme. »Wer ist der Geiger?« Man nennt ihm den Namen, nichts wie hin zu ihm. »Was sind Sie?«, fragt der Große Meister, den Schwalbé natürlich sofort erkannte. »Weltbürger«, so der Geiger. Nicht gerade eine Antwort, die einem waschechten Nazi gefallen könnte.
Siebzehn Jahre später, 1973, wärmste Worte Schwalbés über »unseren Chef«, zu dessen 65. Geburtstag: Er sei der »vielseitigste Dirigent« und »macht sich das Leben nicht leicht. In keiner Sache.« Sein Wunsch? Er möge »sehr lang in unserem Orchester bleiben«. Spricht ein Holocaustüberlebender so über einen Gesinnungsnazi?
Klaus Lang fragte Schwalbé nach seinen »schönsten Erlebnissen« mit Karajan. Die Antwort bezog sich (von mir abgeleitet aus dem Zusammenhang) auf eine Darbietung des »Heldenlebens« von Richard Strauss in der ersten Hälfte der 60er-Jahre (am 15. August 1964?), als Karajan in Österreich »auf das äußerste kritisiert (wurde), und es spielte sicher viel Neid mit. Gerade zu dieser Zeit wurden wir nach Wien zu den Festwochen eingeladen. Ich weiß noch, dass ich neben einigen Brahms-Sinfonien auch das große Violinsolo im ›Heldenleben‹ von Richard Strauss zu spielen hatte. Da habe ich mich ganz besonders eingesetzt, um auch Karajan zum denkbar größten Erfolg in Wien zu verhelfen. Damals hat er selbst bis zum äußersten dirigiert und sich völlig verausgabt. Nach einem solchen Konzert kam ich zu ihm, und auch er war ganz verschwitzt. Unsere Seelen waren noch ganz heiß im Feuer des Gefechts. Ich sagte zu ihm: ›Herr von Karajan, mein Gott, ich freue mich so sehr, dass Sie gerade jetzt in dieser Stadt einen so phantastischen Erfolg haben‹. Da nahm er mich in seine Arme und hat sich auch für meine Hilfe sehr, sehr bedankt. Das war ein besonderer Höhepunkt.« Sehen so Begegnungen zwischen einem Nazi und einem Juden aus?
Der Pianist Alexis Weissenberg kam in Sofia zur Welt und war, gemeinsam mit seiner Mutter, durch größtmögliches Glück der Judenvernichtung entkommen. Von 1967 bis 1979 musizierten Weissenberg und Karajan in 19 Konzerten und produzierten 13 Aufnahmen.
Der Schriftsteller, Auschwitz-Überlebende und spätere Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel war hierüber empört. Hier der Dialog der beiden aus dem Jahre 1973.
Wiesel: »Wie konnte so ein großer Dirigent so ein großer Nazi sein? … (Auch) die Kultur hat getötet. Für mich eine Katastrophe. Ich habe eine Platte von Ihnen mit Karajan gehört. Das schmerzte mich.«
Weissenberg: »Er war kein Nazi. Es ist ein großes Unrecht, ihn Nazi zu nennen…«
Wiesel: »Er hat in einer Nazi-Uniform gespielt.«
Weissenberg: »Und das ist das Einzige, was man dazu sagen kann, nicht wahr? Er ist ein Mann, der von vielen verurteilt wurde. Oft von Chefdirigenten, die richtig neidisch auf ihn waren. Der Neid, der ihn umgab, war so groß wie die Verehrung. Für mich gibt es nichts Intimeres, als mit einem Menschen auf der Bühne zusammenzuarbeiten. Und dabei ist die Bühne nur Beiwerk. Es ist dabei ganz einfach so, dass wir dabei unser Innerstes und Intimstes miteinander teilen. Ich könnte das nicht mit jemandem, über den ich jenseits der Musik ein negatives Urteil gefällt hätte.«
Klaus Riehle kennt und nennt in seinem Buch über den »Täter« Karajan dieses Gespräch. Aber: Er zitiert nur die belastenden Worte von Wiesel, nicht die entlastenden von Weissenberg. So kann man nicht nur Karajans Geschichte (um)formen.
Michael Wolffsohn: »Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus«. Herder, Freiburg 2026, 368 S., 26 €
